Kultur : Frankfurter Buchmesse: Der Himmel über Warschau

Christian Huther

Wer kennt schon die polnische Malerei? Bis vor 200 Jahren, also bis zum Ende der Herrschaft des letzten Polenkönigs Stanislaus II. August Poniatowski, war sie in der Tat kaum identifizierbar. Zumindest nicht bei der Landschaftsmalerei, die keine großen Unterschiede zu der aus Frankreich oder Italien aufwies. Kein Wunder also, dass der Rückblick der Schirn Kunsthalle in Frankfurt am Main anlässlich des diesjährigen Polen-Schwerpunktes der Frankfurter Buchmesse ausgerechnet mit zwei Ausländern beginnt. Der Italiener Bernardo Bellotto, der bei seinem Onkel Antonio Canaletto die Kunst der Vedute gelernt hatte, ging 1767 von Dresden nach Warschau, wurde königlicher Hofmaler und blieb bis zu seinem Tod 1780. Und der Franzose Jean-Pierre Norblin de la Gourdaine lebte 1774 bis 1804 in Polen und beeinflusste das polnische Rokoko.

Damit herrschte in Polen lange Zeit das Bild von der kultivierten (Garten-)Landschaft vor. Bellotto beispielsweise schilderte 1773 die Hauptstadt Warschau vom Königsschloss aus in prächtigen Farben und unter einem fast südländisch anmutenden Himmel. Erst um 1820 wandte man sich der ungebändigten Natur zu. Und wieder war es ein Ausländer, der Österreicher Franz Xaver Lampi, der mit seinen romantischen Gebirgslandschaften als Vorbild wirkte. Doch die politischen Teilungen des Landes zwischen 1772 und 1815 ließen das Nationalbewusstsein erstarken und den Ruf nach Darstellung einer authentischen Landschaft ertönen. Die Natur galt als Rückzugsgebiet vor der Politik. Fortan war die Hohe Tatra im Süden Polens ein beliebtes Motiv, die bergige Wildnis wurde zur Schaubühne der Nation.

Das Schicksal der mehrmaligen Teilung beschäftigte seinerzeit und auch heute noch die Künstler, Politiker und Historiker. Der Kunsthistoriker Adam Krzeminski gibt gar der "Geografie die Hauptschuld an der polnischen Geschichte", verfügt doch das Land über keine natürlichen Grenzen und war damals den Nachbarmächten Russland, Preußen und Österreich wehrlos ausgeliefert. Und dieses Hin- und Hergerissensein äußerte sich oft in einer pessimistischen Stimmung. So erweist sich der Gang durch den nicht in Kabinette aufgeteilten Galerietrakt der Schirn als wahrlich lang gezogenes, historisches Menetekel mit entsprechender Berg- und Talfahrt in der künstlerischen Qualität. Von der Aufklärung bis zur Gegenwart zieht sich Polens schwerblütige Sicht der Natur, die selbst den romantisch veranlagten Deutschen eher fremd ist. Wohl keine Nation verharrte so lang zwischen Dramatik und Lyrik, zwischen Romantik und Symbolismus, wie dies Ferdynand Ruszczyc 1898 mit seinem pathetischen Bild von der Erde oder Józef Chelmonski 1889 mit seinem in sich gekehrten Bild von der ewigen Natur zeigen. Selbst um 1920 herrschten noch die Stimmungsbilder von Jacek Malczewski vor.

Auch die erst spät entstehenden Industriezentren brachten die Künstler kaum von ihren Traumbildern ab, zumal sie keinen Adolph Menzel in ihren Reihen hatten. Zygmunt Radnicki etwa schilderte 1922 eine Fabriklandschaft in hellen, optimistischen Tönen: eine fast spielerische Collage. Ohnehin sind die Polen eher als gute Grafiker bekannt. So ist Jan Hrynkowskis Landschaft von 1921 nur aus parallel geführten Linien aufgebaut. Die Maler dagegen scheinen, wie viele der 160 Bilder aus 230 Jahren zeigen, in der träumerischen Versunkenheit oder im Überschwang der Gefühle eine akademische Bildaufteilung und Pinselführung zu favorisieren. Doch dem Sozialistischen Realismus erteilten die Polen schon in den fünfziger Jahren eine Absage und zogen sich in die Abstraktion zurück. Auch der Gegenpol aus Amerika machte keine Schule, nach dem Motto eines heimischen Künstlers: "Wo kein Konsum, da keine Pop-Art." Heute gilt die Landschaft als relativ autonomes Motiv. So bemalt Tomasz Ciecirski, "documenta"-Teilnehmer von 1992, kleine Leinwände mit Farbhorizonten und fügt sie zu einem Block zusammen. In der Summe der Bilder, so seine Hoffnung, wird die Landschaft wieder Projektionsfläche für die Emotion.

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