Kultur : Frankfurter Buchmesse: Die neue Nachdenklichkeit

Es ist alles ganz anders geworden. Die belletristischen Verlage sind neu angeordnet auf der Frankfurter Buchmesse, die meisten in einer neuen Glashalle, die hoch ist und weit, wie für platzgreifende Automobile geschaffen - nicht so büchereng und -stickig wie früher. Am Mittwoch, dem ersten Messetag, wirkte diese Halle besonders leer und weit: Alles war gedämpfter und leiser als sonst, und in den Gängen verloren sich weitaus weniger Besucher, als man es gewohnt war. An den Eingängen standen Sicherheitskräfte, die von einer diffusen Gefahr kündeten, gelegentlich wurden Taschen durchsucht, doch in Stoßzeiten wurde man durchgewinkt und passierte die Schranken wie eh und je. Das verstärkte ein undeutliches Gefühl der Unsicherheit, das doch etwas mit dieser Leere und Weite und den hoch einsehbaren Hallen zu tun hatte. Im Lauf der Tage jedoch wurde es voller und lauter, der Betrieb drängte zu seinen Ursprüngen zurück. Nur als die Lautsprecherstimme einmal jemanden in den Hallen rief, zuckte man an den Ständen der USA zusammen und rechnete sichtlich mit etwas anderem als mit einer persönlichen Nachricht. Genau einen Monat nach dem Terrorakt in New York gab es eine Schweigeminute, und man hielt sich dran, und auch wieder nicht.

Die plötzliche gesellschaftliche Unsicherheit legte sich über die Unsicherheit im Buch- und Verlagswesen, verdeckte und verstärkte sie gleichzeitig. In Sachen Nobelpreis aber fand die Krise einen modellhaften Ausdruck. Die wichtigsten Bücher von V. S. Naipaul sind bei Kiepenheuer & Witsch erschienen, einem Verlag, dessen Profil zu Naipaul passt, und mittlerweile nur als dtv-Taschenbuch erhältlich. Naipaul wurde in Deutschland aber nie viel gekauft, und als die Forderungen der Agentin dem Kölner Verlag zu hoch erschienen, erwarb Hoffmann und Campe, dessen Profil undeutlicher ist, die Rechte für die kommenden Bücher. Seitdem sind dort ein Roman und zwei eher entlegene Bücher herausgekommen; Taschenbuchlizenzen konnte der Verlag für diese Bücher gar nicht mehr loswerden. Damit war die Agentin unzufrieden, und letztes Jahr legte die Verlagsgruppe Econ-Ullstein-List, bei der die Frage nach dem Profil fast schon deplatziert erscheint und zu der auch der ehemals klangvolle Name Claassen gehört, ein höheres Angebot vor. Der nächste Roman wird also bei Claassen erscheinen, was die Verwirrung nicht mindert. Econ-Ullstein-List hat auch einen Teil der Rechte früherer Bücher erworben, was mit den Taschenbuch-Lizenzen der Kiepenheuer & Witsch-Ausgaben kollidieren könnte - ein Wirrwarr, der weder dem Autor noch dem Leser hilft. Wäre Naipaul weiterhin mit Kiepenheuer&Witsch verbunden, wäre eine Identität des Werks gewährleistet, und der Autor hätte eine auch ökonomisch sinnvolle "Heimat". Dem Autor ist nicht immer mit dem Verlag gedient, der für das jeweils aktuelle Manuskript den höchsten Vorschuss zahlt. Vielleicht differenziert sich da jetzt, im Zeichen der Krise und der neuen Nachdenklichkeit, etwas aus, was in den Jahren des Hypes allzu eindeutig schien.

Der Berlin-Verlag hat sich mit seinem Stehempfang am Vorabend des Messebeginns strategisch geschickt platziert, die Anzüge sind noch schwarz und rein, die Aufmerksamkeit noch geschärft und die Erwartungen noch hoch. Alles beäugt sich an und zwischen den hohen Tischchen des "Frankfurter Hofs", man ist freundlich und lauernd. Viele können sich nicht leiden, aber sie sind alle verdammt professionell. Nur einer sitzt auf einem Stuhl, der wie ein Thron wirkt: der in Würden ergraute Walter Boehlich, ein Urgestein der Kritik und des Aufrechten und der Frankfurter Theorie, und immer kniet sich jemand vor ihn hin. Nur einmal springt Boehlich auf und gibt beherzte Wangenküsschen: Es handelt sich um die Frankfurter CDU-Oberbürgermeisterin Petra Roth. So weit ist es gekommen.

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