Kultur : Frankfurter Buchmesse: Diener vieler Herren

Egon Ammann

Über den Zustand und die Zukunft des Buch-Verlagsgeschäfts ist in den letzten Monaten viel geschrieben worden. Einzelne Verlage lieferten dazu den Stoff, und so wurde von berufener und weniger berufener Seite mit Lust, mit offensichtlicher Häme, mit meist schwacher Kenntnis des tatsächlichen Verlagsgeschäfts und dessen Alltag und zuweilen mit gezielter Boshaftigkeit ein Kürlauf der Kultur- und Feuilleton-Journalisten in Gang gesetzt, der weniger mit der berechtigten Sorge um die Zukunft der Verlage und damit der Vermittlung geistiger und künstlerischer Werte zu tun hatte als mit der imponierend gedachten Selbstdarstellung der schreibenden Akteure. Wenn Verlagsarbeit tatsächlich ein ernstzunehmender Teil von Gesellschaftsarbeit ist, dann haben wir im Spiegel dieser Berichte und Kommentare feinseidiger Damen und Herren ernüchternd feststellen müssen, wie auf den Hund gekommen wir sind.

Nietzsche hat in bezug auf die Leser das böse Wort gefunden: "Wer den Leser kennt, der tut nichts mehr für den Leser. Noch ein Jahrhundert Leser - und der Geist selber wird stinken." In Abwandlung dieses Satzes stinkt es gehörig in unserer Branche. Ein schon fast unübersehbar gewordener aufgeblasener Begleittross einer, wie wir uns leider wohl eingestehen müssen, pervertierten Kulturgesellschaft, der allein darin, dass es ihn gibt, bereits die Kultur manifestiert sieht, feiert Triumpe im Sinne von: Ich bin der Wichtigste. Frankfurt wird es jedem, der offenen Auges, unvoreingenommen und der Bücher wegen über die Buchmesse flaniert, demonstrieren. Käme es auf diese wichtigtuerischen Schießbuden-Figuren an, kein einziges Buch würde veröffentlicht werden. Weshalb nicht? Weil Autoren und ihre Bücher Diener benötigen, Personen, die sich mit allem, was sie haben und was ihnen für das Büchermachen an notwendigen Mitteln und Gaben zur Verfügung steht, in den Dienst der Autoren und der Bücher, ihres Verlags stellen. Bodenpersonal ist in den Verlagen gefragt, Bodenpersonal auch bei Kultur- und Feuilletonjournalisten, denn auch sie sind eingebunden in dieses Dienen, und ich gestehe ihnen, wie allen andern, ja gerne eine ihnen ziemende Eitelkeit zu. Warum denn nicht? Wie eintönig sähe unsere Welt aus, wir hätten nicht jeder sein Gran farbig-persönlicher Eitelkeit.

André Schiffrin, ein wohlklingender Name aus dem amerikanischen Verlagswesen, heute Chef des unabhängigen Verlags The New Press, hat knapp resümierende Lebenserinnerungen verfasst, die er unter dem Titel "Verlage ohne Verleger" veröffentlicht hat (Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2000). Sein Buch, schmal an Umfang, vornehm in der Haltung, präzise und gewichtig in der Darstellung seines Themas, ist ein notwendiges Buch, das allen, die sich ernsthaft mit der unbestreitbar schwierigen Situation, in der sich das Buch an sich - sein Stellenwert, seine Distribution - und die Verlage heute befinden, aber auch Kultur- und Gesellschaftspolitikern, die sich mit der Problematik qua Amt befassen müssten, einem Warnsignal gleich auf die Haut geschrieben ist.

Schiffrin lässt seine Erfahrungen als Verleger in den USA aus knapp fünfzig Jahren Revue passieren, er zeigt die wichtigsten Veränderungen in diesem empfindlichen Organismus Verlagswesen auf und die Prozesse, die diesen Veränderungen zugrunde gelegen haben und, in ihrem Muster konstant, immer noch liegen. Mit dem Bestreben, die Leser, gemessen an der Bevölkerungszahl eines Landes, zu einem Massenpublikum zu potenzieren, geht selbstredend der Profitwunsch der Unternehmer voraus und mit diesem die Anpassung des Angebots an den von den Verantwortlichen ausgemachten vermeintlichen Geschmack eben dieses Massenpublikums. Kein Verleger von echtem Schrot und Korn denkt bei Annahme eines Manuskripts zuerst an das Publikum - es wird seine zweite Erwägung sein. Es sind zuerst einmal andere Kriterien, die ihn positiv für einen Text entscheiden lassen; seine vornehmste Aufgabe ist es, um Samuel Fischer wenn auch nicht wörtlich dazu zu zitieren, dem Publikum eine Ware aufzudrängen, die es nicht will.

Buch-Verlage waren nie Profitcenter. Wer sie dahin trimmen will, erleidet Schiffbruch, mehr noch, der zerstört ein kulturelles Geflecht, aus dem heraus eine Gesellschaft ihre intellektuellen und ästhetischen Kräfte bezieht. Schiffrin berichtet von solchen Vorgängen, die er selbst bis zu seinem konsequenten Ausstieg aus einem Konzernverlg nach dreißig Jahren verlegerischer Verantwortung mitgetragen und miterlebt hat, von der Auflösung des hergebrachten Systems der unabhängigen Verlage in den USA und deren Übernahme durch Mischkonzerne. An deren Spitze stehten in der Regel nicht mehr Verleger, sondern einerseits die unternehmerischen Inhaber, die, wie Schiffrin am Beispiel von Pantheon respektive Random House, dessen Mutterkonzern, zeigt, sich aus ganz anderen Interessen auch noch Buchverlage zu ihren übrigen Unternehmungen in der Kommunikations- und Unterhaltungsindustrie hinzukaufen, und andererseits die herbeigerufenen, wahrlich echt feinseidigen Manager.

Was Schiffrin aus den USA berichtet, hat Parallelen zu dem, was wir hier bei uns an Veränderungen im Verlagswesen und im Buchhandel miterleben können. Und doch müssen wir unsere Situation differenzieren. Zwei mächtige Konzerne bestimmen prima vista das Gesicht des deutschsprachigen Verlagswesens, beide sind auch an erster Stelle in USA tätig. Während der eine, Bertelsmann, das von Schiffrin beschriebene Muster anscheinend blind durch seine marktorientierten Vorherrschaftsgelüste befolgt, ist der andere, von Holtzbrinck, bestrebt, eine doch wesentlich sorgfältigere, verlegernähere Gangart zu gehen, so wie er es bisher mit seinen renommierten Verlagen zumindest in Deutschland und den USA gehalten hat.

In seinem - am Samstag im "Tagesspiegel" vorab veröffentlichten - Nachwort zu Schiffrins Buch schlägt Klaus Wagenbach einen militant-politischen und polemischen Ton an, der sich in Passagen selbst "in den guten alten rohen Zeiten" der Branche verboten hat. Schade, dass Wagenbach sich dazu bemüßigt fühlt - nota bene in einem Nachwort zu dem Buch eines gewichtigen Autors, wo sich der Nachwortschreiber, auch wenn er sich als verdienstvoller Berufskollege des Autors auf gleicher Höhe mit diesem weiß, doch etwas zurückhalten sollte -, einem in einer wirtschaftlich ernsten Situation befindlichen Verlag, der Auswege daraus sucht und McKinsey zu Hilfe ruft, vorhalten zu müssen glaubt, wie offensichtlich tumb dieser Kollege ist. Das ist stillos und überdeckt vergiftend die Erkenntnise und Vergleiche, die Wagenbach zu unserem Geschäft in USA und Europa, zu unserer Lage im Buchhandel und im Verlagswesen hierzulande anzubringen weiß.

"Verlage ohne Verleger" ist ein wichtiges Buch, nicht, weil es unbedingt Neues zutage förderte, sondern wegen seiner souveränen, persönlichen und sachlichen Darstellung. Damit bekommen alle diejenigen Streiter, und wer zählte sich nicht zu dieser Partisanenschar, ein argumentatives Instrumentarium in die Hand, denen eine offene, gebildete und informierte, mit andern Worten verantwortungsbewusste Gesellschaft erstrebenswert und wichtig ist. Mit diesen Einsichten in die schleichenden wirtschaftlichenAbläufe und deren gravierende Folgen ausgestattet, werden wir die Nachtbuben und ihre Auftraggeber bei ihrem verderblichen Tun leichter erkennen können, wir werden ihnen besser begegnen und pari bieten können, wir werden in die Lage versetzt, nach Wegen zu suchen, die über die Streiche der Angesprochenen hinausführen in eine diesmal neue, zu hoffen ist, noch einmal gute alte Zeit. Denn überleben werden nur Verlage, ob groß oder klein, die für diesen Beruf - es ist tatsächlich ein Beruf, kein Posten oder Job - eine Verleger-Persönlichkeit an ihrer Spitze haben. Verleger-Persönlichkeiten benötigen gute und motivierte, rundum respektierte Mitarbeiter. So werden sie mit ihren stetig gewachsenen Katalogen, welche die sorgsam ausgewählten Bücher enthalten, die intellektuelle Biographie ihrer Zeit beeinflussen und mitprägen helfen, und dies bei ordentlichem Geschäftsgang. Mehr ist nicht zu erwarten. Und das ist bereits das ganze Leben eines Verlegers.

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