• Frankfurter Buchmesse: Ein französischer Übersetzer und das Deutsche: Geschichte einer lebensprägenden Verbindung

Frankfurter Buchmesse : Ein französischer Übersetzer und das Deutsche: Geschichte einer lebensprägenden Verbindung

Der Franzose Alain Lance begegnete durch seinen Vater der deutschen Sprache. Später assistierte er Brecht, übersetzte Christa Wolf und entdeckte - den sächsischen Akzent. Ein Gastbeitrag.

Alain Lance
Das andere Deutschland. Zwei Jahre studierte Alain Lance an der Karl-Marx-Universität in Leipzig, damals Teil der DDR.
Das andere Deutschland. Zwei Jahre studierte Alain Lance an der Karl-Marx-Universität in Leipzig, damals Teil der DDR.Foto: Peter Endig/dpa

Das erste deutsche Wort, das ich als Kind hörte? Auf die Gefahr hin, ein jämmerliches Klischee zu beleben, würde ich sagen: „Achtung“ mit Ausrufezeichen. Vielleicht hörte ich es Anfang der vierziger Jahre aus dem Mund eines Besatzungssoldaten in Paris, vielleicht kehrte es als Echo bei meiner Mutter wieder.

Mein Vater war Kriegsgefangener im Stalag XII D unweit von Trèves. Im Lager hatte er eine herzliche Beziehung zu einem gutmütigen schwäbischen Landwirt namens Hermann entwickelt und mit ihm in einer Art kindlichen Spracherwerbs Deutsch zu lernen begonnen. Als ich aufs Abitur zuging, beschloss er, dass ich vor allem Deutsch lernen sollte. Es sei eine Sprache von großer Kultur, erklärte mir dieser Autodidakt, der von seinem 13. Lebensjahr an gearbeitet hatte. Meine Kenntnisse erlaubten mir außerdem, in seinem Namen auf Hermanns alljährliche Weihnachtskarten zu antworten. Obwohl mein Vater die Deutschen verächtlich „chleuhs“ nannte, hütete er sich, sie als Volk für sämtliche Nazi-Verbrechen verantwortlich zu machen.

Per Anhalter durch die Lande

Ich hatte gute Lehrer. In den fünfziger Jahren begann man auch früh damit, literarische Texte zu lesen. Aber obwohl ich seit meinem ersten Aufenthalt in Deutschland, der mich als 16-Jährigen nach Tübingen führte, Gedichte wie „Die Kapelle“, das „Heidenröslein“ oder „Die Lorelei“ auswendig konnte, tat ich mich schwer damit, auf der Straße nach dem Weg zu fragen. Für meine kulturelle Erweckung spielte dann mein Lehrer Alfred Kern eine entscheidende Rolle. Er war ein elsässischer Schriftsteller, der 1960 für seinen Roman „Le bonheur fragile“ den Prix Renaudot erhielt. Auf Deutsch erschienen bei Rowohlt „Irdische Liebe“ und „Der Clown“.

Sommer für Sommer verbrachte ich als Austauschstudent einen Monat in der Bundesrepublik oder trampte als Anhalter durch die Lande. Der Algerienkrieg hatte mich, den jungen Sorbonne-Germanisten, politisiert, und im Herbst 1962 bekam ich Lust, das „andere Deutschland“ zu entdecken. Ich studierte zwei Semester lang an der Karl-Marx-Universität in Leipzig, wo ich vor allem die Seminare von Hans Mayer besuchte, kurz bevor er nach Tübingen wechselte. Ich entdeckte die Deutsche Demokratische Republik und – den sächsischen Akzent. Und nie wieder bin ich so oft ins Konzert gegangen: in die Oper, das Gewandhaus oder die Thomaskirche.

Brecht wurde für mich der bedeutendste deutsche Schriftsteller

Seit ich 1960 ein Gastspiel des Berliner Ensembles mit dem „Arturo Ui“ in Paris gesehen hatte, war Bertolt Brecht der deutsche Schriftsteller, der für mich vor allem zählte. Im Frühjahr 1964 entdeckte ich allerdings eine neue Generation von Dichtern, so wie sie Stephan Hermlin am 11. Dezember 1962 bei einem denkwürdigen „Lyrikabend“ in der Ost-Berliner Akademie der Künste vorgestellt hatte. In der Zeitschrift „Sinn und Form“ las ich Gedichte von Volker Braun, und einige Monate später klopfte ich an seine Leipziger Türe, um ihm zu sagen, dass ich ihn gerne übersetzen würde. Ich hatte keine Ahnung von den Schwierigkeiten der Aufgabe. Doch zwischen November 1968 und Sommer 1969 konnte ich ihr glücklicherweise in Ost-Berlin nachgehen. Nach zwei Jahren im Iran ließ sie mich wieder in die deutsche Sprache eintauchen, eingefärbt von den zuweilen wenig liebenswürdigen Berliner Launen. Ich traf mich regelmäßig mit Volker, um Missverständnisse auszuräumen oder intertextuelle Bezüge zu entdecken. Schließlich erschien 1970 seine erste französische Gedichtsammlung: „Provocation pour moi et d’autres“. Dies waren die Jahre, in denen ich das Deutsche auch gern gesungen hörte, etwa von Gisela May in Brechts „Schweyk im Zweiten Weltkrieg“: „Nimms von den Pflaumen im Herbste / Wo reif zum Pflücken sind / Und haben Furcht vorm mächtigen Sturm / und Lust auf ’nen kleinen Wind.“

Zurück in Paris unterrichtete ich Deutsch an einem Gymnasium. Ich erinnere mich an das Interesse meiner Schüler, die Deutsch als erste Fremdsprache lernten, als wir uns Max Frischs Theaterstück „Biedermann und die Brandstifter“ oder den Film „Wir Wunderkinder“ vornahmen, in dem Wolfgang Neuss köstliche Gesangseinlagen hat. Es war die Zeit, in der ich Renate aus Marburg begegnete, die zum Studieren nach Paris gekommen war. Wenige Jahre später wurden Alfred Kern und Volker Braun unsere Trauzeugen. Als Hauptfachgermanistin arbeitete Renate beim Centre national de la recherche scientifique über die Handschriften von Heinrich Heine, bevor sie daran ging, die Manuskripte und Briefe von Louis Aragon zu katalogisieren. Später schrieb sie auch eine Arbeit über den Dichter, von dem die Zeilen stammen: „J’aimais déjà les étrangères / Quand j’étais un petit enfant!“ Schon als kleines Kind / liebte ich die fremden Frauen!

Das Deutsche als etwas Vertrautes und Fremdes

Außer wenn wir in Deutschland bei Renates Eltern oder bei Freunden waren, sprachen wir Französisch. Meine ersten Übersetzungen – darunter Franz Fühmanns „Judenauto“ – machte ich noch alleine. Aber als ich mich an Christa Wolfs Roman „Kein Ort. Nirgends“ wagte, schlug mir Renate vor, gemeinsam Korrektur zu lesen. Ihre Anmerkungen erlaubten es mir, die französische Version zu vervollkommnen. Es war der Anfang einer fruchtbaren Übersetzerarbeit für vier Hände.

Unsere Tochter Amelia, die in beiden Ländern aufwuchs, gestand mir neulich, dass sie die deutsche Sprache schöner finde, vielleicht wegen der Schlaflieder, die ihr Renate und ich einst sangen. Sowohl im Mündlichen wie in seinen literarischen Werken bleibt das Deutsche für mich etwas Vertrautes und Fremdes zugleich. Bei dem Dichter, den ich übersetze, gehe ich daran, im gleichen Maß das herauszuholen, was mir ähnelt, wie das, was mich irritiert. Einige Besonderheiten meiner Poesie schulden sicher etwas meinem Umgang mit ausländischen Dichtern. In unserer – mittlerweile eingestellten – Zeitschrift „Action Poétique“ hatte die deutsche Lyrik immer einen besonderen Stellenwert, und ich will in diesem Zusammenhang vor allem die Verdienste von Maurice Regnaut in Erinnerung rufen, dem Übersetzer von Brecht, Rilke und Enzensberger.

Der Rückgang des Deutschen als Schulfach ist besorgniserregend

Der Rückgang des Deutschen als Schulfach ist besorgniserregend. Eine Feststellung, die kürzlich in der „FAZ“ zu der galligen Unterzeile führte: „Die Germanistik ist in Frankreich auf dem Weg zum Orchideenfach“. Ich bin erzürnt darüber, dass selbst auf France Culture inzwischen von Piter Handke oder Oualter Benjamin die Rede ist, als würde es sich um Engländer handeln.

Dies hier ist vielleicht keine Liebeserklärung. Aber nachdem das Wort Erklärung sowohl Ausrufung (déclaration) als auch Erläuterung (explication) bedeutet – wie in Volker Brauns Gedichtband „KriegsErklärung“ mit Fotos aus dem Vietnamkrieg –, zögere ich, das Wort Liebe zu verwenden, das so gewaltig wie ein sibirischer Fluss daherkommt. Ich war schlicht versucht, die Ursprünge meiner Zuneigung und Freundschaft zur deutschen Sprache und ihrer Literatur zu erklären.

Aus dem Französischen von Gregor Dotzauer

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