Kultur : Frankfurter Buchmesse GESPRÄCHSSTOFF Grossmans langer Frieden

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Friedenspreisträger David Grossman erinnert an diesem Freitagmorgen, da er den internationalen Medien in Halle 4 Rede und Antwort steht, an einen sympathischen, gut aufgelegten Friedensprediger. Er trägt ein schwarzes Hemd und ein schwarzes Jackett, sieht frisch und ausgeschlafen aus und kommt immer wieder darauf zurück, wie wichtig es sei, an Frieden überhaupt zu denken, wie wichtig es sei, Israelis wie Palästinensern klarzumachen, dass es andere Optionen als Krieg gibt: „Für Sie, die Sie hier sitzen, mag der Krieg komplett fiktional sein. Für uns ist leider der Frieden fiktional.“ Und weiter: „Ich fordere keine gegenseitige Liebe, aber wir könnten gute Nachbarn sein.“ Oder: „Ich bin nicht verzweifelt, das kann ich mir gar nicht erlauben. Wer verzweifelt ist, ist schon das Opfer der politischen Lage.“

Natürlich weiß Grossman, dass die meisten Fragen, die an ihn als Friedenspreisträger und israelischen Schriftsteller gestellt werden, den Nahost-Konflikt betreffen, also stets eine politische Dimension haben. So wie sein Schreiben, seine Romane, seine Essays ohnehin eine politische Dimension haben, selbst wenn Grossman über die Liebe schreibt. Und das ist erst recht so, seit sein Sohn Uri beim Ableisten des Militärdienstes kurz vor dem Ende des Libanonkriegs im August 2006 getötet wurde.

Dennoch scheint bei ihm an diesem Morgen die Sehnsucht durch, einmal ausschließlich über Bücher zu reden („so, jetzt aber nur noch Fragen zur Literatur“), über seinen grandiosen, fast achthundertseitigen Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ – und ruhig auch darüber, was ihm der Friedenspreis des deutschen Buchhandels bedeutet, den er am Sonntag in der Frankfurter Paulskirche erhält. „Ich dachte, das sei die erste Frage, die mir heute hier gestellt wird.“

Doch ob er erzählt, dass nur eine Frau für ihn als Hauptfigur seines Romans infrage gekommen sei („Frauen sind zuerst ihren Kindern gegenüber loyal, nicht einem Staat oder einer Armee“), oder ob er zurückweist, Gefühle der Resignation zu kennen („Ich kann mir diesen Luxus nicht leisten. Ich bin von Natur aus ein Optimist“) – seine Antworten führen unweigerlich zum israelisch-palästinensischen Konflikt zurück, zu der Bedeutung eines von beiden Seiten intensiv betriebenen Friedensprozesses. Und so sagt er dann einmal lachend: „Sie wissen jetzt, warum ich immer so lange Romane schreiben muss.“ Gerrit Bartels

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