Frankfurter Buchmesse : Künstler Anselm Kiefer mit Friedenspreis geehrt

Mit Anselm Kiefer hat zum ersten Mal in der fast 60-jährigen Geschichte der Frankfurter Buchmesse ein bildender Künstler den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. In seiner Dankesrede plädierte Kiefer für eine offene Auseinandersetzung mit der schmerzhaften deutschen Vergangenheit.

Anselm Kiefer
Friedenspreisträger: Der Künstler Anselm Kiefer. -Foto: ddp

Frankfurt/MainDer deutsche Künstler Anselm Kiefer ist am Sonntag mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. Der Maler und Bildhauer nahm die Auszeichnung am Sonntag in der Paulskirche in Frankfurt am Main entgegen. Die verleihende Jury begründete die Vergabe an den 63-Jährigen damit, dass Kiefer "im richtigen Moment" erschienen sei, "um das Diktat der unverbindlichen Gegenständlichkeit der Nachkriegszeit" zu überwinden.

Bei der Preisverleihung verwies Laudator Werner Spies auf Kiefers Zugehörigkeit zu einer Gruppe deutscher Künstler, die sich als "Akteure einer für die Deutschen unentbehrlichen Auseinandersetzung mit Geschichte" verstehen. Kiefer sei es in seinen Werken darum gegangen, "die Verbrechen des Nationalsozialismus keineswegs als ein metaphysisches, unerklärliches Unheil darzubieten, sondern in einem aufdringlichen, beängstigenden Hier und Jetzt", sagte der Journalist und Kunsthistoriker. Kiefer habe, indem er diese unkomfortable Position bezogen habe, "sicherlich mehr als manch anderer für den Frieden getan".

Kiefer: Eine Stunde Null gab es nie

In seiner Dankesrede plädierte Kiefer für eine offene Auseinandersetzung mit der schmerzhaften deutschen Vergangenheit. "Eine sogenannte Stunde Null gab es in Wirklichkeit nie", sagte der Künstler mit Blick auf die Nachkriegsgeschichte. Die Trümmer seien zu schnell weggeräumt worden. Nach dem Zweiten Weltkrieg sei versucht worden, alle Erinnerungen an den Nationalsozialismus zu löschen. "Die Wunden wurden nicht verbunden, sondern schamhaft versteckt. Verborgen wurden nicht nur Gebäude, sondern alles, was die Nazis berührt hatten", sagte Kiefer. Nach dem Krieg habe die Beschäftigung mit der Mythologie prinzipiell unter Verdacht gestanden. "Aber ist es nicht noch gefährlicher, die Mythen gleichsam ins kollektiv Unbewusste zu versenken, statt an ihnen - für alle sichtbar - weiterzuarbeiten?"

Den gleichen Fehler hätten die Deutschen nach dem "Zusammenfall der beiden deutschen Staaten" begangen. Sie hätten erneut "den leeren Raum" zugeschüttet. "Wieder eine Stunde Null für alles, was sich vierzig Jahre im anderen Teil Deutschlands ereignete hatte", führte der 63-Jährige in seiner sehr poetisch formulierten Dankesrede aus. So sei es versäumt worden, im sogenannten Todesstreifen "einen Meditationsraum der Geschichte" einzurichten.

Den mit 25.000 Euro dotierten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält laut Statut eine Persönlichkeit, "die in hervorragendem Maße vornehmlich durch ihre Tätigkeit auf den Gebieten der Literatur, Wissenschaft und Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen hat". Zu den Preisträgern zählen unter anderem Albert Schweitzer, Hermann Hesse, Theodor Heuss, Max Frisch, Astrid Lindgren, Siegfried Lenz, Vaclav Havel, Jürgen Habermas und Orhan Pamuk. Der Preis wird seit 1950 alljährlich am Sonntag während der Frankfurter Buchmesse überreicht.

Anselm Kiefer - einer der wichtigsten deutschen Künstler

Der in Donaueschingen geborene Kiefer zählt zu den wichtigsten deutschen Künstlern und beeinflusst seit Beginn seines künstlerischen Schaffens die zeitgenössische Kunst. Der Sohn eines Zeichenlehrers studierte ab 1965 zuerst Rechtswissenschaften und Romanistik, bevor er nach dem Studium der Bildenden Kunst bei Peter Dreher in Freiburg und bei Horst Antes in Karlsruhe von 1970 bis 1972 als Schüler von Joseph Beuys in Düsseldorf arbeitete. Von der ersten Bilderserie "Besetzungen" 1969 bis zur großen Ausstellung "Monumenta" vergangenes Jahr im Pariser Grand Palais zeugen Kiefers Werke von dessen Auseinandersetzung mit Geschichte, Religion, Philosophie und Mystik sowie mit Literatur und Poesie.

Durch die Verbindung von Kunst mit politischer Aussage löste Kiefer in der Öffentlichkeit wiederholt Diskussionen aus. So beschäftigt er sich mit der Frage, ob es nach dem Holocaust und der Vereinnahmung der nationalen kulturellen und künstlerischen Tradition durch das Dritte Reich überhaupt noch deutsche Künstler geben kann, und setzt in seinen Bildern symbolische und mythische Elemente aus der deutschen Geschichte ein.

Der Friedenspreisträger ist in zweiter Ehe mit der Österreicherin Renate Graf verheiratet und hat drei Kinder. Er lebt und arbeitet im südfranzösischen Barjac und in Paris. (jam/ddp/dpa/AFP)

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