Frankfurter Buchmesse : Reif für die Insel

Gastauftritt Island. Eine Reise in ein Land, das für seine Sagas berühmt ist – und für den Bankencrash 2008. Viele Autoren beschäftigen sich inzwischen mit der Krise

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Es ist ein imposantes Werk, das Thórbergur Thórdarson hinterlassen hat. Fast fünfzig in rotem Leinen gehaltene Bände schmückt die einer Werkausgabe nachempfundene Nordseite des ThórdarsonMuseums in Hali, einer Ansammlung von Häusern an der Südküste Islands. Hier wurde der Schriftsteller 1888 geboren, und obwohl er schon in jungen Jahren nach Reykjavík übersiedelte, hat ihn sein Geburtsort und vor allem die dortige Natur nie losgelassen. Fast jeden Stein, jeden Felsvorsprung, jeden Hungerflecken seiner Heimat scheint der 1974 verstorbene Thórdarson beschrieben zu haben. Und natürlich das riesige Felsmassiv, das sich mit drei Gipfeln, dem Gerðistindur, dem Fosstorfutindur und dem Kvennaskálatindur direkt vor Hali ins Landesinnere erstreckt. „Immer wenn ein Steinschlag aus dem Gerðistindur herniederging, begann es etwas später, entweder noch am selben Tag oder am nächsten Tag zu regnen. Darauf war, soweit sich die Ältesten erinnern konnten, immer Verlass gewesen. Das Wissen über diese Zuverlässigkeit des Berges war schon so oft bestätigt worden, dass die Leute einen Schreck bekamen, wenn ein Steinschlag herniederging, während eine Menge trockenes Heu draußen lag.“

Thórdarsons Werk gilt als maßgeblich für die Begründung der isländischen Literaturmoderne. Beeindruckend, mit was für einer Hingabe das 2006 eröffnete Museum sich dem Andenken des Autors widmet. Sein Wohn- und Arbeitszimmer kann man genauso besichtigen wie die Überreste von französischen Schiffen, die Anfang des 20. Jahrhunderts vor Islands Südküste auftauchten und „mit schneeweißen Segeln auf dem spiegelglatten Meer so nah vor dem Ufer dümpelten, als ob sie sich nichts sehnlicher wünschten, als zu stranden“, wie es in Thórdasons jetzt auf Deutsch vorliegendem Künstler- und Herumtreiberroman „Islands Adel“ heißt.

Noch imposanter aber ist besagtes Felsmassiv. Es lässt jeden Besucher von Thórdarsons Heimatort die eigene Winzigkeit, womöglich gar die Vergeblichkeit aller menschlichen Anstrengungen spüren. Und es macht mit seiner Wucht deutlich, vor was für einem Hintergrund sich die isländische Literatur entwickelt hat, beginnend mit den im 13. Jahrhundert entstandenen Sagas, die von Islands Besiedlung drei, vier Jahrhunderte zuvor erzählen. Die Sagas sind von Generation zu Generation weitergegeben worden, als mündlich überlieferte Erzählungen, als Abschriften von Abschriften, sie gehören zum Kulturgut jedes isländischen Haushalts. „Der gelehrteste Mann im Lande kann eben dieselbe Freude daran haben wie der einfache Bauer oder Fischermann“, erklärte Islands Literaturnobelpreisträger Halldór Laxness 1976: „Die Saga ist deshalb klassisch, weil jedermann im Lande diese Literatur genießen kann.“

Auch Halldór Gudmundsson, der 2007 eine große Biografie über Laxness vorgelegt hat, ist überzeugt davon, „dass fast jeder Isländer ein Leser oder ein Erzähler ist. Oder beides. Analphabetismus kennen wir nicht.“ Die Sagas mögen der eine Grund dafür sein, die Übermacht der Natur der andere: Was soll man da schon anderes machen, als sich Geschichten zu erzählen? Gudmundsson, 1956 in Reykjavík geboren, ist Islands Literaturimpresario. Zwanzig Jahre leitete er den größten Verlag des Landes, Mál og Menning. Er hat neben der Laxness-Biografie zudem eine Lebenswegstudie geschrieben über Laxness und sein politisches Pendant, den mit den Nazis kollaborierenden Schriftsteller Gunnar Gunnarsson (1898 – 1975).

Vor allem aber hat Gudmundsson vier Jahre lang Islands Gastlandauftritt bei der Frankfurter Buchmesse vorbereitet. Der geriet auch dann nicht in Gefahr, als es 2008 zum Bankencrash kam und die kleine Inselnation am Rand des Staatsbankrotts stand. „Es war immer klar, dass wir das durchziehen würden. An der Literatur wurde nicht gespart“, so Gudmundsson, der stolz auf über 200 übersetzte isländische Titel verweist, „viel mehr als letztes Jahr die Argentinier hatten und auch mehr als China 2009“.

Das ist eine beeindruckende Zahl, denn Island hat nur 320 000 Einwohner. Von denen leben inzwischen zwei Drittel in der Hauptstadt Reykjavík. Die rasante Modernisierung nach der Loslösung von Dänemark 1944 und dem Zweiten Weltkrieg, nicht zuletzt in den nuller Jahren, sind auch der Grund dafür, dass in der isländischen Literatur nicht mehr nur die Natur und die Beziehung des Menschen zu ihr die Hauptrolle spielen. Zunehmend beschäftigt sich die Gegenwartsliteratur des Landes mit der Urbanisierung und all ihren Problemen: mit zerrütteten Familien, ständiger Selbstoptimierung, Globalisierung, Entfremdung, Individualitätsterror. „Lóa hatte schon lange das Gefühl, dass ihr Leben erschreckend frei von Bedeutsamkeit war“, heißt es in Gudrún Eva Mínervudóttirs Roman „Der Schöpfer“. „Aber was war bedeutsam? Politik? Geld? Wessen Leben war bedeutsam, wenn ihres es nicht war?“

Natürlich gibt es dennoch weiter Bücher, die das Ringen des Einzelnen mit der Natur beschreiben. So wie Gyrðir Elíassons „Eichhörnchen auf Wanderschaft“. Darin versucht ein achtjähriger Junge vor der Langeweile des Landlebens in eine groteske, dunkle Fantasiewelt zu entfliehen. Oder Jón Kalman Stefánssons Roman „Der Schmerz der Engel“, in dem sich ein in die Literatur vernarrter Junge und der Postbote Jens durch eine unwegsame Schneelandschaft kämpfen. „Jens hat er längst vergessen, ein einziges Gedicht von Jónas Hallgrímsson, und dieser Junge ist ganz in Poesie versunken, bekommt kaum noch etwas mit von dem Wetter um ihn herum, spricht die Gedichte laut vor sich hin, sagt sie auf wie Zaubersprüche und schaut in eine andere Welt.“

Der erste isländische Krisenroman

Doch schon Kristín Steinsdóttirs im Ost-Island des 19. Jahrhunderts angesiedelter Roman „Im Schatten des Vogels“ weist über seine Zeit und den Ort hinaus in die urbane Gegenwart und erinnert an Einar Már Gudmundssons international erfolgreichen Psychiatrie-Roman „Engel des Universums“. Steinsdóttirs Roman handelt von einem psychisch erkrankten jungen Mädchen und den Schwierigkeiten der Umwelt mit ihr. Dass isländische Psychiater und Psychotherapeuten seit 2008 Zulauf haben, ist belegt. Überhaupt fällt auf, in wie vielen Bücher der Finanzcrash bereits thematisiert wird.

Reagierten Halldór Gudmundsson („Wir sind alle Isländer“) und Einar Már Guðmundsson ( „Wie man ein Land in den Abgrund führt“) mit Sachbüchern auf die Krise, der eine analytisch, mit vielen Interviews, der andere anklagend-polemisch, so hat Guðmundur Óskarsson mit „Bankster“ nun den ersten Krisenroman geschrieben. Es geht um den Banker Márkus, der seinen Job verloren hat und die Lebensleere mit Tagebuchschreiben zu füllen versucht. Da ist alles drin: das Gefühl der Nichtsnutzigkeit, die Treffen mit Ex-Kollegen, der Bruch mit der Ehefrau, die Erinnerungen an die Zeit vor dem Crash, die Reisen, die Gier, der Hochmut. Als Márkus in einem Café von einem Mann am Nebentisch hört, dass die Bankmenschen die Gangster der Neuzeit sind, „dieser ganze maßlose Irrsinn“, rastet er aus und verprügelt den Mann. „So machen es die Gangster, du Scheiß Labermaul, bevor sie dir die Kehle durchschneiden, die Zunge durch den Schnitt ziehen und sie an deine Eier binden. Du solltest froh sein, dass ich nur ein Bankster bin.“

Auch Krimi-Bestsellerautor Arnaldur Inðridason nimmt sich in „Abgründe“ der Krise an. Ein Mord folgt auf eine Erpressungsgeschichte unter kleinen Gaunern; nach langen Ermittlungen landet der Ermittler Sigurður Óli aber im Bankenmilieu, bei vier Bankern, die schmutzige Geschäfte machen und von denen einer seinen Ausstieg mit dem Leben bezahlt. „Abgründe“ ist etwas langatmig und schlicht in seiner Erzählanlage, die Ausweitung der Geschichte in die Finanzwelt wirkt wie nachträglich montiert. Trotzdem zeigt sich, wie sehr Islands Schriftsteller die Krise umtreibt – und wie sie sie als Fundus zu gebrauchen verstehen. „Wir werden“, ist sich die Autorin Kristín Marja Baldursdóttir sicher, „noch einige Werke über den seelischen Zustand des Volkes vorgelegt bekommen, in allen Tönen, Bildern und Farben.“ Werke wie Steinar Bragis Roman „Frauen“. Darin kehrt eine junge Isländerin aus New York zurück in ein Luxusappartement in Reykjavík, in dem sie beobachtet, eingesperrt und als Kunstobjekt missbraucht wird. Die Glitzerfassade Islands, der Boom, sie werden durch den luxuriösen Wohnblock symbolisiert. Innen aber zeigt sich die Kaputtheit des Systems.

Erstaunlich an „Frauen“ ist zudem, wie Bragi sich in seine Heldin einzufühlen vermag – so wie auch Hallgrímur Helgason in „Eine Frau bei 1000 Grad“. Dieser Roman schildert eine Jahrhundertgeschichte: die Odyssee einer 1929 geborenen Isländerin durch Dänemark, Deutschland und Polen in den Wirren des Zweiten Weltkriegs. Herbjörg María vegetiert in einer Garage als Pflegefall vor sich hin und erinnert sich, ausgestattet mit einem Laptop, ihres bewegten Lebens. Helgason, der mit dem Szeneroman „Reykjavík 101“ berühmt wurde, erweist sich als großartiger Geschichtenerzähler, der Weltkriegshistorie und Gegenwart intelligent zu verschränken weiß und glaubhaft eine spleenige, vom Schicksal gebeutelte weibliche Hauptfigur durch den Roman führt.

Spricht man die Vorsitzende des isländischen Schriftstellerverbands, Kristín Steinsdóttir darauf an, ob es nicht weit her sei mit der Gleichberechtigung, gerade auch in der Literatur, lacht sie nur: „Die Kerle versuchen weiterhin, ihr Ding unter sich auszumachen. Man muss sich da nichts vormachen.“ Weshalb es seit 2007 einen isländischen Frauenliteraturpreis gibt. Und weshalb auch Kristín Marja Baldusdóttir betont: „Gleichberechtigung war meine Vision, als ich mit dem Schreiben begann. Ich bezweifle aber, dass mein Engagement etwas bewirkt hat. Als ich meine ersten Bücher in den neunziger Jahren schrieb, hatten die meisten Frauen mehr ihr Aussehen als ihre Gleichberechtigung im Kopf.“ Gleichwohl gibt es eine hohe Zahl guter Schriftstellerinnen. Und es ist eine Selbstverständlichkeit, dass Island seit 2009 mit Jóhanna Sigurðadóttir eine Ministerpräsidentin hat, noch dazu eine, die sich offen zu ihren lesbischen Neigungen bekennt.

Egal wie es um die Wirtschaft eines Landes und die Stärke der Frauen steht: Spätpubertierende Männer haben es nie leicht. So wie der Icherzähler in Huldar Breiðfjörðs Roman „Liebe Isländer“, der auf einer winterlichen Insel-Rundreise sich selbst und seine Heimat zu finden versucht.  „Nachdem ich Island wieder und wieder ausgespuckt hatte und ins Ausland abgehauen war, nur um dort zu sein, wo ich vorher nicht gewesen war, fasste ich den Entschluss, so viel Island wie möglich in mich hineinzustopfen.“

Neugeboren will er zurückkommen, was er natürlich nicht schafft. Viel erzählt dieser Roman von der merkwürdigen Beziehung der Isländer zu ihrer Heimat; davon, dass viele ihr Land kaum kennen, sie sich lieber auf den Weg in die USA oder Europa machen als an die Nord- oder Ostfjorde. Zurückkehren aber tun sie alle – auch wenn, wie Halldór Gudmundsson erzählt, 2010 erstmals mehr Isländer ihre Heimat verlassen haben, als es Rückkehrer gibt. Die Krise ist lange nicht überwunden. Was Gudmundsson wenig anficht. „Und selbst wenn ich vor die Hunde gehe, reiße ich mich wieder von ihnen los! Kapitulation existiert in meinem Wortschatz nicht“, zitiert er Halldór Laxness. Denn der „Lebensnerv“ der Isländer, so beschrieb es Laxness, sind die Sagas, das ist ihre Freude am Geschichtenerzählen. Beides ist krisenfest, unterliegt keinen Konjunkturschwankungen. Weshalb sich Gudmundsson sicher ist: „Island und seine Literatur sind nach der Buchmesse nicht mehr nur was für Islandspezialisten.“

Thórbergur Thórdarson: Islands Adel. Übersetzt von Kristof Magnusson; S. Fischer, Frankfurt/Main 313 S., 22, 95€

– Gudmunður Óskarsson: Bankster. Übersetzt von Anika Lüders FVA, Frankfurt/Main, 254 S, 22, 90 e

Kristín Steinsdóttir: Im Schatten des Vogels. Übersetzt von Anika Lüders. C. H. Beck, München 2011. 252 S., 19, 90 €.

Gúdrun Eva Minervudóttir: Der Schöpfer. Übersetzt von Tina Flecken. btb, München 2011, 304 S., 19, 90 €.

Arnaldur Indriðason: Abgründe. Übersetzt von Coletta Bürling. Bastei Lübbe, 2011. 432 S, 19, 99€.

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