Frankfurter Buchmesse : Uns geht’s ja noch gold

Vom E-Book bis zum neuen Vargas Llosa: Die 62. Frankfurter Buchmesse zieht Bilanz.

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Der Wälzer. Auf der größten Buchschau der Welt in Frankfurt hat der australische Verlag Millennium House das – nach eigenen Angaben – größte Buch der Welt präsentiert. Man sieht hier die Inka-Stadt Machu Picchu in den Anden von Peru, dem Land des neuen Literaturnobelpreisträgers Mario Vargas Llosa. Foto:
Der Wälzer. Auf der größten Buchschau der Welt in Frankfurt hat der australische Verlag Millennium House das – nach eigenen...Foto: dpa

Immer wieder ist auf dieser 62. Frankfuter Buchmesse die Rede davon gewesen, dass die Branche vor Umbrüchen unvorstellbaren Ausmaßes steht. Nur weiß niemand so genau, ob die positiven oder die negativen Auswirkungen überwiegen werden. Die Messe selbst hat darauf reagiert und will sich mit Angeboten wie „Hot Spots“ oder „StoryDrive“ auch zu einem bedeutenden digitalen Marktplatz machen. Zu dem vor Jahren gestarteten Handel mit Filmlizenzen soll nun etwa im „Film & Media Forum“ ein neuer Umschlagplatz für crossmediale Rechte entstehen, wozu auch Spiele, Musik und Merchandising gehören.

Als einen „Aufbruch ins Ungewisse“ hat das Branchenmagazin „buchreport“ diesen Umgang mit der Digitalisierung schön beschrieben – und analysiert, dass die Prognosen von zehn bis 25 Prozent Marktanteil für digitale Bücher in den nächsten fünf Jahren durchaus wahr werden können, „Lesegeräte werden erschwinglich, Programmangebote breiter, die Handhabung leichter“, so „buchreport“. Einer anderen Umfrage zufolge liebäugeln über die Hälfte aller Deutschen mit dem Kauf eines E-Book-Readers, bei den unter 30-Jährigen sind es sogar über 80 Prozent.

Gottfried Honnefelder wiederum, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, bezeichnete den Anteil der E-Books am Gesamtumsatz immer noch als verschwindend gering, der liege gerade mal bei einem Prozent. Die 1,2 Millionen Bücher, die Thilo Sarrazin von seinem Machwerk „Deutschland schafft sich ab“ in kürzester Zeit verkauft hat, oder die 100 000 von Ronald Rengs Buch über Robert Enke, das gleich bei Erscheinen auf Platz vier der Sachbuchbestsellerliste gelangt ist, wollen elektronisch erst mal erreicht werden. Wie diese Zahlen wohl aussähen, wenn es diese Bücher nur digital gäbe? (Oder sind es bloß die Modernisierungsverlierer, die ihre letzten 22,90 Euro für Sarrazins Buch ausgegeben haben?)

Was den Gesamtumsatz angeht, ist der Buchhandel vorsichtig optimistisch. Im August und September ging es leicht aufwärts, dennoch liegt man etwa 2,6 Prozent unter dem Vorjahresergebnis. Andererseits werden zwei Drittel des Jahresumsatzes erst im letzten Quartal gemacht, besonders im Weihnachtsgeschäft. Und da vermag manchmal ein einziger Bestseller von Harry-Potter-Format die Bilanzen einer ganzen Branche zu retten.

Noch optimistischer als der Buchhandel gaben sich auf der Messe die Verleger, die auf den Verlagsessen und Empfängen durchweg von einem sehr guten Jahr sprachen. Was unter anderem dazu führte, dass etwa der Helmut-Kohl-Verlag Droemer den 2009 ausgesetzten Empfang im Frankfurter Hof wieder ausrichtete, genau wie die Random-House-Verlage Goldmann, btb und Luchterhand nach einjähriger Pause wieder ein Verlagsessen gaben. Und Piper und DuMont sich anschicken, ihre jeweils zum dritten Mal ausgerichteten Buchmessenpartys zur Tradition zu machen. Nur beim Berlin Verlag gab es wie schon 2009 lediglich einen Getränkebon für die Gäste des nur drei Stunden dauernden Empfangs im Frankfurter Hof (teure Miete!) – wogegen zunächst nichts spricht. Doch symbolisiert dieser eine Bon leider deutlich, dass der Berlin Verlag ganz schön knapsen muss, ihm ein, zwei Bestseller sehr guttun würden. Und dass wohl einiges dran ist an den Gerüchten, die Berliner müssten für jede Ausgabe von gerade mal 500 Euro schon die Genehmigung beim Mutterhaus Bloomsbury in London einholen.

Die Stimmung aber war schon an diesem ersten Abend gut und entspannt, und sie hielt sich bis zum Sonntag. Als ausgeruht, unangestrengt könnte man diese 62. Frankfurter Buchmesse beschreiben. Es gebe im Moment, wie es Goldmann-Verleger Georg Reuchlein ausdrückte, „einen sehr gelassenen Umgang mit Krisensymptomen“. Zu der Ausgeruhtheit trug auch das fehlende ultimative Messethema bei. Bis Donnerstagmittag dominierte das Rätselraten über den Nobelpreisträger, und als der Name Mario Vargas Llosa fiel, ging man ohne größere Diskussionen zur Tagesordnung über. Auch der Deutsche Buchpreis an Melinda Nadj Abonji löste kaum Gesprächsbedarf aus. Zum einen, weil beim inzwischen zum sechsten Mal vergebenen Deutschen Buchpreis eine gewisse Gewöhnung eingesetzt hat. Zum anderen wohl, weil kaum jemand das Buch der Preisträgerin gelesen hatte.

So dienten die Messeauftritte von Thilo Sarrazin und Helmut Kohl als Aufreger, und so gingen selbst die gut aufgelegten Großschriftsteller Jonathan Franzen und David Grossman im allgemeinen Trubel unter (ja, und was war eigentlich mit Bret Easton Ellis?). Und am Ende war es dann doch wieder der Suhrkamp Verlag, der noch für Gesprächsstoff sorgte. Suhrkamp veröffentlicht in Deutschland die Bücher des frisch gekürten Literaturnobelpreisträgers Mario Vargas Llosa, und da machte das Gerücht die Runde, dass dessen neuer Roman von Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz aus politischen Gründen abgelehnt worden sei, wegen einer kleinen, vermeintlich antisemitischen Passage.

Am Sonnabendmittag schließlich erfolgte telefonisch das Dementi von Suhrkamp-Sprecherin Tanja Postpischil: „Da ist nichts dran. Wir haben ein Angebot gemacht.“ Auf die Frage, warum Suhrkamp überhaupt mitbieten müsse, wo doch alle Bücher Vargas Llosas bislang bei Suhrkamp erschienen sind, warum also diese Veröffentlichung nicht eine Selbstverständlichkeit sei, antwortete Postpischil lapidar: „Wir wollen dieses Buch kaufen und veröffentlichen.“

Dass es für den Neuberliner Verlag wirklich nicht so einfach ist, den neuen Vargas-Llosa-Roman zu veröffentlichen, hat vermutlich noch einen ganz anderen Grund. So ist die jahrzehntelang bei Suhrkamp für Spanien und Lateinamerika zuständige Agentin, Entdeckerin und Lektorin Michi Strausfeld inzwischen beim S. Fischer Verlag, der etwa schon Carlos Ruiz Zafón Suhrkamp abspenstig machte und im Ressort der lateinamerikanischen Literatur gerade aufrüstet. So sieht man Vargas Llosa nächstes Jahr womöglich am Messestand von Fischer.

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