Kultur : Frankfurter Experimenta: Denn sie wissen, was sie tun

Peter Iden

Es war eine gute Stunde. Ein Nachmittag im Sommer 1965. Wir saßen auf der Terrasse der Berliner Wohnung Erwin Piscators. Drei Jahre zuvor hatte er die Intendanz der Freien Volksbühne übernommen. Wir tranken Bourbon mit verkleppertem Eigelb, Piscators Version von egg-nogg. Er war Präsident der Deutschen Akademie der darstellenden Künste, die ihren Sitz in Frankfurt am Main hat. An diesem Tag war er besonders unzufrieden - mit den Verhältnissen an den Bühnen der Bundesrepublik zu Beginn der sechziger Jahre, der Belanglosigkeit der meisten Produktionen, ästhetisch und politisch. Und entwickelte dann, so war er, "Erwin, der Bekenner", spontan die Idee, etwas anderes zu machen, zu zeigen, dass es auch anders geht. Man müsste Beispiele sammeln, Aufführungen auch aus anderen Ländern, aus West und Ost, die mehr wagten und bewegten, und müsste sie für zehn Tage an einem Ort zusammenführen, die Akademie könnte der Veranstalter sein, der junge Verleger Karlheinz Braun und ich, damals Sekretär der Akademie und Piscators, sollten das organisieren. Noch einen egg-nogg - und das Projekt war auf die Schiene gekommen.

"Experimenta": Anfang Juni 1966 fand sie zum ersten Mal statt. Piscator hat das nicht mehr erlebt, er war wenige Wochen zuvor verstorben. Eine Veranstaltung wie diese, eine "Woche für experimentelles Theater", hatte es bis dahin in Deutschland nicht gegeben. Bekanntlich sind ihr in den folgenden Jahrzehnten viele gefolgt, an vielen Orten, ein eigenes Segment des Kulturbetriebs ist daraus entstanden. Nicht immer unbedingt zum Besten des Theaters, aber das konnten wir damals natürlich nicht ahnen. Bis 1971 gab es die "Experimenta" als internationale Übersicht vier Mal, 1975 wurde die fünfte den neuen Formen des Kindertheaters gewidmet, die sechste 1990 einer Retrospektive auf das Werk Heiner Müllers.

Noch einmal elf Jahre später haben nun junge Theatermacher des Frankfurter TAT (dessen Gründung ein Resultat der frühen "Experimenta"-Wochen war) bei der Akademie angefragt, ob sie den Titel einsetzen könnten für eine siebte Version, die in diesem Mai in Frankfurt, zeitgleich mit dem Berliner "Theatertreffen" und vielleicht auch als der Versuch einer Gegenveranstaltung dazu, vorführen soll, was an den Bühnen zwischen Hamburg und Basel jetzt das Neue ist. Dass sie des Etiketts von einst sich bedienen, verstehen sie als Herausforderung an sich selbst. Was gut ist, kommt wieder - das Publikum, vor allem das in Frankfurt, wird sehen, ob die alte Regel vom Bolzplatz noch gilt, auch wenn die Konstellationen und die Teams jetzt andere sind.

Zwischen Beckett und Brecht

Von heute aus gesehen, mag man sich wundern, dass die Organisatoren dem "Neuen" damals zunächst gerecht zu werden hofften durch ein Portal, das gebildet wurde von einem Brecht- und einem BeckettAbend. Das "Berliner Ensemble", dessen Delegation Helene Weigel anführte, entsandte Brechts "Der Messingkauf", nächtliche Gespräche über eine neue Art, Theater zu spielen. Brechts Theater war damals die bewunderte, zugleich aber auch mit vielen Vorbehalten bedachte Instanz einer der Gesellschaft verpflichteten Kunst. Den Zuschauer in seinem politischen Verhalten zu verändern, galt am alten BE noch als eine reale Möglichkeit - es scheint, dass die Zeit sie seitdem fürs erste abgelegt hat. Samuel Beckett, von dem fünf Versuche in fünf Medien vorgestellt wurden - "Spiel ohne Worte I", "Worte und Musik", "Kommen und Gehen", "He Joe", die Arbeit für das Fernsehen, und Alan Schneiders "Film" mit Buster Keaton - behauptete die Gegenposition der Verlagerung aller Wahrheit in das Subjekt.

Helene Weigel sprach in Frankfurt über Brecht, im geteilten Deutschland war das damals ein Ereignis, und Claus Bremer, der Ulmer Dramaturg und Stückeschreiber ("Hände weg von meinem Ferrari"), führte eine Gespräch mit dem Pariser Beckett-Regisseur Deryk Mendel - die Säle reichten nicht aus, alle Interessierten zu fassen. Um uns anzuhalten zur Abwehr des Andrangs nötigte die Frankfurter Feuerwehr Braun und mich, einen Lehrfilm über Staubexplosionen anzusehen, zu denen es durch die Überfüllung geschlossener Räume kommen kann. Die mir gebliebene Furcht vor dem Phänomen ist freilich heute eher unbegründet, die Säle des "neuen" Theaters sind jetzt ja meistens unterfüllt.

Das "Portal" mit Brecht und Beckett bezeugt, dass es der "Experimenta" jedenfalls nicht um das Austragen eines Generationenkonflikts ging, wie er derzeit zwischen dem Programm des diesjährigen "Theatertreffens" und der für Frankfurt geplanten Auswahl gelegentlich diagnostiziert wird. Brecht war schon zehn Jahre tot und Beckett war 60. Die jüngste Position nahm Peter Handke ein. Seine erste Arbeit für das Theater, "Publikumsbeschimpfung", mochte zunächst niemand inszenieren und spielen - bis Claus Peymann, ein Regisseur vom Hamburger Studententheater, und die Schauspieler Gruner, Hass, Reents und Vogler sich dann doch dazu bereit fanden. Man weiß, dass mit dieser Aufführung tatsächlich ein neuer Ton angeschlagen war im deutschen Theater. Die internationalen Beiträge kamen im ersten Jahr aus London und aus Prag. Der Amerikaner Charles Marowitz zeigte seine 20-Minuten-Fassung von Marlowes "Doktor Faustus" mit der Londoner In-Stage-Group. Um den Stoff für die Gegenwart zu öffnen, unterzog Marowitz den Klassiker einer Verzerrung. Es war eine Frühform des Dekonstruktivismus, wie wir ihn heute kennen.

Solche Entdeckungen sind der "Experimenta" noch mehrmals gelungen. In einer abgelegenen Turnhalle im englischen Nottingham bin ich zum ersten Mal auf Ellen Stewarts New Yorker LaMaMa-Theater gestoßen, fast unerkannt tingelte die Gruppe vom off-off-Broadway durch die Provinz, der Eindruck war überwältigend: Mit den Texten von Paul Foster, Rochelle Owens, Leonhard Melfi, Lanford Wilson, Tom Eyen und Sam Shepard trat eine neue Generation amerikanischer Autoren hervor, kritisch gegenüber dem Selbstverständnis der USA und dem Auftritt der Weltmacht in Vietnam, in den Formen der Darstellung am LaMaMa jäh, tumultuarisch, mit akzentuierter Körpersprache. Nachwirkungen solcher Arbeit sind in vielen unserer Stadt- und Staatstheater zu beobachten gewesen.

Die New Yorker Gruppe "Bread and Puppet" ist mit ihren großen Puppen durch Frankfurt gezogen und das Tenjo-SajikiTheater des Regisseurs Terayama ist mit phantastischen fernöstlichen Geschichten und Bildern aus Tokio gekommen. Wie Mario Riccis James Joyce-Paraphrase aus Rom und das wüste Pariser Arrabal-Abenteuer des noch ganz unverbrauchten (und bettelarmen) Jerome Savary, den wir in seinem "Grand Theatre Panique" aufstöberten, waren das alles Signale für oft waghalsige Aufbrüche zu noch unwegsamen Gegenden - Impulse, die das etablierte Theater vielfältig herauslockten zu eigenen Reaktionen.

Von den Deutschen waren Hans Günter Michelsen dabei und Peter Weiss, Maurizio Kagel und Paul Pörtner, Peter Stein mit seinem Bremer "Tasso", der Aufführung, die wie keine andere die Klassiker-Rezeption verändert hat. Mit Claus Peymann und Wolfgang Wiens entwarf und realisierte Joseph Beuys, selbst (außer einem Schimmel) auch der einzige Darsteller, 1969 das Projekt eines Ineinanders von Shakespeares "Titus Andronicus" und Goethes "Iphigenie".

In einer heute kaum mehr denkbaren Weise, mitunter beängstigend, besetzte das Theater zu "Experimenta"-Zeiten in Frankfurt die Stadt. Die vierte Ausgabe stellte sich ausschließlich in den Dienst neuer Stücke deutscher Autoren, Fassbinder, Kroetz, Konrad Wünsche waren die Protagonisten. So sind auch ihre Stücke bald feste Größen des Repertoires unserer Bühnen geworden - ebenso wie die neuen ästhetisch-politischen Formen szenischer Darstellung.

Damit war die Arbeit getan. Gut, dass nun andere sie, in einer anderen Phase der Geschichte, unter gleicher Flagge wieder aufnehmen wollen. Jedenfalls, wenn in Frankfurt in ein paar Tagen die Siebte "Experimenta" beginnt, werden Karlheinz Braun und ich uns zu einem Bourbon zusammenfinden; es können auch zwei sein, ohne Ei.

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