Kultur : Frankfurter Kranz Her mit der Grünen Soße!

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Seit meinem 13. Lebensjahr freue ich mich auf die Buchmesse wie andere auf Weihnachten. Das Gejammer über die Unmöglichkeit eines „echten“ Gesprächs oder das unruhige Flackern in den Augen der ständig nach jemand noch Berühmteren Ausschauhaltenden war meine Sache nie. Ist außerhalb der Messe doch genauso, dachte ich. Dennoch überfiel mich lange Zeit spätestens am Buchmessenfreitag eine kongoschwarze Depression. Na klar, tröstete ich mich – der Überdruss an der Überproduktion; die Erkenntnis, dass man eben auch nur ein Körnchen Sand am langen Strand der Literatur ist; die unweigerlichen Blessuren des Selbstwertgefühls auf dem Frankfurter Jahrmarkt der Eitelkeiten. Außerdem: der viele Alkohol, die schlechte Luft, das blöde Gequassel.

Aber an all dem lag es nicht. Viel Alkohol, schlechte Luft und blödes Gequassel sind – ich lebe in Köln – mein Alltag, und mit meiner Sterblichkeit habe ich mich genau so ausgesöhnt wie mit der Absurdität literarischen Nachruhms. Ich hatte nach vier Tagen auf der Messe einfach Hunger. Wie die meisten Dicken schlage ich bei Buffets und Finger Food nämlich selten richtig zu, sondern ernähre mich eher so wie Sibylle Berg, Christian Kracht oder Arno Geiger. Wie sähe denn das sonst aus! Überwältigend daher meine Sehnsucht nach einem „clean and well-lighted place“ mit Besteck und Serviette, nach der Einnahme einer warmen Mahlzeit, ohne angerempelt zu werden oder Susanne Fröhlich oder Paulo Coelho in die Augen sehen zu müssen. Irgendwann gab mir der befreundete Literaturchef einer Frankfurter Zeitung den entscheidenden Tipp: Schreiber-Heyne, Mörfelder Landstraße 11 in Sachsenhausen.

Eine Frankfurter Institution. Nirgendwo schmeckt die Grüne Soße authentischer, der Handkäs mit Musik herzhafter, das Rippchen mit Kraut und Püree kräftiger als an den Holztischen des um die Jahrhundertwende von Rosa Schreiber als Apfelweinloge gegründeten Lokals. Eine Apfelweinloge, so informiert mich die Website des Schreiber-Heyne, funktionierte um 1900 nach dem Prinzip, dass der Gast seinen eigenen Apfelwein im Keller einlagerte und im Lokal dann konsumierte.

Nach über 100 Jahren ging es dem Schreiber-Heyne irgendwann so schlecht, dass die Stammgäste mit Kapital einsprangen und sogar als Bedienung arbeiteten, um ihr Lieblingslokal zu retten. Das letzte Mal brachte mir ein Professor für Astrophysik mein Schneegestöber an den Tisch. Inzwischen floriert das Schreiber-Heyne wieder und hat unter dem Namen „Schreiber-Heyne Proletariat“ sogar eine Dependance eröffnet. Vielleicht wäre dies auch die Lösung für die Buchmesse. Falls Amazon, Google oder wer auch immer drohen, unserem geliebten literarischen Leben den Garaus zu machen, übernehmen wir den Laden einfach selbst. Literaturloge klingt auch nicht schlecht. Denis Scheck

Unsere Kolumne „Frankfurter Kranz“ beschäftigt sich bis Sonntag täglich mit Merkwürdigkeiten der Messe.

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