Kultur : Frankfurter Kranz Jugend? Für gute Literatur eher ein Hindernis

Den deutschen Buchpreis hat bekanntlich Ursula Krechel zuerkannt bekommen, eine Frau von Mitte sechzig. Da gab es Kritik an der Jury. Krechel sei zu alt. Die Entscheidung sei nicht zukunftweisend.

Zur Buchmesse bringen alle Presseerzeugnisse Literaturbeilagen oder Sonderseiten heraus. Diesmal werden dort, medienübergreifend und fast überall, die deutschen Nachwuchsautoren gefeiert. Man sieht Fotos von Damen und Herren, die Mitte oder Ende zwanzig sind. In zehn Jahren, wette ich, wird mindestens die Hälfte von ihnen vergessen sein, aber Ursula Krechel wird dann vermutlich immer noch schöne Romane schreiben.

Ich kenne sogar noch ein paar jüngere Literaturstars: Hanna Zeiß hat mit 10 Jahren ihren Erstling „Elfenwind“ veröffentlicht, in einem echten Verlag, Maximilian Gerl war 11, als er den Krimi „Nachts um 13“ herausbrachte, Leander Winkels, 13, verdanken wir den Fantasy-Roman „Die Blume des Bösen“ – wäre das nicht ein Kandidat für den Buchpreis?

In Wirklichkeit ist Jugend bei der Produktion von guter Literatur eher ein Hindernis, das Schreiben funktioniert völlig anders als der Sport. Man findet leichter gute Romane, die von Siebzigjährigen geschrieben wurden, als gute Romane von Zwanzigjährigen. Beim Schreiben sind Lebenserfahrung, literarische Bildung, Sprachgefühl und kritische Distanz zum Ich von Vorteil, Eigenschaften, die mit den Jahren oft wachsen. Hin und wieder taucht in der Literatur das Phänomen des jungen Genies auf, das sich seinen Weltekel oder jugendliche Traumata mit großer Leidenschaft von der Seele schreibt, gute Bücher, danach kommt meistens nicht mehr viel.

Das weiß eigentlich jeder. Trotzdem muss man es offenbar immer wieder sagen. Autoren und Autorinnen müssen nicht jung sein, wie Sportler. Sie müssen nicht schön sein, wie Models. Sie müssen nicht nett sein, wie Moderatoren. Sie dürfen unsympathisch, hässlich, böse, schlecht gekleidet, betrunken, kriminell und wahnsinnig sein. Sie müssen nur schreiben können. Das ist eigentlich das Einzige. Und das ist schwer genug, es kommt selten vor. Harald Martenstein

Unsere Kolumne befasst sich täglich mit Merkwürdigkeiten der Messe.

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