Kultur : Frankfurter Kranz Stürmt eure Buchläden!

Buchläden? Gibt’s bald kaum noch, und dann irgendwann gar nicht mehr. Als Kassandra des Buchhandels von Mensch zu Mensch tat sich kurz vor der Buchmesse der Leiter der Buchhandelskette Weltbild hervor. Carl Halff sagt das große Sterben der Buchläden voraus, nicht, weil er den Läden Übles wollte oder weil er gerade miserabler Laune war. Der Mann skizzierte schlicht den Trend. Ja, meinte er, die Deutschen lesen weiterhin Bücher, heißt es, doch nein, sie kaufen weniger und weniger in den Läden an der Ecke, im Kiez der Großstadt oder auf der Geschäftsstraße der Kleinstadt. Darum, so führte Halff aus, reduzierten auch die Großen wie Weltbild und Hugendubel, „ihre stationären Flächen“. Schreibt der Ghostwriter der Gattin eines Interimsprominenten deren Lebenslügen auf, spielt ein kalifornischer Österreicher auf dem Papier mit den Machtmuskeln oder beschwört eine Autorin Sexeskapaden im Büro, genügen drei, vier Klicks im Netz – und wenige Tage später landet das Werk im Briefkasten.

Vermutlich haben Manager wie Halff im Moment schlicht recht. Tag für Tag macht im Land ein Buchladen dicht. Gebundene Ansammlungen bedruckter Papierseiten zwischen Papp- oder Leinendeckeln werden zunehmend am Bildschirm gekauft, von Hype zu Hype hangeln sich mehr Lesende vorbei an den Läden, in denen man sie von Mensch zu Mensch erwerben könnte. Also: Rettet die Buchläden? Das ist nicht das Ziel dieses Plädoyers. Nein: Erkennt, anerkennt eure Buchläden, nutzt sie. Erhaltet sie für euch selber. Nachbarschaft ohne Buchladen bedeutet soziale wie mentale Verarmung. Der Verzicht auf belesene Buchkenner nebenan, die beraten und inspirieren, trägt dazu bei, eine Gegend zu entalphabetisieren. Buchhandlungen sind Orte, in denen man andere Lesende trifft, es sind nahe Miniaturbibliotheken, aus denen man sich spontan und individuell bedienen kann, es sind kleine Institutionen, die man sogar noch im Vorbeigehen schätzt – und bitter vermisst, wenn sie plötzlich mit Brettern vernagelt sind.

Ähnlich sehen das manche Politiker und Teilnehmer des Kulturbetriebs. Jeder und jede einzelne von ihnen kann den Gegentrend mit ins Rollen bringen. Wer sich zum bekennenden Besucher von Buchhandlungen erklärt, begeht eine Handlung für das Buch. Jeder kann das. Kabinettsmitglieder, Abgeordnete, Bezirksverordnete, Sporttrainer, Schauspieler, Talkshowtalker – jeder, der Gelegenheit hat, zu großen Gruppen zu sprechen, kann zur informellen Kampagne gehören. Wer näher in die Sphäre der Machtinhaber medialer Megakonzerne blicken will, sollte vom nächsten Kauf im nächstgelegen Buchladen Rainald Goetz’ neuen Roman „Johann Holtrop“ nach Hause tragen. Schärfer, besser, klarer werden die subtilen Mechanismen der dort niedergelassenen Niedertracht im digitalen Zeitalter nirgendwo erzählt. Es tut ganz besonders gut, den Roman im Buchladen zu besorgen. Caroline Fetscher

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