Frankreich-Festival im Berliner Konzerthaus : Franck und frei

Der Dirigent Marc Minkowski eröffnet das Frankreich-Festival mit César Franck und einer Wagner-Oper.

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Marc  Minkwoski, Dirigent.
Marc Minkwoski, Dirigent.Foto: Marco Borggreve

Von den 30 Komponisten-Büsten, die im Konzerthaus am Gendarmenmarkt über das Publikum wachen, tragen nur zwei französische Namen. Angesichts der Fülle musikalischer Handschriften bei unseren westlichen Nachbarn ist das eigentlich ein Affront. Tatsächlich aber spiegelt sich darin wohl nur eine deutsche Denkungsart wider: Der Großteil der Musikproduktion Frankreichs ist nämlich mit den Gepflogenheiten des hiesigen Klassikbetriebs nicht recht kompatibel. Weil zum einen in Paris bis ins 20. Jahrhundert die Regel hieß: Große Karriere macht man nur in der Oper. Und weil zum anderen bei jenen Tonsetzern, die sich dennoch für Instrumentalwerke entschieden, die beiden gefragtesten Formen heutiger Programmplanung nicht im Fokus standen: das Solisten-Konzert und die Sinfonie. Hector Berlioz und Claude Debussy – Frankreichs Repräsentanten an den Wänden des Konzerthauses – experimentierten lieber mit freieren Formen, sprengten bei ihrer Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten immer wieder die traditionellen Gattungsgrenzen.

Es spricht für die geistige Beweglichkeit des 1962 in Paris geborenen Marc Minkowski, wenn der Dirigent zur Eröffnung des „Frankreich Festivals“ jetzt den Spieß umdreht, und mit dem Konzerthausorchester einen Abend gestaltet, bei dem sein Heimatland durch eine Sinfonie vertreten ist, während Ausschnitte aus Opern Richard Wagners für Deutschland stehen. Ein Start mit Esprit, dem bis zum 28. Februar ein Programm folgt, bei dem alle Facetten der französischen Musikgeschichte aufgeblättert werden: von den 300 Jahre alten Barockmeistern Rameau und Couperin bis zur zeitgenössischen Produktion inklusive Jazz und Chanson, auch zeitlich festivalgerecht verteilt vom vormittäglichen Familienhappening bis hin zu Nachtschwärmerformaten.

Den Anfang macht – nach einem wissenschaftlich-faktensatten Festvortrag von Nike Wagner, der um den von Madame de Staël begründeten Gegensatz von französischer Klarheit und deutscher Seelenpoesie kreist – César Franck. Ein zu Lebzeiten vor allem als Organist geschätzter Künstler mit deutsch-belgischen Wurzeln, dessen Idol Ludwig van Beethoven war. Und der dennoch, wie Marc Minkowski beweist, mit seiner D-Moll-Sinfonie 1888 eine genuin französische Partitur geschaffen hat.

Vor allem die Art, wie Franck durch raffinierte Instrumentalfarben Atmosphäre schafft, interessiert Minkowski. Und das Konzerthausorchester folgt ihm mit rückhaltloser Hingabe. Rund und weich erblüht der Ton, und hat doch zugleich eine geschmeidige Beweglichkeit, sodass dem Hörer vor allem maritime Metaphern durch den Kopf gehen, bei diesem wogenden Auf und Ab, dem stürmisch bewegten, auch in der Lautstärke durchaus überschäumenden Zusammenspiel der prächtigen Bläser mit den kompakt geführten Streichern. Großartig auch, wie es Minkowski gelingt, im abschließenden „Allegro non troppo“ kompositorische Prozesse akustisch erfahrbar zu machen, wenn er einen Schlagschatten über das kollektive Gleißen legt, sobald motivisches Material aus den vorangegangenen Sätzen auftaucht.

Auf wagnersches Terrain vorgewagt hat sich der zunächst mit seinem Alte-Musik-Ensemble „Les Musiciens du Louvre“ bekannt gewordene Dirigent, erst in jüngster Zeit. Ungemein farbig gelingt ihm die Orchesterbegleitung in der Senta-Ballade aus dem „Fliegenden Holländer“, wobei ein interessanter Kontrast entsteht zum klaren, geradlinigen Sopran von Ingela Brimberg. Duftig und flirrend, in einem Tempo, das die Virtuosität seiner Mitspieler aufs Äußerste fordert, nimmt er anschließend das „Tannhäuser“-Bacchanal, treibt die Venusberg-Szene bis in den „allgemeinen Taumel“, den der Komponist in seinen Szeneanweisungen fordert, erschafft einen wirbelnden Prestissimo-Taumel, eine Apotheose der Wollust. Großmächtig rauscht schließlich das üppig besetzte Orchester im Weltenbrand der „Götterdämmerung“ auf – und überdeckt die Solistin. Weil Ingela Brimberg (noch) keine Brünnhilde ist, weil es ihrer klug geführten Stimme am Raumfüllenden, Flutenden mangelt, fehlt diesem fulminanten Finale das Zentrum.

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