Frankreich und seine nationalen Monumente : Der Louvre erinnert an Alexandre Lenoir

Alexandre Lenoir begründete das Musée des monuments français, um zu retten, was in der Französischen Revolution an Skulpturen und Fragmenten noch zu retten war.

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Gerettet. Die Abteilung 18. Jahrhundert in Alexandre Lenoirs Museum, in einer Zeichnung von Jean-Lubin Vauzelle.
Gerettet. Die Abteilung 18. Jahrhundert in Alexandre Lenoirs Museum, in einer Zeichnung von Jean-Lubin Vauzelle.Foto: Louvre

Die Französische Revolution führte 1793, im Jahr des Terrors unter Robespierre, zur Gründung des „Muséum“. Die Revolution radikalisierte sich, die Wut auf das Ancien régime brach sich in den Zerstörungen an den Zeugnissen der feudalen Herrschaft und der Kirche Bahn. Die Kathedrale von Saint-Denis nördlich von Paris, Grablege der mittelalterlichen Könige, erlitt heftige Schäden. Die Grabmäler wurden zerschlagen, und was wertvoll war, aus dem Kirchenschatz geraubt.

Ein zeitgenössischer Stich zeigt einen Mann, der sich heldenhaft den Zerstörern entgegenstellt. Er bildet das Zentrum der Komposition: Alexandre Lenoir (1761 bis 1839), ausgebildet als Maler an der Königlichen Akademie, doch hervorgetreten als Publizist. In Saint-Denis kämpfte er 1793 darum, die bedrohten Monumente der französischen Geschichte an einem Ort zusammenzuführen: zunächst zur Sicherung, dann als Zeugnisse der Vergangenheit.

Lenoir agierte als Konservator der aus den Pariser Pfarreien, die 1791 per Dekret aufgelöst wurden, im Konvent der Kleinen Augustiner zusammengetragenen Gemälde und Skulpturen. Er schuf, was zwei Jahre später von der Nationalversammlung offiziell bestätigt wurde: das Musée des monuments français, das Museum der Denkmäler Frankreichs. Lenoir organisierte das Gebäudeensemble als systematisches Museum, in dem jedes Jahrhundert vom 13. bis zum 17. Jahrhundert einen eigenen Saal erhielt.

Der Pariser Louvre widmet jetzt Lenoir eine Ausstellung. Zugleich entstand eine Publikation, die die Eigenart des bald wieder aufgelösten Museums beleuchtet. Lenoir steht allein in der geistigen Landschaft seiner Zeit, die vom Klassizismus eines Winckelmann bestimmt wird. Und er ist kein Doktrinär wie der zeitgleich publizierende Séroux d’Agincourt, der eine „Geschichte der Kunst in ihren Denkmälern“ veröffentlicht.

Der Museumsgründer nimmt an Skulpturen und Fragmenten auf, was vorhanden ist. Die dramatische Darstellung der Vorgänge in der Kathedrale von Saint-Denis führt es vor. Lenoir arrangiert die Fundstücke in einer Weise, die bereits 1797 im „Journal de Paris“ kritische Worte findet. Es handele sich um eine „großartig konfuse, poetisch ungeordnete Sammlung“, heißt es darin. Warum Lenoir zum Außenseiter, ja Verantwortlichen für fortdauernden Vandalismus gestempelt wurde, liegt nahe: Sein Museum konkurrierte mit dem Louvre als dem gleichzeitig gegründeten nationalen Museum schlechthin. Der Autodidakt wurde von der sich gerade etablierenden Kunstwissenschaft verachtet.

Gewiss, Lenoir ordnete die Schätze nach ästhetischen Kriterien. Mit seiner Mittelalterbegeisterung steht er am Beginn der Romantik. Die auf Napoleons Niederlage folgende Zeit der Restauration artikulierte sich als Sehnsucht nach einem mythischen Mittelalter. Die Kritik an Lenoirs Museumsgestaltung übersieht jedoch, dass es damals kaum Kenntnis, geschweige denn eine Stilgeschichte der mittelalterlichen französischen Kunst gab. Lenoir sah in der Kunst – darin ein Schüler und Bewunderer Winckelmanns – ein Fortschreiten zu Höherem. Sein Museum sollte beispielhaft der Bildung aller Bürger dienen.

Dass Lenoir seinen Ansatz zu einer Universalgeschichte der Kunst aller Epochen nicht allein den Vordenkern der Aufklärung, sondern stärker noch den Gedanken der Freimaurerei verdankt, gehört zu den Erkenntnissen des vorliegenden Buches. Nicht allein die französische Präokkupation mit dem nationalen Erbe, dem patrimoine, hat eine ihrer Quellen in Lenoirs Tätigkeit, sondern auch die Entstehung von nationalen Museen wie dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Die Gebäude des aufgelösten Museums und vormaligen Konvents übernahm übrigens die 1817 gegründete École des Beaux-Arts. Sie bewahrt bis heute in ihrer Kunstsammlung für die praktische Ausbildung ihrer Schüler den pädagogischen Ansatz von Lenoirs Museum, und das am historischen Ort.

Paris, Louvre, bis 4. Juli. Katalog (Editions Hazan), 45 €. Infos: www.louvre.fr.

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