Kultur : Frankreichs kollektives Bewußtsein

JÖRG VON UTHMANN

Edouard Baladur, der gescheiterte Präsidentschaftskandidat, wählte die tugendhafte Madame de Mortsauf, die auf die große Liebe ihres Lebens verzichtet und in stiller Entsagung stirbt.Jack Lang entschied sich für den dämonischen Verbrecher Vautrin, der Kommunistenführer Robert Hue für Louis Lambert, "dessen Unfähigkeit, irgend etwas zu ändern", wie er mit überraschender Selbstironie erläutert, "ihn schließlich in den Wahnsinn treibt".Nicht von einem Maskenball ist die Rede, sondern von einer Umfrage des Nachrichtenmagazins "Le Point" unter französischen Politikern.Sie sollten ihren Liebling im Kosmos von Balzacs Romanfiguren benennen.

Daß eine solche Umfrage nicht mit betretenem Schweigen, sondern mit spürbarer Lust an der Sache beantwortet wurde, beweist, wie populär Balzac heute noch bei den Franzosen ist.Sein 200.Geburtstag wird denn auch mit jedem erdenklichen Pomp gefeiert.Die Sorbonne lädt zu einem Kolloquium ein, die Académie française, die dem lebenden Balzac die Aufnahme verweigerte, ehrt den Toten durch eine Ausstellung, und eine ganze Kanonade neuer Bücher nimmt das in vielen Schlachten umgewühlte Feld noch einmal unter Beschuß.

Auch die Maison de Balzac in der Rue Raynouard eröffnet pünktlich zum Geburtstag eine Ausstellung über die Theorien des ehemaligen Hausherrn zum künstlerischen Schaffensprozeß, seine mystischen Neigungen inbegriffen.In das Haus hatte sich Balzac 1840 geflüchtet, als ihm seine Gläubiger immer dichter auf den Pelz rückten.Damals verdiente er schon eine Menge Geld, aber er gab noch mehr aus.In seinem ersten Romanerfolg "Das Chagrinleder", warnt ein weiser Antiquar den jungen, ehrgeizigen Raphael de Valentin: "Wollen verbrennt uns, Können zerstört uns, aber Wissen läßt unsere schwächliche Konstitution in ewiger Ruhe." Balzac dachte nicht daran, diese Warnung zu beherzigen.Der Vater, ein kleiner Beamter, hatte sich selbst in den Adelsstand erhoben! Der Sohn war entschlossen, wie ein Adliger zu leben.

Aber seinen unbezähmbaren Hang zum Luxus konnte er nicht einmal mit Verträgen finanzieren, in denen er sich verpflichtete, innerhalb von vier Jahren 32 Bücher abzuliefern.Auch der Versuch, mit der Ananaszucht rasch reich zu werden, ging schief.So versteckte er sich denn unter dem Namen seiner Haushälterin, Brugnol, in dem Gartenhaus in Passy.Besucher wurden nur eingelassen, wenn sie sich durch ein geheimes Kennwort als Freunde ausgewiesen hatten.Wollte sich ein Gläubiger durchaus nicht abwimmeln lassen, verschwand Balzac durch den Hinterausgang.Das Haus hatte allerdings einen Nachteil: Da über ihm mehrere Arbeiterfamilien mit schreienden Kindern wohnten, zog er es vor, nachts zu arbeiten.Mit Unmengen von Kaffee trieb er seine Phantasie an, wenn ihn die Müdigkeit zu übermannen drohte.25 Romane zwang er auf diese Weise aus sich heraus.Doch die Gewaltkur forderte ihren Preis: Mit 51 Jahren, fünf Monate, nachdem er seine polnische Brieffreundin, eine echte Gräfin, geheiratet hatte, war er tot.

Victor Hugo widmete dem Verstorbenen einen rühmenden Nachruf.Andere Kollegen und vor allem die Kritiker hatten dagegen manches an ihm auszusetzen.Sie warfen dem Viel- und Schnellschreiber stilistische Nachlässigkeit vor.Ein Flaubert, der an seinen Sätzen stundenlang feilte, war Balzac in der Tat nicht.Dafür war er etwas anderes: Er war der Enzyklopädist des französischen Frühkapitalismus, der Epoche des "Bürgerkönigs" Louis Philippe, der Premierminister Guizot aus dem Herzen sprach, als er seine Landsleute aufforderte, sich zu bereichern.Kein Wunder, daß Karl Marx den Verfasser der "Menschlichen Komödie" überaus schätzte, obwohl der sich eher zu den Legitimisten hingezogen fühlte."La comédie humaine" war der Titel, unter dem Balzac sein Romanwerk auf halber Strecke in ein System zu bringen suchte.

Das System blieb unvollendet, doch jeder vierte seiner 2000 Charaktere tritt in mehr als einem Roman auf.Einige dieser Charaktere vertreten im kollektiven Bewußtsein der Franzosen bestimmte Eigenschaften: Vater Grandet ist der typische Geizhals, Crevel der typische Spießbürger, Gobseck der typische Wucherer, Rastignac der Aufsteiger schlechthin.In der Umfrage des "Point" bekannten sich zwei der Befragten, Parlamentspräsident Fabius und der ehemalige Kulturminister Douste-Blazy, zur gleichen Lieblingsgestalt - Dr.Horace Bianchon, der es vom Medizinstudenten (in "Vater Goriot") zum beliebtesten Arzt von Paris (in "Glanz und Elend der Kurtisanen") bringt.Als Balzac mit dem Tode rang, rief er im Delirium: "Holt Bianchon!" Der sterbende Dichter war selbst in den Kreis seiner Romanfiguren eingetreten.

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