Frankreichs neuer Präsident Hollande : Monsieur Normal

Adieu Sarkozy, bonjour François Hollande: Am Dienstag wird Frankreichs neuer Präsident vereidigt. Was bedeutet der Politikwechsel, für die Linke und die Kultur des Landes? Eine Stilkritik.

Martina Meister
Gefühlte Volksnähe. Am Wahlabend des 6. Mai zeigte sich Hollande mit Partnerin Valérie Trierweiler und Akkordeonspieler in Tulle, seiner politischen Heimatstadt.
Gefühlte Volksnähe. Am Wahlabend des 6. Mai zeigte sich Hollande mit Partnerin Valérie Trierweiler und Akkordeonspieler in Tulle,...Foto: Reuters

Es sind die Symbole, die zählen und die im Gedächtnis bleiben. Die Franzosen haben Nicolas Sarkozy die neureiche Inszenierung seines Wahlsiegs nie verziehen: das Fest im Fouquet’s; die Gästeliste, die sich las wie ein Who’s who der Schönen, Reichen und Berühmten; die Tage auf der Yacht des Freundes und Großindustriellen Vincent Bolloré; schließlich der Einzug in den Elysée-Palast mit Cecilia Sarkozy im goldenen Prada-Kleid, die sich in Wahrheit längst von ihm getrennt hatte.

François Hollande will diese Ära beenden. Als erste Amtshandlung wird er sein Gehalt und das seiner Minister deutlich kürzen. Auch auf eine Staatskarosse verzichtet er. Mit einem silbergrauen Citroën, Modell DS5, einem Hybridfahrzeug, wird Hollande am morgigen Dienstag die Champs-Elysées hinauffahren. Die Botschaft lautet: Ein normales Auto für einen normalen Präsidenten.

Das sind die Symbole und Bilder, die sich von seinen ersten Stunden und Tagen wohl einprägen werden: Bilder der Normalität, der neuen Bescheidenheit, von Volksnähe auch. Da sind die Luftaufnahmen aus Tulle, einem Kaff im Corrèze, „Hauptstadt des Akkordeons“, 16 000 Einwohner, das plötzlich zum Nabel der Nation wurde; die Bilder der Akkordeonspieler auf der Tribüne, die auch den Wählern von Marine Le Pen gefallen haben dürften; der endlosen Fahrt zum nächsten Flughafen, die signalisierte, dass es sich um die allertiefste Provinz handelt, aus der dieser Präsident kommt, ein Monsieur Normal.

Auch an die Bilder des Volksfests auf der Place de la Bastille nach der Stichwahl wird man sich erinnern. An die jungen Menschen, die genauso gut eine Fußballweltmeisterschaft hätten feiern können. Tatsächlich war das Fest nur eine müde Bemühung des Mythos, eine blasse Kopie des Rauschs von 1981, mit dem le peuple de gauche, das Volk der Linken, damals den Sieg François Mitterrands feierte.

Der wesentliche Unterschied zu 1981: Es herrscht Erleichterung, aber kein Enthusiasmus. Die soziale und wirtschaftliche Lage Frankreichs bietet keinen Anlass, ausgelassen zu feiern. Hollandes Wahlsieg vom 6. Mai wird nicht als historischer Moment wahrgenommen, sondern eher als letzte Chance. Die traditionell linken Wähler sind klarsichtiger, wo es um ihre Sozialisten geht, vielleicht sogar: ein wenig desillusioniert. 14 Jahre Mitterrand haben ihren Teil dazu beigetragen.

Bildergalerie: Die Stichwahl in Frankreich Sarkozy gegen Hollande

Jubel und Trauer nach der Präsidentschaftswahl in Frankreich
Er geht: Nicolas Sarkozy, scheidender Präsident Frankreichs.Weitere Bilder anzeigen
1 von 26Foto: AFP
06.05.2012 16:47Er geht: Nicolas Sarkozy, scheidender Präsident Frankreichs.

Hollandes Bemühungen um die Normalisierung der politischen Inszenierung stehen im starken Kontrast zu Sarkozy. Der hatte das trockene politische Geschäft in ein Spektakel verwandelt. Mit ihm begann, was man die Peoplisation der Politik nannte: eine Amtszeit ganz im Zeichen der Seifenoper.

Aber wird Hollande tatsächlich ein normaler Präsident sein können? Wird es ihm gelingen, mit dieser Popularisierung zu brechen? Im Moment sieht es eher so aus, als lasse sich das mediale Rad nicht mehr zurückdrehen. Am Wahlabend zeigte France 2, ein öffentlicher, durch Steuermittel finanzierter Fernsehsender, wie Thomas Hollande mit seinem Vater telefonierte, um ihm zu gratulieren. Auf dem Bildschirm seines iPhones erschien der Gesprächsteilnehmer als „Papa“. Hollande junior säuselte „Glückwunsch“, dann hörte der Zuschauer nur noch, wie er mit „oui, oui, oui“ den Kabarettisten Material lieferte. Zeitgleich wurde Exfrau und Expräsidentschaftskandidatin Ségolène Royal eingeblendet, wie sie im Studio saß und lächelte. Worüber? Über den Sieg ihres Exmannes – oder weil sie gerührt war, dass der gemeinsame Sohn nun doch einen Präsidenten zum Vater hatte, wenn schon keine Präsidentin zur Mutter?

Die Politiker sind in Frankreich zu Akteuren einer Realityshow geworden. Dazu hat nicht nur Sarkozy beigetragen, sondern auch eine gewisse Promiskuität im Reich der Politik und der Medien. Die Lebensgefährtin des neuen Präsidenten, die Journalistin Valérie Trierweiler, hatte für das Magazin „Paris Match“ vor einigen Jahren ein weitsichtiges Porträt Hollandes geschrieben, der Titel: „L’homme normal“. Dem Charme dieses ganz normalen Mannes ist sie bald erlegen. Heute will sie die Funktion der Präsidentengattin modernisieren. In einem ersten Interview mit dem Frauenmagazin „Elle“ sagte sie, sie wolle eigentlich nicht aufhören, als Journalistin zu arbeiten, auch um sich ihre finanzielle Unabhängigkeit zu bewahren. Solche Fragen musste Carla Bruni-Sarkozy sich nicht stellen.

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