Franz-Marc-Museum : Bäume, Seen, Himmel

Das Franz-Marc-Museum in Kochel zieht in ein wunderbares neues Gebäude.

Mirko Weber

Es war einmal ein kleines Haus in Kochel am See, das hatten die Münchner Galeristen Etta und Otto Stangl der Gemeinde abgetrotzt. Die Stangls fanden, dass die Arbeiten des Malers Franz Marc, der in der Gegend viel Zeit seines kurzen Lebens (1880–1916) verbracht hatte und sich im Oberbayerischen – dem „Blauen Land“, wie Marc schrieb – ineins mit der Natur fühlte, hier am besten aufgehoben wären. Hüten allerdings wollten sie sich vor der Gefahr, aus Marc einen „Spezialheiligen“ zu machen. Man sah also in der hübschen Villa, die 1986 eröffnet wurde, auch schon immer, dass Marc erst in den Begegnungen mit Macke und Kandinsky zu dem wurde, der er war. Das Haus wurde, obwohl es sehr spezielle Öffnungszeiten hatte, viel besucht: 25 000 Menschen kamen jedes Jahr und sahen, wie Marc die Kreaturen begriff: „Er war der, welcher die Tiere noch reden hörte; er verklärte ihre unverstandenen Seelen“, notierte Else Lasker-Schüler.

Otto Stangl hatte aber schon zu Gründungszeiten des Marc-Museums mehr im Sinn. Er wollte, dass im geplanten Anbau „die Weiterentwicklung der modernen Kunst in der Nachfolge des ,Blauen Reiters‘ angedeutet“ würde. Zu zeigen sei, fantasierte Stangl, der Einfluss der Visionäre um Marc bis mindestens hin zur Gruppe ZEN 49. Das ist nun Wirklichkeit geworden. Kommenden Sonntag öffnet das neue Franz-Marc-Museum, gänzlich privat finanziert von der Marc- und der Stangl-Stiftung, die auch den in nur anderthalb Jahren entstandenen neuen Bau bezahlt haben, einen Sandsteinwürfel der Schweizer Architekten Diethelm & Spillmann. 750 Quadratmeter Ausstellungsfläche hinter großen Fenstern stehen zur Verfügung. Und werden auf diskrete wie spektakuläre Weise genutzt.

Das beginnt gleich mit dem ersten Bild der Ausstellung im Erdgeschoss, denn es stammt eben nicht von Franz Marc, sondern von Rupprecht Geiger. Marc muss man sich eigentlich erst erobern in diesem Haus, denn auch der erste Raum gehört fast ausschließlich einem Freund des Münchner Malers, Paul Klee, der selber gleichwohl deutlich die Unterschiede zwischen beiden zu erkennen wusste. Nach Marcs Tod hält Klee fest: „Menschlicher ist er, er liebt wärmer, ausgesprochener … ich suche hierin einen entlegeneren, schöpfungsursprünglicheren Punkt, wo ich eine Art Formel ahne für Tier, Pflanze, Mensch, Erde , Feuer, Wasser, Luft und alle kreisenden Kräfte zugleich.“ So geht man vorbei an Klees „Höhlenblüten“ und dem „Tropischen Garten“, um am Ende die Verbindung wieder aufzunehmen: da hängen herrlich verzierte Postkarten an Maria Marc.

Nach oben hin wird das organisch wirkende Haus immer heller. Und, in der Hängung, immer anspruchsvoller. Denn nun begegnen sich Stile und Ansichten, die nicht gegensätzlicher sein könnten: Cathrin Klingsöhr-Leroy, die künstlerische Leiterin des Hauses, konfrontiert den Blauen Reiter einerseits mit den Brücke-Malern Kirchner, Schmidt-Rottluff und Heckel, andererseits mit einer Großstadtexistenz wie George Grosz, der malt, wovor Marc in der Gegend um Kochel Reißaus genommen hatte. Solche Werkgruppen will Klingsöhr-Leroy, die bisher nur ein Zehntel ihrer insgesamt 2000 Exponate präsentieren kann, öfter austauschen, und bereits jetzt lässt sich ablesen, wie eine dauernde Auseinandersetzung mit dem Werk Franz Marcs ausschauen soll: um den Fixpunkt Marc ordnen sich andere Sterne an: Matisse, Léger, Baumeister, Kokoschka, Hans Hartung.

Die obere Etage reflektiert schließlich die Spätwirkung von Franz Marc. Beginnt mit der hinreißenden Jazz-Serie von Henri Matisse, schließt ein paar schöne Blätter von Bissier an und endet schließlich mit einem Frage- und einem Ausrufungszeichen. Der letzte Raum nämlich ist ein Wintergarten, der zur Andacht oder zur Entzückung einlädt und Natur wie Kunst offeriert: die Bäume, den Himmel, den See. Doch dann schiebt sich auch wieder das kleine ehemalige Ausstellungshaus in den Blick, neuerdings eingerichtet als luxuriös einfaches Restaurant, und erinnert an ein Brecht-Gedicht, da macht der Rauch vom Dach den ganzen Unterschied. Man kommt in Kochel und im Franz-Marc-Museum, in dem jetzt die Moderne des zwanzigsten Jahrhunderts ins andauernde Selbstgespräch treten kann, aus dem Denken und Staunen einfach nicht mehr heraus.

Geöffnet tgl. außer montags, 10-18 Uhr. Mehr Infos: www.franz-marc-museum.de

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