Franz Marcs "Turm der blauen Pferde" : Sag mir, wo die Tiere sind

1945 verschwand Franz Marcs „Turm der blauen Pferde“. Spurlos. Zuletzt wurde das berühmte Bild im Haus am Waldsee gesehen. Ein Berliner Kunst-Krimi.

Der Fall Gurlitt hat sie vor über drei Jahren alle aufgescheucht: die Kunstwelt, die professionellen Rechercheure, die Politik, die Öffentlichkeit. Über tausend Werke der Sammlung eines NS-Kunsthändlers waren aufgetaucht, verborgen in einer Münchner Wohnung, darunter geraubte, verfemte Werke. Das große Nachdenken setzte damals ein: Was hängt eigentlich an den Wänden unserer Museen, was schlummert in den Depots? Und wem gehörte ursprünglich das Bild zu Hause an der großelterlichen Wohnzimmerwand?

Katja Blomberg, Leiterin des Haus am Waldsee, machte sich auf den umgekehrten Weg. Sie sucht nicht einstige Besitzer, nicht nach den verschlungenen Pfaden der wechselnden Eigentümer, sie suchte ein Bild. Nicht irgendeines, sondern eine Ikone der deutschen Moderne: Franz Marcs „Turm der blauen Pferde“ von 1913. Mehr noch als für das Gemälde selbst, das als verschwunden gilt, interessiert sie sich für die Leerstelle, die es hinterließ, und warum niemand den Hinweisen nachging, dass es sich nach Kriegsende noch in Berlin befand.

Im Haus am Waldsee in Berlin soll es 1945 zum letzen Mal gesehen worden sein. Der damalige Zeitzeuge war Tagesspiegel-Gründer Edwin Redslob. Als ihn drei Jahrzehnte später der Feuilleton-Chef Heinz Ohff zu seinen Erinnerungen befragte, driftete er ins Anekdotische ab. Nachgehakt hatte seitdem niemand mehr, bis auf Roland März, Kustos der Nationalgalerie, der das Gemälde bis zu seiner Beschlagnahmung durch die Nazis gehörte.

1937 war das Bild in der Ausstellung "Entartete Kunst" zu sehen

Aus dem Berliner Kronprinzenpalais, der Moderne-Abteilung der Nationalgalerie, wurde es 1937 in die Münchner Ausstellung „Entartete Kunst“ verbracht, wo es nur vorübergehend zu sehen war. Aufgrund massiver Proteste gegen diese Diffamierung eines Gefallenen von Verdun wurde es wieder abgehängt. Danach verliert sich die Spur. Göring soll es übernommen und möglicherweise in der einstigen Villa eines Regenmantelfabrikanten, dem heutigen Haus am Waldsee, mit anderen geraubten Kunstgütern untergestellt haben. Damit kommt Katja Blomberg auf den Plan. Sie lud elf Künstler und die Schriftstellerin Julia Franck ein, den Verlust aus heutiger Sicht spürbar zu machen, die klaffende Wahrnehmungslücke nach 1945 zu umkreisen.

Den gleichen Gedanken hatte Michael Hering, der neue Leiter der Staatlichen Graphischen Sammlung in München. Dort befindet sich jene berühmte Postkarte, die Franz Marc 1912 an Else Lasker-Schüler schrieb. Auf der Rückseite ist ein erster Entwurf für das im Folgejahr im bayerischen Sindelsdorf in einem Bauernhaus entstandene Meisterwerk zu sehen, daneben die Zeilen: „Der blaue Reiter präsentiert Eurer Hoheit sein blaues Pferd“. Auch Hering animierte Künstler, sich mit dem legendären Werk zu befassen. Das Ergebnis: eine Ausstellung, zwei Teile, die an der nächsten Station im Rotterdamer Museum Boijmans Van Beuningen zusammengeführt werden. Das passt, denn die Niederlande litten unter dem Kunstraub und waren zugleich Drehscheibe für den Handel.

Bild mit Legende. Titelblatt von Marcel van Eedens Zeichnungsserie.
Bild mit Legende. Titelblatt von Marcel van Eedens Zeichnungsserie.Foto: van Eeden

Mit „Vermisst. Der Turm der blauen Pferde“ wird der Komplex Raubkunst, Verdrängung, Verlust erstmals aus der historischen Betrachtung in größerem Umfang in eine aktuelle, künstlerische Auseinandersetzung überführt. Der Zeitpunkt könnte nicht besser gewählt sein – im Jahr der Documenta, die sich als Ursprungsort einer rehabilitierten Moderne in Deutschland gerne der Sammlung Gurlitt angenommen und ähnliche Fragen gestellt hätte. Zugunsten einer offiziösen Präsentation durch den Bund musste Documenta-Macher Adam Szymczyk jedoch seinen Plan wieder aufgeben. Die Bilder werden stattdessen im Herbst in der Bundeskunsthalle in Bonn zu sehen sein, flankiert von einer Schau im Berner Kunstmuseum, das seit Ende 2016 endgültig als Gurlitt-Erbe feststeht.

Norbert Bisky findet eingängige Metapher für die Umstände des Verlustes

Der Fall Marc liegt jedoch anders, von Schmutz und Schuld bleibt er unbefleckt. Um die Täter geht es hier nicht, fehlt doch der Gegenstand für einen Streit. Auch kann von Amnesie nicht wirklich die Rede sein bei einem Bild, das einen festen Platz im kollektiven Gedächtnis besitzt: als Höhepunkt der Moderne, als Lieblingsbild der Weimarer Republik, als Vermächtnis eines Künstlers, der 36-jährig im Krieg fiel, als kristalline Vision einer besseren Welt, in der die Schönheit der Tiere gefeiert wird.

Eine eingängige Metapher findet Norbert Bisky für die Umstände des Verlustes. Er malte das Bild in seinen Maßen 200 mal 130 Zentimeter nach, fügte möglichst originalgetreu den Rahmen samt Inventarisierungsnummern der Nationalgalerie und der NS-Aktion „Entartete Kunst“ hinzu und demolierte schließlich das Werk. Den Besucher empfängt ein zerfetztes, von Brandspuren gezeichnetes Bild am Boden des ersten Saals. Marcs brutaler Tod, die Gewalt gegen Kunst, ja die Verfolgung im „Dritten Reich“ fallen im drastischen Arrangement zusammen.

Für Marc haben Tiere eine metaphysische Bedeutung

Ähnlich reagiert Via Lewandowsky, der einen präparierten Schimmel in den Gartensaal der Villa platziert, durchbohrt von Pfeilen wie der heilige Sebastian. Der Dresdner Künstler brachte die Idee von Antonello da Messinas Märtyrergemälde aus der Sempergalerie mit. Für Marc, der Pferde liebte und bei einem Erkundungsritt an der Front tödlich von einem Schrapnellsplitter getroffen wurde, haben Tiere eine metaphysische Bedeutung. In einem Feldbrief an seine Frau schrieb er: „Der unfromme Mensch, der mich umgab, (vor allem der männliche) erregte meine wahren Gefühle nicht, während das unberührte Lebensgefühl des Tieres alles Gute in mir erklingen ließ. Und vom Tier weg leitete mich ein Instinkt zum Abstrakten.“ Wie eine Erscheinung steht Lewandowskys Schimmel nun im Raum, Marcs elaboriertes künstlerisches Konzept wird damit auf die banale Realität heruntergebrochen.

Auch Christian Jankowski geht wörtlich vor. Sein Prinzip der Partizipation wendet er auf den gesamten Museumsapparat der Neuen Nationalgalerie an, indem er detailgetreu die Überstellung einer Leihgabe durchspielen lässt. Nur existiert das Werk bekanntermaßen nicht mehr. Der Generaldirektor der Staatlichen Museen, der Leiter der Neuen Nationalgalerie, die Restauratorin, die Depotmitarbeiter machen alle mit. Es wird vermessen, gehoben, mit der Lupe inspiziert, was nur in der Vorstellung existiert. Neben dem Film, der den vermeintlichen Transport und die Übergabe vorführt, sind in der Ausstellung als weitere Requisiten des Abwesenden leere Haken an der Wand zu sehen, dazu ein Klimagerät, außerdem der Leihvertrag, die Versicherungspolice (über 65 Millionen Euro), das Protokoll der Restauratorin.

"Turm der blauen Pferde" gegen Drogen getauscht

Was wäre, wenn? Diese Frage steht im Raum. Ja, sie begrüßt den Besucher geradezu durch Tobias Rehbergers Lichtkunstwerk, das auf dem maroden Schuppen neben dem Haus am Waldsee thront. „Something else is possible“, steht in greller Neonschrift geschrieben und besaß montiert auf ein Gebäude auf Ibiza oder eine Frankfurter Galerie ganz andere Bedeutung. Im Zusammenhang mit der „Vermisst“-Ausstellung eröffnet sie neu das Nachdenken über den Verbleib von Marcs Bild. Vielleicht wurde es 1947 nochmals gesehen, diesmal im Nachbarhaus, einem Jugendheim. Sollten Pfadfinder es zum Entzünden eines Lagerfeuers benutzt haben? Die Gerüchteküche dürfte erneut zu brodeln beginnen.

Marcel van Eeden denkt sich gleich eine Geschichte aus, die er in seiner Zeichnungsserie erzählt. Der „Turm der blauen Pferde“ wird darin gegen Drogen getauscht, in der Nachkriegszeit holt sich ein ehemaliger Nazi das Bild aus dem Zehlendorfer Versteck und verschwindet damit auf Nimmerwiedersehen. Wer weiß, vielleicht befindet es sich heute in einem Schließfach in der Schweiz. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Den Fall Gurlitt hätte auch niemand für möglich gehalten.

Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, bis 5. Juni, Di bis So 11 – 18 Uhr.

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