Kultur : Franz Schreker Nachlass: "... bin eigenartig!"

Peter Hahn

Einen Staatsakt mit Bundeskanzler und Philharmonikern war es der Republik Österreich wert, den Nachlass von Arnold Schönberg zu empfangen. Er, der vor dem eingesessenen Wiener Musikverständnis nach Berlin und dann vor den Nazis nach Amerika geflohen war, kehrte 47 Jahre nach seinem Tod mit 9000 Notenblättern, 6000 Seiten Textmanuskripten, 3500 Fotografien, 160 Dokumenten, Bibliothek und Klavier an die schöne blaue Donau zurück.

Um die 100-Millionen-Fracht feilschten New York, Harvard, Arizona, Den Haag, Wien - und Berlin. Weil Berlin zauderte, wählten die Erben für das "Schönberg Center" das Palais Fanto am Wiener Schwarzenbergplatz. Dieser Vorgang könnte bald einen neuen Namen bekommen: Franz Schreker. Als Sohn des jüdischen, später zum evangelischen Glauben konvertierten Ignaz Schrecker und der katholischen Mutter Eleonore wurde er 1878 geboren. Mit 10 kam er nach Wien, mit 34 präsentierte er seine erste Oper, mit 35 dirigierte er die Uraufführung von Schönbergs "Gurreliedern".

1920 wurde Franz Schreker als Direktor an die Berliner Hochschule für Musik gerufen. Wien verlor den Schüler von Robert Fuchs und Lehrer von Ernst Krenek, vor allem aber einen Komponisten, dessen Opern ihrer Sangbarkeit wegen an fast allen deutschen Bühnen gegeben wurden. Schreker holte Arnold Schönberg, Carl Flesch, Arthur Schnabel, Siegfried Ochs, Paul Hindemith als Dozenten. Ferruccio Busoni übernahm eine Meisterklasse für Komposition. Für Hans Heinz Stuckenschmidt war Berlin "wieder ein Zentrum der Weltmusik geworden".

Heute kann weder vom einen noch vom anderen die Rede sein. Wie aber steht es heute um das "bedeutendste interdisziplinäre Archiv zur Kunst des 20. Jahrhunderts im deutschen Sprachraum"? Daraus wurde eine öffentlich-rechtliche Angelegenheit der Länder Berlin und Brandenburg, gefördert vom Bundesinnenministerium. Die Arbeitsschwerpunkte waren und sind bestimmt: Die Akademie und ihre Mitglieder, die Kunst der zwanziger und frühen dreißiger Jahre, die Werke der Exilanten, der Jüdische Kulturbund.

Busoni gehört dahin, auch Hindemith, Krenek, Toch, Weill, Zemlinsky, um nur einige zu nennen. Und Franz Schreker? Obwohl in Berlin bekannt ist, dass sein Nachlass eine Heimat sucht, lassen weder Senat noch Akademie erkennen, sich ernsthaft um die Hinterlassenschaft zu bemühen. Gleiches gilt für die Hochschule für Musik, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Stadtmuseum Berlin und Jüdisches Museum, deren Interesse an Werk und Leben doch naheliegen müsste. Berlin, so scheint es, hat sich mit einer Ehrengrabstätte auf dem Zehlendorfer Waldfriedhof genug aufgebürdet.

Kein Leben ohne Berlin

Dabei ist die Preußische Akademie seinerzeit nicht zimperlich mit ihm umgegangen. Die Uraufführung seiner Zauberoper "Der Schmied von Gent" wurde am 29. Oktober 1932 von Nazi-Randalierern gestört; weitere Aufführungen unterblieben. Zur gleichen Zeit bat das Kultusministerium die Akademie um Vorschläge für einen Nachfolger Schrekers als Hochschuldirektor. Er wurde abgesetzt und als Vorsteher einer Meisterklasse für musikalische Komposition an die Akademie abgeschoben. Deren Präsident Max von Schillings verjagte den Komponistenkollegen im Februar 1933 vollends. Sein Freund Schönberg musste folgen.

Am 21. September 1933 teilte man Schreker mit, dass er in den Ruhestand versetzt sei. Der Komponist erlitt einen Herzanfall, lag Wochen im Koma und starb am 21. März 1934 in Berlin. Im Katalog zur Ausstellung "Entartete Musik" wurde 1938 das Urteil gefällt: "Franz Schreker war der Magnus Hirschfeld unter den Opernkomponisten. Es gab keine sexual-pathologische Verirrung, die er nicht unter Musik gesetzt hätte."

Seine Frau, die Sängerin Maria Binder, gefeierte Protagonistin seiner Uraufführungen, floh 1934 mit den Kindern Emmanuel und Haidy nach Buenos Aires. Weil die Mutter aber "nicht ohne Berlin leben konnte", kehrte sie 1936 zurück. Tochter Haidy blieb in Argentinien und machte die Bekanntschaft mit Jorge Zulueta, der bei ihrem Mann Eugenio Bures Klavier studierte. 1954 erhielt Zulueta einen Brief aus Berlin; darin der Schlüssel zur Wohnung Bundesallee 32: "Von heute an Ihr Zuhause. Maria Schreker".

In Kisten und Kästen entdeckte Zulueta eine Welt, die er für immer verloren geglaubt hatte. Zwischen 1954 und 1971 begegnete er bei Maria Schreker Menschen, die "an die Renaissance eines musikalischen Erbes glaubten, das durch Krieg und Ideologie verschüttet worden war": Helene Berg, Boris Blacher, Leonhard Frank, Hans Heller, Paul Hindemith, Ernst Krenek, Gertrud Schönberg, Hans Heinz Stuckenschmidt.

Mansarden-Idylle

Dieser Freundeskreis, zu dem auch Alma Mahler und Bruno Walter gehörten, gründete 1958 die "Internationale Franz-Schreker-Gesellschaft". Tochter Haidy Schreker-Bures initiierte 1987 in Paris die "Société Franz Schreker" als Nachfolgerin. Ehrenmitglieder sind unter anderen Daniel Barenboim, Michael Gielen und Dieter Schnebel. Jorge Zulueta wurde zum Präsidenten bestimmt und verpflichtet, "die moralische Integrität des Schrekerschen Werkes zu bewahren".

Zulueta und der Regisseur Jacobo Romano waren es dann auch, die mit den musikdramatischen Collagen ihrer "Grupo Accion Instrumental" nach einem halben Jahrhundert "Berufsverbot" mithalfen, in Deutschland wieder den Boden für Schrekers rauschhaft erotische Künstlergeschichten zu bereiten. Letztendlich aber brauchten seine Opern den großen Aufwand. So blieb es Christoph von Dohnanyi 1964 in Kassel und vor allem Michael Gielen und Hans Neuenfels 1979 in der Frankfurter Oper vorbehalten, mit "Der ferne Klang" und "Die Gezeichneten" nachhaltige Zeichen zu setzen.

Weder Gesellschaft noch Société sind in der Lage, den Nachlass zusammenzuhalten und für die Öffentlichkeit aufzubereiten. Der weitaus größte Teil des Schrekerschen Nachlasses befindet sich heute nicht weit vom Pariser Gare du Nord. Jorge Zulueta, dem die Witwe einst alles zur Aufbewahrung übergab, hat nach ihrem und dem Tod von Tochter Haidy das Erbe angetreten. In seiner geräumigen Mansardenwohnung ist so ziemlich alles versammelt, was die Familie zwischen Wien, Berlin, Buenos Aires und Paris transportiert und gesammelt hat.

Da ist Schrekers Flügel, da steht noch der Renaissancefauteuil aus der Wohnung in der Hardenbergstraße, da dominiert vor allem das 1922 in Berlin entstandene Gemälde von H. Gottlieb: Schreker mit Frau Maria und den Kindern Haidy und Emmanuel. Es mag ja sein, dass ein Akademiearchiv wenig Interesse an Schrekers Silberbesteck mit dem eingravierten "S", an Geschirr, Lampen, Teppichen und Möbeln hat. Wer aber dieses "Schreker-Museum" erlebt, Blicke auf Fotografien, Zeichnungen, Bilder wirft, in Dokumenten, Programmen, Kritiken, Zeitschriften und Büchern blättert, begreift die Einmaligkeit dieser Sammlung.

Dort lagert das Material zu allen neun vollendeten Opern Franz Schrekers, die Skizzen zur unvollendeten Oper "Memnon", Partituren, auch originale Handschriften, Erstausgaben der Klavierauszüge, alle nicht veröffentlichten und nicht aufgeführten Werke sowie seine Bearbeitungen der Kompositionen von Hugo Wolf und Franz Liszt.

Über 40 Klavierauszüge anderer Komponisten mit Eintragungen Schrekers dokumentieren seine Tätigkeit als Dirigent und seine Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Musik zwischen 1902 und 1934. Seine persönlichen Orchesterpartituren von "Der ferne Klang", "Die Gezeichneten" und "Der Schatzgräber" gehören dazu. Die Uraufführungspartitur der "Gurrelieder" mit handschriftlichen Kommentaren Schrekers und Schönbergs ist sicher das Glanzstück dieser Sammlung.

Zwischen allen Orten

Wohin also mit Schreker? Wien könnte auf Kontinuität verweisen, auf Bruckner, Mahler und Wolf, auf Webern und Schönberg. Frankfurt am Main könnte auf die Uraufführungen von "Der ferne Klang" (1912), "Das Spielwerk und die Prinzessin" (1913), "Die Gezeichneten" (1918) und "Der Schatzgräber" (1920) hinweisen. Selbst Donaueschingen, als Ort der Avantgarde, könnte seine Musiktage mit einem "Zentrum Franz Schreker" beleben.

Am konkretesten sind derzeit jene Bemühungen aus dem SWR, den Nachlass nach Baden-Baden zu holen. Die Redakteure verzeichneten unlängst ein "deutliches Interesse der Bürgermeisterin". Eine Gründerzeitvilla steht bereit, um "dort ein Stück Zeitgeschichte darzustellen". Und Berlin?

Die Pariser Mansarde kann weder archivarische noch museale Anforderungen erfüllen. Der 65-jährige Jorge Zulueta, auch dies ist zu bedenken, hat keine Erben. Wenn er jetzt darüber nachzudenken beginnt, die Sammlung komplett abzugeben und öffentlich zu machen, dann sollte man ihn darin bestärken. Wer allerdings sein Pariser "Schreker-Museum" nur deshalb in einem deutschen Archiv verschwinden sehen will, weil er sich per Satzung um die Kunst der zwanziger und frühen dreißiger Jahre oder um die Werke der Exilanten kümmern muss, kennt weder Zulueta noch Schreker, der sehr zu Recht einst befand: "... bin absolut eigenartig."

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