Französische Geschichten über die Liebe : Die neueste Sachlichkeit

Der peinliche Ernst der Gefühle: In dem Band „L’amour toujours, toujours l’amour?“ erzählen französischsprachige Autoren von den vielen Facetten der Liebe.

Carolin Haentjes
Romantik? Von wegen. Die Geschichte in dem Band „L’amour toujours, toujours l’amour?“ behandeln das intimste aller Gefühle am liebsten aus einer gewissen Distanz.
Romantik? Von wegen. Die Geschichte in dem Band „L’amour toujours, toujours l’amour?“ behandeln das intimste aller Gefühle am...Foto: Carola Frentzen/dpa

Die Liebe ist eine ernste Angelegenheit, aber auch ein bisschen peinlich. Jedenfalls wenn sie öffentlich zur Schau gestellt wird – ach, eigentlich schon, wenn über sie geredet wird. Ohne eine Spur von Ironie oder abkühlender Sachlichkeit geht es nicht. Auch die Erzählungen der 14 französischsprachigen Autorinnen und Autoren aus Frankreich, Marokko, Benin, Mauritius, Québec und der Schweiz, die die Wagenbach-Lektorin Annette Wassermann in dem Band „L’amour toujours, toujours l’amour?“ versammelt hat, behandeln die Liebe nur aus einer gewissen Entfernung.

Sie berichten von der amour fou zu Charlotte Corday, der Mörderin des Jakobiners Jean Paul Marat über eine Distanz von 200 Jahren hinweg (François-Henri Désérable). Sie verwandeln alte Liebesmärchen in politische Fabeln (Leïla Slimani), oder sie beschäftigen sich damit, wie brutal sich Begehren in Mädchenkörper einschreiben kann (Aqiil Gopee, Tristan Garcia). Sogar die Geschichte von den roten Socken, die per Post kommen und furchtbar verliebt machen (Arthur Brügger), ist eher eine augenzwinkernde Weihnachtsgeschichte als eine handfeste Lovestory.

Verfallenheit an die Sprache

Was heißt das nun, wenn Schriftsteller unter 35 so etwas schreiben? Waren die denn nie verliebt? Aber ja, ganz bestimmt, Hals über Kopf sogar, und wenn sie vor allem als Verfallenheit an die Sprache und an das Schreiben daherkommt. Als extreme Leidenschaft, die als Bildgewitter niedergeht wie bei Marie-Lucie Bougon oder Ryad Assani-Razaki, die sich in Vexierspielen verirren (Arthur Larrue) oder dazu noch erzählen vom Erzählen selbst (Alice Zeniter).

Da sitzt nicht jedes Wort, da gehen Töne auch mal daneben. Aber das ist es, was diese Erzählungen lesenswert macht: der trotzige Widerstand in den Worten, die Experimentierfreude, die (manchmal übertriebene) Dramatik, Hand in Hand mit Desillusionierung. Es ist eine Haltung, die Cécile Coulon so fasst: „Ich weigere mich, frei zu sein / Mich für Versprechen zu entkleiden / Man muss lernen zu vergessen, so wie man ein Tier dressiert / Das nicht mehr gehen kann / Außer auf zwei Beinen.“

Annette Wassermann (Hrsg.): L’amour toujours, toujours l’amour? Junge französische Liebesgeschichten. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2017. 192 Seiten, 12 €.

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