Kultur : Frau am Leder: Der Ball ist wund (Glosse)

Uta-Maria Heim

Jetzt sind wir wieder Champions. Dass die deutsche Mannschaft bei der Europameisterschaft versagt hat, kann uns dabei nicht aufhalten. Wir, das ist der männliche Intellektuelle zwischen 16 und 96: Nirgendwo wird von Männern über Männer so viel Bösartiges, Nostalgisches und Gescheites geschrieben wie derzeit in Deutschland. Deshalb gewinnen wir diese EM. Verbal. Die Blamage unserer Nationalmannschaft war da sogar ein großes Glück. Sonst hätten wir alle unsere vorbereiteten Hass- und Selbsthass-Artikel umschreiben müssen.

Wo sind die Fußballreporterinnen? Wo sind die Expertinnen? Berühmte Fußball-Expertinnen gibt es praktisch nur beim Tagesspiegel. Ansonsten zeigt der Fußball, dass man den weiblichen Diskurs in der Öffentlichkeit nicht braucht. Zwar reden vereinzelt auch Frauen über Fußball, aber die Männer wollen nicht zuhören. Wahrscheinlich spielen die Männer nur deshalb Fußball, weil sie keine Kinder kriegen können. Der Ball ist für sie ein beherztes, beseeltes, fleischliches Lebewesen. Oder hat die Fußball-Begeisterung der Männer einen anderen Grund?

Wir, die namenlose, zähflüssige Masse der weiblichen Intellektuellen, würden jetzt auch gern was sagen. Seit dem Spiel der Holländer gegen die Jugoslawen hielten wir es für möglich, dass der Fußball einer wunderbaren Zukunft entgegensieht. Welch wahnsinniges 6:1! Was für tolle Spieler! Und welch harmonisches, elegantes, prickelndes Miteinander! Etwas Tänzerisches, wie da plötzlich geschmeidig gekickt wurde, das Schauspiel einer sanften Geburt. Das war weiblicher, intuitiver, fantasievoller Fußball. Wir dachten: Falls es weibliche Tugenden gibt, dann siegen sie bei diesem Spiel. Der Fußball ist eine Frau, ja, genau, deswegen sind die Männer so aufgeregt. Deswegen wollen sie den Fußball für sich behalten. Und jetzt? Ohne Holland? Können sie ihn kriegen.

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