Kultur : Frau im Furor

Haydn-Abend in derPhilharmonie, mit Cecilia Bartoli und Simon Rattle

Ulrich Amling

Mit einem Orchester überall hingehen zu können, macht das Erreichen bestimmter Ziele zur Gewissensfrage. Simon Rattle hat man diese Bürde in der vergangenen Saison mitunter angemerkt. In die weit aufgerissenen Augen senkte sich Starre, der Körper beugte sich unter der permanenten Ekstase seiner Gestik. Selbst Sir Simon droht, was jeden unerschütterlichen Optimisten einholen kann: dass das Morgen nur noch ein Eintrag im Terminkalender ist.

Doch der Chef der Philharmoniker weiß Gegenmittel. Zu Beginn seiner zweiten Berliner Spielzeit gelingt ihm ein wunderbar gelöster Haydn-Abend, ein Fest der Freiheit. Welche Vertrautheit liegt in der Leichtigkeit der Streicher, welche Wärme im sanften Witz der Bläser. Die Zuhörer werden zu Gästen einer intimen Runde, die es liebt, die strenge Zweckdienlichkeit der Alltagssprache hinter sich zu lassen. Dieser Kreis fantastischer Geschichtenerzähler experimentiert mit Stimmungen wie ein Parfumeur mit kostbaren Essenzen und freut sich an überraschenden Wendungen wie der Architekt eines Labyrinths. Eine schwerelose Feier der Geistesgegenwart, die Staunen macht wie im atemberaubend ausgeleuchteten zweiten Satz der 67. Symphonie oder die funkendes Lachen aus der Verwirrung um den furiosen Trugschluss der 90. Symphonie schlägt.

Wird zu diesem ausgelassenen Spiel noch Cecilia Bartoli hinzugebeten, zieht ein Sturm von Emotionen auf. Wie Rattle gewinnt die römische Mezzosopranistin Ausdruck aus jeder Note. Sie haucht, atmet, seufzt – und zeichnet das bewegende Bild eines Menschen, der im Furor zu sich selbst findet. Ihre Berenice (in Vertonungen von Joseph Haydn und Christoph Willibald Gluck) überwindet das Leid durch unerhörten Willen zum Ausdruck und gewinnt, bedrängt von Göttern und Schicksal, trotzig und in Tränen, ihr Antlitz zurück. Sie stemmt sich himmlischen Zornesblitzen entgegen, kostet die Herbe der Verzweiflung, gestattet ihrer Seele einen scheuen Blick ins Paradies. Dann atmet Cecilia Bartoli hörbar erleichtert aus – und Jubel bricht los. Es gibt große Sängerinnen. Und es gibt die Bartoli. In einem Monat schon wird sie mit Arien von Salieri zu den Philharmonikern zurückkehren. (Noch einmal heute um 20Uhr)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben