Kultur : Frau im Schatten

Wer war Hannelore Kohl? Am Donnerstag bringt die Neuköllner Oper das Politstück „Licht“ heraus

Carsten Niemann

Die Oper ist einer der Orte, an denen man hoffen darf, von Neuigkeiten aus der Politik verschont zu werden – wenn man von der Prominenz in den Logen absieht. Nur in der Neuköllner Oper nicht. Dort stellte man sich bereits 2002, lange vor dem Kanzlerkandidaten-Frühstück von Wolfratshausen, die K-Frage – und initiierte eine aktuelle Polit-Oper. Die hieß „Angela“ und hatte keine Geringere als die CDU-Chefin selbst zum Gegenstand.

Künstlerisch durchaus umstritten, bespielte Michael Frowins und Frank Schwemmers „Nationaloper“ den leer stehenden U-Bahnhof des Reichstags. Zwar ist das Stück über Angela Merkel mittlerweile in der Versenkung verschwunden, die Motivwahl erwies sich im Nachhinein jedoch als überraschend treffende Vision. Wichtiger noch: Auch der Anspruch, aus dem aktuellen politischen Leben Stoffe fürs Musiktheater zu gewinnen, taugt jenseits des geschickt platzierten Events als Reanimationsmittel für die gute alte Tante Oper.

Am Donnerstag kommt nun ein Stück auf die (Studio-)Bühne in der KarlMarx-Straße, bei dem wiederum eine Frau aus der unmittelbaren bundesrepublikanischen Zeitgeschichte im Mittelpunkt steht: Hannelore Kohl. Wenn auch keine Politikerin im klassischen Sinne, ist die Frau des Bundeskanzlers eine ebenfalls prägnante Konservative gewesen. „Licht“ heißt die Produktion, Regie führt der junge Regisseur Boris von Poser. Die Musik stammt von Wolfgang Böhmer, der mit dem „Wunder von Neukölln“ und „SommerNachtTraum“ zwei Erfolgsstücke des Hauses mitverantwortete. Diesmal greifen von Poser und Böhmer einen Theatertext der in Berlin lebenden Autorin Dea Loher auf. Die junge Autorin machte 1999 auf sich aufmerksam, als ihr Schauspiel „Adam Geist“ beim Mülheimer Festival der deutschsprachigen Gegenwartsdramatik noch vor Elfriede Jelineks favorisiertem „Sportstück“ den hoch dotierten Stücke-Preis gewann. „Licht“ entstand 2001 als erstes von sieben Kurzdramen der Reihe „Magazin des Glücks“ für das Hamburger Thalia Theater.

Am Anfang steht eine Warnung. Regisseur und Komponist legen Wert darauf, dass sie weder ein makabres Kultstück noch eine Event-Oper à la „Angela II“ im Sinn hatten. Man wolle kein „Schlüsseldrama auf die Bühne bringen“, sagt Boris von Poser, „und auch keine Schlüssellochdramaturgie bedienen“. Die Hauptfigur in „Licht“ heißt schlicht „Die Frau“, auch der Name Helmut Kohl taucht nicht auf. Eine intime Studie: „Licht“ sei zuallererst „ein Text, der sich mit Todesnähe befasst, mit einer Frau, die an einer Krankheit leidet. Ein Text, der auf verschiedene Arten zu beschreiben versucht, wofür diese Krankheit ein Ausdruck sein könnte.“

So schützend sich von Poser und Böhmer vor den einfühlsamen Text stellen: Die emotionale Sogwirkung, die von der historischen Person ausgeht, verbindet ihr persönliches Interesse an Lohers Text mit dem öffentlichen Interesse an der Figur Hannelore Kohls, der Frau mit den Masken, die im Tod zur Frau im Schatten wurde und im Stück mit den Schatten ihres ungelebten Lebens spricht.

Jenseits der Tagesaktualität könnte darin das unausgeschöpfte Potenzial der Polit-Oper liegen. Anders als in den USA, wo das Genre der „CNN-Oper“ mit Werken wie „Nixon in China“ von John Adams schon in den Achtzigerjahren populäre Erfolge erzielte, sind die Annäherungen deutscher Komponisten eher zaghaft und unglücklich. So scheiterte Gerhard Rosenfelds Willy-Brandt-Oper „Der Kniefall von Warschau“ 1997 am Versuch, eine musikalische Sprache für Worte wie „Bruttosozialprodukt“ zu finden. „Angela“ wiederum verstörte einen Teil des Publikums, weil sich das Stück der Karikatur verweigerte: Bisweilen waren die Macher sogar von ihren eigenen Sympathien für die Titelfigur irritiert.

Die Ausstrahlung Hannelore Kohls als Opernheldin geht über das Merkel’sche Charisma womöglich hinaus. Stellt sie doch einen kollektiven Mythos dar, der für mehrere Generationen mit hohen Emotionen aufgeladen ist: Viele erinnern sich, wo sie waren, als sie die Nachricht vom Selbstmord erreichte. Für die Älteren stellte er das Bild einer heilen Welt in Frage, bei den Jüngeren löste er Schuldgefühle aus. „Man hat Witze gemacht,man nahm sie nicht ernst“, sagt Boris von Poser. „Erst im Tod erhielt sie eine Würde, die ihr abhanden gekommen war.“

Dabei ist die Auseinandersetzung mit der Hauptfigur für die Opernmacher weniger eine Annäherung an die reale Person Hannelore Kohl als an eine Generation von Frauen, die sich selbstverständlich in den Schatten ihrer Männer stellten. So wird „Licht“ auch zur „Studie über die Bonner Republik“, sagt Komponist Böhmer. Keine leichte Aufgabe, das Ungesagte, tragisch-traumatische von Hannelore Kohls Freitod musikalisch auszuleuchten. Weder taugt die Figur zur Überhöhung als Heldin, noch kann sich der Musiker in diesem Fall davor drücken, Emotionen zu benennen.

„Ich will wissen, wie es sich anfühlt“, sagt Böhmer und vertraut die Rolle der „Frau“ mit Veronika Nickel einer Schauspielerin mit klassischer Gesangsausbildung an. Sein erstes gemeinsames Projekt mit Boris von Poser in den Sophiensälen – eine Dramatisierung von Hans Ulrich Treichels „Der Verlorene“, die ein musikalisches Bild der Fünfzigerjahre entwarf – sieht Böhmer als eine Art Vorbereitung. Zitate und populäre Klanglichkeit wird der Kultmusical-Autor in eine leise, „moderne“ Klangsprache mit Vibraphon und Schlagwerk einbinden.

Anders als „Angela“ wird die Frau in „Licht“ dabei im Hintergrund bleiben. Die Oper als Projektionsfläche für das im Tagesgeschehen Verdrängte: Der Versuch, die Zeitgeschichte nicht allein dem Film und dem Schauspiel zu überlassen, verdient Aufmerksamkeit – aber nicht die des Boulevards.

Uraufführung: 19. August, 20 Uhr. Weitere Aufführungen bis 8. Oktober

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