Kultur : Frau Luna ist ausgezogen

Junge Fotokunst aus Berlin im Martin-Gropius-Bau

Michaela Nolte

„Berlinskaja Lazur“ heißt auf Russisch Berliner Blau. Das klingt hübsch und ist zugleich ein passender Ausstellungstitel, der auf die deutsch-russischen Kulturbegegnungen sowie die zweite Station der „Jungen Fotokunst aus Berlin“ in Moskau verweist. Während sich die beiden Kuratoren Alexander Tolnay und Kathrin Becker vom Neuen Berliner Kunstverein für ihre Ausstellung im Martin-Gropius-Bau auf diese Definition beschränkten, erinnerte Kultursenator Thomas Flierl in seiner Eröffnungsrede auf das „Berliner Blau“ an den giftigen Zyanid-Gehalt dieses frühen künstlichen Farbstoffes.

Zwar ordnet man Pigmente eher der Malerei als der Fotografie zu, doch die Bilder von Petra Karadimas zeigen trefflich, wie fließend die Übergänge zwischen den Medien sind. Ihre Stadtlandschaften werden am Computer zu Vexierbildern, deren fotografischer oder malerischer Ursprung kaum mehr auszumachen ist. Karadimas gehört zu den insgesamt zehn Teilnehmern der Ausstellung, alles Wahlberliner der Jahrgänge 1960–1970 und Stipendiaten der Senatsverwaltung. Der Blick auf die Stadt ist ebenso heterogen wie die fotografische Vielfalt: vom rasenden Stillstand der malerisch inspirierten Panorama-Aufnahmen Christoph Kellers bis zur verfremdenden Darstellung des Rosenthaler Platzes, aus der Andreas Koch jegliche Spur urbanen Lebens gelöscht hat.

Nicht das pittoreske und touristisch verwertbare Berlin der Bau- und Schaustellen kommt hier zum Zuge, sondern die Stadt der Brüche und Randzonen. Frau Luna wohnt hier schon lang nicht mehr: Die Berliner Luft atmet melancholisches Grau und stimmt die Töne einer neuen Tristesse an, wenn Suzanna Lauterbach einen Fußgängertunnel in unwirtliches Hell-Dunkel taucht oder die asiatische Garten-Idylle ihrer „Berlin-Peripherie“ von Hochhaus-Ausläufern überschatten lässt.

Auch die „Phantomklubs“ des Künstlerduos Nina Fischer und Maroan el Sani verraten nichts vom pulsierenden Nachtleben dieser illegalen und temporären Kultstätten. Deren Tages-Fassade gibt sich unscheinbar und spiegelt – mal staubblind, mal zugemüllt – die Katerstimmung jenseits der Nacht. Ebenso hermetisch, doch mit virtuoser Poesie baut Heidi Specker ihr „Haus der Künstlerin“. Reale Hausfassaden werden via elektronischer Bildbearbeitung in arabeske Formen zerlegt. Nicht weniger utopisch gestaltet Albrecht Schäfer die Stadtentwicklung am Alexanderplatz. Was zunächst wie klassische Architektur-Fotografie wirkt, entpuppt sich als geschickte Simulation nicht gebauter Entwürfe von Hans und Wassili Luckhardt bis Daniel Libeskind. „Berlinskaja Lazur“ bietet kein repräsentatives und schon gar kein vollständiges Berlin-Porträt. Dafür aber das eigenwillige Stimmungsbild einer Stadt, die immer noch „eine Bewegung ohne Mittelpunkt“ ist, wie Richard Huelsenbeck schon in den Zwanzigerjahren schrieb.

„Berlinskaja Lazur“ im Neuen Berliner Kunstverein im Martin-Gropius-Bau. Bis 16. Februar, Katalog 10 €.

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