Kultur : Frau Mao

Liu Sola über den Aufstieg einer Machtbesessenen

Christiane Tewinkel

Mit zwei Sorten Musiklehrern wuchsen Liu Sola und ihre Schwester auf. Die einen kümmerten sich um das traditionelle chinesische Opernrepertoire, die anderen um die abendländische Klaviermusik. Nach dem Kompositionsstudium in Peking nahm Liu Sola noch einmal Unterricht, um die Gesangstechniken von Folk, Soul, Blues und klassischer chinesischer Oper kennen zu lernen. Kaum verwunderlich also, dass die Komponistin überzeugt ist, dass die Musiken der Welt universal verständlich sind.

Ihr Musiktheaterstück „Fantasy of the Red Queen“ wird heute im Rahmen des Festivals „China – Zwischen Vergangenheit und Zukunft“ im Haus der Kulturen der Welt aufgeführt. Im Zentrum steht die machthungrige Jian Qing, ausgebildete Schauspielerin und letzte Ehefrau Maos. Liu Solas Stück vereint dabei Anklänge an die abendländische Tradition mit Zitaten aus der chinesischen Oper, Revolutionsliedern, chinesischer Popmusik und Jazz.

Trotzdem ist „Fantasy of the Red Queen“ mehr als eine bunte Weltmusikcollage. „Jedes Motiv“, sagt Liu Sola, „hat seine eigene Botschaft.“ Die schwierige musiksoziologische Gemengelage ist der Komponistin, die China 1988 gen Westen verließ, bewusst. In der Endphase der Kulturrevolution galt westliche Musik in China zwar als Freiheitssymbol. Wahr ist aber auch, dass Liu Sola, einmal in den USA und Großbritannien angekommen, den westlichen Kulturimport zu hinterfragen begann. Es war vor allem die Beharrlichkeit der Afroamerikaner, die sie in dieser Hinsicht beeindruckt hat. „Ich bewundere es, wie kulturelle Identität so lange und unter so starkem gesellschaftlichen Druck bewahrt werden kann.“

Warum Jian Qing? Weil diese zeige, wie Kunst, Politik und privates Leben ineinander greifen können. Gerade bei Frauen. Denn Jian Qing entschied sich ebenso wenig für die Förderung einer unabhängigen Kunst, wie sie sich entschloss, dem Feminismus den Rücken zu stärken. Stattdessen zettelte sie schon als junge Schauspielerin Skandale an, um bekannt zu werden, nutzte ihre Körperlichkeit, um voranzukommen. Einmal an die Spitze gelangt, nahm sie dann Rache an früheren Rivalen und sorgte mit brutalen Methoden dafür, dass die Künste geschlossen dem Dienst der Propaganda unterstellt wurden.

So ist Liu Solas Stück über die Frau an der Spitze der Kulturrevolution auch ein feministisches Statement. „Wenn der Sinn des Lebens allein darin besteht, wen man heiratet – das ist eine Tragödie.“ Im Fall von Jian Qing sollte es zur Tragödie einer ganzen Nation werden. Erst in einer Welt, in der sich die Geschlechter auf Augenhöhe begegnen, haben Frauen tatsächlich alle verfügbaren Möglichkeiten für den Aufstieg.

Haus der Kulturen der Welt, 9. und 10. Mai, 20 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar