Kultur : Frau mit Bernsteinzimmer

Jörg Königsdorf

über ein musikalisches Initialerlebnis Es sei ein Konzert Leonard Bernsteins mit dem New York Philharmonic Orchestra gewesen, das in ihr im zarten Alter von neun Jahren den Entschluss geweckt habe, Dirigentin zu werden, schreibt Marin Alsop in einem Geleitwort zu ihrer Einspielung der „Chichester Psalms“ (erschienen bei der Firma Naxos), und wer im Internet die Website der New Yorkerin aufschlägt, stößt in der Bildergalerie auch schnell auf ein Foto, dass Maestro Bernstein im Jahr 1988 anlässlich eines Meisterkurses in Tanglewood in herzlicher Umarmung mit seiner Verehrerin zeigt.

Bis heute pflegt Marin Alsop das Lennie-Gedenken in ihrem imaginären Bernstein-Zimmer, ähnlich wie Daniel Barenboim, der immer wieder den prägenden Einfluss betont, den die frühe Begegnung mit Wilhelm Furtwängler auf ihn ausgeübt habe. Dass sie allerdings völlig anders dirigiert als Bernstein, spricht für ihre künstlerische Unabhängigkeit. Rekapituliert man ihre bisherigen Berliner Gastdirigate beim Rundfunk-Sinfonieorchester und das Tournee-Gastspiel mit dem britischen Bournemouth Symphony Orchestra, das sie seit zwei Jahren leitet, dann erinnert Marin Alsop mit ihrem energischen Ordnungswillen und ihrem ausgeprägten Gespür für farbkräftigen „Sound“ eher an den jungen Lorin Maazel.

Insbesondere hat sich die 47-Jährige der hoch- und spätromantischen Sinfonik verschrieben: Für ihr Hauslabel Naxos wird sie beispielsweise einen Zyklus der Brahms-Sinfonien aufnehmen, beim RSB gelang ihr im letzten Jahr eine brillante Aufführung von Edward Elgars nobel versonnenen „Enigma-Variationen“. Auch bei ihrem Konzert mit dem Berliner Sinfonie-Orchester im Konzerthaus (vom 25. bis 27.11.) stehen zwei erzromantische Orchesterhits im Mittelpunkt: Antonin Dvoraks Cellokonzert und Peter Tschaikowskys fünfte Sinfonie. Wer Kinder im Alter von neun Jahren aufwärts hat, sollte sie ruhig mitnehmen. Man kann ja nie wissen.

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