Kultur : Frau Rettich, die Czerni und ich

Wo bitte geht es hier nach Ballermann 6?Es gibt Bücher, wie die des Autors John Grisham, deren einziges Existenzrecht darin besteht, irgendwann verfilmt zu werden.Es gibt sogenannte Literatur, die mit ihren spitzen Letternfingern an jeder noch so gut gemeinten Adaption so lange herumzupft, bis daraus ein Spitzendeckchen ist.Es gibt das Buch zum Film.Und es gibt Filme, die haben mit dem gleichnamigen Buch nur noch den Namen gemein.Meist kann einem das wurscht sein.In diesem Fall aber ist es traurig, weil das Büchlein - einen Roman mag man es gar nicht nennen - "Frau Rettich, die Czerni und ich" der Autorin Simone Borowiak als wundersamer Fremdkörper zwischen Hera-Lind-Kitsch und gewichtigen Erkundungen in den Regalen herumsteht.Simone Borowiak ist manchen vielleicht als Autorin der Frankfurter Satirezeitschrift "Titanic" bekannt.Und so ist ihr die Story, die drei Weiber in einen Kleinwagen nach Barcelona setzt, wo Frau Rettich einen Spanier ehelichen will, eher Nebensache, bietet aber der Ich-Erzählerin Anlaß, ausgiebig über die Rätsel und Gemeinheiten unserer Welt und ihrer Freundinnen im besonderen zu räsonieren.Außer den drei Hauptfiguren (generationenparitätisch Iris Berben, Martina Gedeck und die reizende Jeanette Hain, auf unserem Bild von links nach rechts), dem Auto und dem Reiseziel Spanien hat ungefähr nichts davon die Übersetzung vom Buch in den Film überlebt.Dafür haben die drei recht gewöhnliche männliche Begleitung bekommen.Und eine richtig gewöhnliche Geschichte aufgebrummt: Mit Klischees, Klamauk und Treuebruch, Analhumor, Thomas Hinze als anarchistischem Buchhändler, einem Schwulenpärchen und was sonst noch alles so dazugehört in einer neuen deutschen Komödie.Schade.Aber nicht ungewöhnlich.Rätselhaft an der Angelegenheit aber ist schon, daß die Autorin selbst, gemeinsam mit Kollege Hans Kantereit, für das Drehbuch verantwortlich zeichnet.Was mag geschehen sein? Nun, auch Simone Borowiak hat sich wohl ähnliches gefragt.Doch sie war ja dabei.Und sie hat ihre aufregenden Erlebnisse bei der Prä-Produktion und den Dreharbeiten in einem Heftchen festgehalten.Das Werk heißt "Erste Zeile, letzte Klappe" und ist eine kurzweilige und lehrreiche Einführung ins Filmgeschäft, aus der wir lernen können, auf welch wundersame Weise aus einem verrückten kleinen Buch ein ganz normaler deutscher Film wird.Sicher, wie Bart und Bakunin (kein Kater, sondern der Buchhändler, oh jeh!) in den Film hineingerieten, das erfahren wir auch hier leider nur am Rande, doch es läßt sich aus den geschilderten Restumständen ganz gut hochrechnen.Denn die bestehen aus Produzentendumpf- und Produktionsirrsinn.Borowiaks Merksatz: "Toiletten am Set sind die Fundamente des Filmgeschäfts!" Doch Spaß beiseite.Simone Borowiak singt natürlich auch tapfer das Leid der Autoren: Sie tut es mit Inbrunst, doch auch mit viel naivem Sachverstand und einer angenehmen schnoddrigen Selbstironie, die im Sumpf künstlerischen Selbstmitleids das Herz des Lesers erfrischt: "Das Drehbuch ist ein zähes Luder und hat mehr Leben als alle spanischen Katzen beisammen.Am meisten leiden darunter natürlich seine Eltern".Sie sehen, worauf das hinausläuft.Hier hat sich einmal das Buch zum Film zu einem ganz ohne Film lesenswerten Buch übers Filmgeschäft verselbständigt.Das Heimtückische ist natürlich, daß Sie sich vermutlich nach dem Lesen, trotz aller Warnungen, nur mal zur Tatsachen-Überprüfung, den Film doch noch anschauen wollen.Schaden kann das eigentlich nichts.Der Bavaria und Regisseur Markus Imboden sei es gegönnt.Nur sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt (in acht Berliner Kinos). S.H.

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