Kultur : Frau trau wem

Skandal! Doch seine Tragweite ist noch nicht erkannt: Das schwache Geschlecht ist seit Jahrzehnten an der Macht

Caroline Fetscher

„BILD und Glotze“, mehr brauche er nicht zum Regieren, soll der amtierende Kanzler einmal erläutert haben. Wozu all die Aktendeckel und Planungsstäbe, wenn es darauf ankommt, die richtigen Gesichter in die richtige Sendung schicken zu können? Na also. An sich ist das kein Geheimnis. Alle Regierenden halten es so, wenn es ums Ganze, also um die Gunst der Wähler geht. Dabei verlagert sich der Schwerpunkt inzwischen immer mehr auf das Fernsehen. Ohne das ist kein Staat zu machen. Mithin muss man die richtigen Kontakte zu den richtigen TV-Leuten haben. Dialoge innerhalb dieser Sphären kann man sich ungefähr so vorstellen: Du, Kalle, der Mucki muss den Leuten dringend das mit dem Aludosenpfand verklickern. Holt den doch mal am Sonntag ins Studio. Geht klar, Otto. 18 Uhr. Okay? Meine Sekretärin klingelt nachher noch mal durch.

So muss es laufen, damit das Old-BoysNetwork im „alten Europa“ funktioniert. Eigentlich ganz einfach. Old Boys? Diese Tage sind vorüber. Heimlich und doch vor aller Augen hat sich ein neues Machtsystem in den Männerbund hineingeschoben, ein paralleles, subversives. Damen haben das Sagen.

Die Stewardess als Pilotin

Wie so oft, wenn es einen Umstand zu enthüllen gilt, der revolutionäre Tragweite hat – Gentechnik, entgleiste Schriftsteller – erkennt dies zuerst das Feuilleton der FAZ. Dort schrieb unlängst Frank Schirrmacher: „Sonntagabend sagte Friedrich Merz in der Sendung Sabine Christiansen, der 250. Folge der Reihe: ,Wir sollten Ihnen erst mal gratulieren zu dieser Sendung. Sie haben damit ja großen Erfolg in Deutschland. Diese Sendung bestimmt die politische Agenda in Deutschland mittlerweile mehr als der deutsche Bundestag.’“ Zähneknirschend resümiert der FAZ-Herausgeber: „ Als Morgengabe liefert der Gratulant nicht nur die eigene Person, sondern gleich eine ganze Institution, das Verfassungsorgan des Bundestages, dem Salon der Frau Christiansen.“ Überschrieben war der Text mit „Männerdämmerung“, einem Schlagwort, das lange nachbeben wird. Und dazu die Unterzeile: „Wer uns denkt: Frauen übernehmen die Bewusstseinsindustrie“.

Keine Frage: Frauen beherrschen das politische Leben der Republik. Frauen sind am Hebel, wo das symbolische System produziert wird – im Zentrum aller Zentren. Dagegen verblasst alles weitere. Dass Männer immer noch 90 Prozent aller Professuren innehaben? Egal. Dass Gewalt in der Familie sich vor allem gegen Frauen und Mädchen richtet? Eine Randerscheinung. Die Quote im Bundestag? Nebensache. Vergessen wir auch, dass Frauen immer noch 20 bis 40 Prozent weniger verdienen als Männer. Denn Frauen haben dafür ja die Macht, nicht nur Christiansen, sondern auch Sandra Maischberger, Maybrit Illner, Anne Will und Marietta Slomka sind am Ruder, stellen ihre Minikabinette zusammen und steuern das Schiff, wohin es ihnen beliebt. Der Autor nennt Liz Mohn und Friede Springer, die Medienkonzerne leiten, die Suhrkamp-Autorin und Unseld-Witwe Ulla Berkéwicz sowie Elke Heidenreich, deren Bücher-Sendung Millionenquoten erzielt. Gekauft wird, was die Frau empfiehlt. Gewählt wird, wen die Talkshow-Gastgeberin empfängt. Die FAZ ist erschüttert: „Eine Telefonistin, ein Kindermädchen, eine Schauspielerin und Schriftstellerin und eine Stewardess definieren das Land.“ Gemeinsam unterstützt dieses Kartell – Angela Merkel.

Als habe Frau Christiansen das noch unterstreichen wollen, lud die Stewardess, die unbemerkt Pilotin wurde, wenige Tage nach diesen Enthüllungen Frau Merkel zu sich in die Sendung. Und setzte ihr, als spiegelndes Pendant, Amerikas einstige First Lady gegenüber, der nachgesagt wird, sie strebe das höchste Amt im Land an: Hillary Clinton. Beide ganz in Rot und Rosa. Daneben saßen, grau, vergeblich gestikulierend, zwei Männer. Wer waren die noch? Vergessen. Überhaupt, die USA. Wird Hillary eines Tages womöglich die erste echte Präsidentin der USA, so regiert mit Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice längst eine heimliche Ko-Präsidentin. Condoleezza Rice: Ihr IQ ist höher als der von George W. Bush, sie spricht besser Russisch als er – und besser Englisch –, war einmal Universitäts-Präsidentin, spielt Klavier und sammelt außerdem, wie Imelda Marcos, schicke Schuhe. Noch Fragen?

Sie nannten ihn Zonta

Das Phänomen der schleichend wachsenden Frauenpower aber ist längst nicht so neu, wie mancher Mann befürchtet. Begonnen hat das Komplott schon damals, als die Damen, Rahel Varnhagen und Co., im 18. und 19. Jahrhundert ihre Salons führten. Wie mächtig Frauen als Gastgeberinnen großer Geister auf die Männer wirken, das begreift so mancher offenbar erst heute.

Konsequent verfolgt wurde das Projekt Frauenherrschaft dann ab 1919 – im Pionierland USA, in Buffalo im Bundesstaat New York. Dort taten sich fünf Frauen, angestiftet von der Feuilletonistin Marian de Forest, zu einem Club zusammen, der weibliche Führungskräfte aus aller Welt als Mitglieder aufnahm. Sie nannten ihn Zonta (sprich: Sonta), nach einem Wort der Sioux. Zunächst hatte der weibliche Rotary-Club seinen Sitz in New York, später in Chicago.

Seither ist Zonta – still wie eine Loge – ununterbrochen gewachsen. Auf allen Kontinenten zeichnet der Club Frauen mit Medaillen aus und zählt inzwischen nahezu 34 000 Mitglieder. Von der japanischen Astronautin Chiaki Mukai bis zur ehemaligen Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth, von Islands erster Regierungschefin Vigdis Finnbogdotir bis zu Corazon Aquino – alle waren schon bei Zonta-Versammlungen zu Gast. Was dort verhandelt wird? Verraten wir nicht. Aber auch ahnungslosen Führungskräften fällt längst auf, dass das Handwerkszeug fürs gehobene Management – Mobiltelefone, Palms, MiniNotebooks – bereits jetzt sehr kompakt und filigran ist. Plumpe Männerhände können es kaum noch bedienen. Passt aber in jede Handtasche. Und warum sendet Christiansen am Zontag? Na bitte. Zu schweigen von der Meinungsführerschaft einer Susan Sontag.

Seit 200 Jahren drängen Frauen massenhaft in die Arbeitswelt – was für den Kapitalismus fatale Auswirkungen haben kann. Diedrich Diederichsen analysierte das einst in einem wunderbaren Essay („Die Frau im Kapitalismus“, 1981). Denn der Kapitalismus reagiert auf jede Bewegung, auch auf jene erste der Frauen – „raus aus den Männerfantasien, rein in die Borsigwerke“ – extrem sensibel. Mittlerweile ist den Frauen der Paradigmenwechsel von der Fabrik ins Fernsehen gelungen, und keiner weiß, wohin das noch führt. Am Ende nämlich, wenn die Frau als solche zuviel Macht hat, beginnt das Grauen. Dann, so hat auch Schirrmacher bemerkt, schlägt Judith Holofernes den Kopf ab.

Her mit den Intendantinnen

Mit sachtem Entsetzen erinnert sich mancher der Worte, die Intendant Fritz Pleitgen 2001 auf dem Herbsttreffen der ARD- und ZDFFrauen sagte: „Zu meiner Genugtuung sind drei meiner früheren Positionen später von Frauen eingenommen worden.“ Pleitgen fragte sich, warum nicht auch seine jetzige Position... „Die Zeit ist überreif für eine Intendantin.“ Denn der gegenwärtige Zustand sei „weder fair noch gut für die Gesellschaft“.

Hört sich sympathisch an. Kann aber den Untergang der Gesellschaft einläuten. Denn die Zonta-Frauen pirschen bereits auf Schlüsselpositionen zu. Fast ein Jahrhundert hat es gedauert, heute lauern sie, rund um den Globus, rund um die Uhr, nur noch auf ihre Stunde. In Hollywood und im Silicon Valley, bei Microsoft und auf dem Centercourt sind sie bald Spitze. Ebenso im State Department, bei den Vereinten Nationen, auf den Flugzeugträgern der Marine, auf der Leinwand, dem Bildschirm, im Konferenzsaal. Sehen Sie sich um. Sehen Sie sich vor.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben