Frauen-Dominanz beim Ingeborg-Bachmann-Preis : Ach, die armen Männlein

Nora-Eugenie Gomringer hat den Bachmann-Preis gewonnen und überhaupt dominierte in Klagenfurt das weibliche Geschlecht. Was ist nur mit den Männern los? Und warum kommen nicht alle mit dem Erfolg der Autorinnen zurecht?

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Die Bachmann-Kelag-und 3Sat-Preisgewinnerinnen Dana Grigorcea, Nora Gomringer und Valerie Fritsch
Die Bachmann-Kelag-und 3Sat-Preisgewinnerinnen Dana Grigorcea, Nora Gomringer und Valerie FritschFoto: dpa

Auch der Schriftsteller und ausgewiesene Feminist Joachim Lottmann wollte es sich in seinem Blog „Auf der Borderline nachts um halb eins“ nicht nehmen lassen, bei seiner obligaten Ronja-von-Rönne-Berichterstattung auf die weibliche Dominanz beim diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb hinzuweisen: „Werfen wir einen Blick auf die anderen AutorInnen“, so Lottmann, um gleich darauf zu bemerken, dass man „das Binnen-i ruhig klein schreiben“ könne, „denn es lesen ja nur noch Frauen um die Wette.“

Nicht, dass Lottmann der ideale Klagenfurt-Gewährsmann wäre: Aber er fügt sich gut in den mit vielen repetitiven Beats arbeitenden Chor ein, den man die vergangene Bachmann-Preis-Woche so oft hören konnte: Zehn Frauen, vier Männer, zehn Frauen, vier Männer, zehn Frauen, vier Männer ...! Was ist bloß mit den Männern los, was ist bloß mit den Männern los ...? Die Männer, die in Klagenfurt lasen, waren literarisch sicher nicht in Höchstform, auch in manchem Text gaben sie ein klägliches Bild ab: Stellten sich in Betten tot, waren auf Raubzüge in armen Rentnerinnenwohnungen aus oder konnten Rehe nicht vernünftig töten.

Ist das jetzt mit der weiblichen Dominanz so bemerkenswert?

Doch fragt man sich schon: Ist das jetzt mit der weiblichen Dominanz so bemerkenswert? Warum redet darüber bloß alle Welt? Gerade beim Bachmann-Preis war im vergangenen Jahrzehnt nie der Eindruck aufgekommen, Autorinnen seien hier unterrepräsentiert, vor Tex Rubinowitz 2014 gewannen 2011, 2012 und 2013 Frauen den Wettbewerb. Und überhaupt ist die deutschsprachige Gegenwartsliteratur schon länger kein reiner Männerverein mehr wie noch zu Zeiten der Gruppe 47, da braucht man sich nur die Nominierten und Gewinnerinnenlisten bei den Preisen der Leipziger und der Frankfurter Buchmesse anzuschauen.

Und wehe, die Männer sind wieder in der Überzahl

Leider liegt aber der Verdacht nahe, dass es dann so weit auch wieder nicht her ist mit der Gleichberechtigung, wenn unentwegt betont werden muss, dass mehr Frauen als Männer in Klagenfurt am Start waren, dass in der Politik immer mehr Frauen den Ton angeben, dass auch die deutschen Fußballfrauen gute Einschaltquoten bei der Fußball-WM hatten. Und gab es nicht in der Klagenfurter Jury einen Männerüberschuss, mit vier zu drei? Wenn es im nächsten Jahr einmal zehn Männer sein sollten und nur vier Frauen, die beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb lesen, hebt bestimmt wieder von irgendeiner Seite ein Geschrei an, dass die deutschsprachige Gegenwartsliteratur im Allgemeinen und der Literaturbetrieb im Besonderen ein Männerverein sei.

Ja, doch, es ist noch ein langer Weg bis zu dem Tag, an dem man wie selbstverständlich „die Autorinnen“ und nicht „die Autoren“ schreibt.

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