Kultur : Frauen sind nicht, sie reden

Stück zum Film zum Stück: „Acht Frauen“ am Renaissance-Theater sind keine zuviel

Kerstin Decker

François Ozon hat vor zwei Jahren mit „Acht Frauen“ das französische Star-Kino neu erfunden: Warum soll man die Großen einzeln auftreten lassen, wenn man sie auch in einem einzigen Film unterkriegen kann? Die Deneuve, die Huppert, die Darrieux und immer so weiter. Es wurde Kino total, aber eigentlich war es doch – „nur“ ein Theaterstück. Mit einem einzigen Bühnenbild. Vorzimmer, zwei Stunden lang. Ein Kinofilm mit einem einzigen Schauplatz? Beim Fernsehen wäre das nicht passiert. Aber Ozon besaß eine eigentümliche Definition von Schauplatz. Schauplätze eines Films sind grundsätzlich die Gesichter, also der linke Mundwinkel von Catherine Deneuve, wenn sich dort eine kleine, lebensbeleidigte Bitterkeitsfalte bildete. Oder die rechte Augenbraue von Isabelle Huppert, wenn sie am Rande des nächsten Nervenzusammenbruchs über dem oberen Rand des Hornbrillen-Kassengestells hüpft. Denn die Minimalismen, wusste Ozon, sind das Entscheidende im Leben wie im Kino. Und am Theater?

Acht Frauen? Haben wir auch, dachte das Renaissance-Theater und beschloss, dem Theater zurückzuholen, was ihm schließlich mal gehörte. Ja, mehr noch. Das hier ist, war schon immer, ein, nunja, Quasi-Boulevardstück. Also gehört es auf eine, nunja, Quasi-Boulevardbühne. Regisseur Dietmar Pflegerl fasste den Mut, die Deneuve durch Judy Winter zu ersetzen, Isabelle Huppert durch Ulrike Jackwerth, Danielle Darrieux durch Louise Martini und immer so weiter.

Sagen wir es so: Ozon erbrachte den Nachweis, dass das Boulevardeske mit Zügen des Genialischen sehr wohl vereinbar ist. „Acht Frauen“ am Renaissance-Theater erbrachte den Nachweis, dass es auch ohne geht. Und das Stück von Robert Thomas funktioniert immer noch. Das Boulevardeske, insofern es immer einen Rest von aufgescheuchtem, Pirouetten drehenden Biedersinn mitmeint, ist in seine Ursprungs-Rechte wiedereingesetzt. Aber wir sehen einen bestechend gut gebauten französischen Krimi von 1961, der eigentlich eine Komödie ist, so wie jede gute Komödie natürlich eigentlich ein Krimi ist.

Die Seele einer Frau: ein Schlager

Die Handlung? Tut nichts zur Sache, denn wer die Handlung von Krimis erzählt, gehört eingesperrt. Auch ist sie ohnehin nicht wichtig, denn es geht, wie bereits angedeutet, um acht Frauen. Frauen handeln nicht, Frauen sind. Die Kritiker der Frauen sagen: Frauen sind auch nicht, Frauen reden. Frauen sind, indem sie reden. Es gibt gerade noch ein Ozon-Nachahmungs-Nur-Frauen-Sprech- Stück in Berlin, es heißt „Damen der Gesellschaft" und versammelt noch mehr Frauen, unter anderem Desirée Nick und Katja Riemann. Ort des Unglücks ist das Gorki-Theater. Wer „Damen der Gesellschaft“ kennt, versteht spontan das Schweigegebot für Frauen in den älteren Kulturen, auch wird er sicher nie wieder in ein Nur-Frauen-Sprechstück gehen. Oder aber er wird „Acht Frauen“ lieben.

Reden. In Boulevardstücken, Krimis und Familien tut man das vornehmlich aneinander vorbei. Und zwar in unausgesprochenem Vernichtungswillen. Indem Ozon acht Diven gegen das Grundgesetz „Wo eine Diva ist, kann nicht gleichzeitig eine andere sein“ aufbot, gab er diesem Motiv eine wunderbare doppelte Sinnfälligkeit. Aber auch hier erleben wir acht Virtuosinnen des Vernichtungswillens. Wo Deneuve Deneuve blieb, ist auch Judy Winter vor allem Judy Winter. Aber Isabelle Huppert als Augustine hätte man beinahe nicht erkannt, dieses schreckliche alte Mädchen mit dem Hornbrillen-Kassengestell, den Dutt wie eine Festung auf dem Kopf. Doch auch Ulrike Jackwerth gibt ihrem spröden Unglück fast denselben Rasierklingenschliff – alles an ihr ist uneinnehmbar, ihre ganze Existenz ein Misstrauensantrag gegen das Leben – bis hin zur glamourösen Verwandlung auf der Flurtreppe. Für jede der acht Frauen wird diese Treppe einmal am Abend zur Bühne für ein Seelen-Solo mit Klavierbegleitung. Und was ist die Seele einer Frau? Ein Schlager, sagen ihre Kritiker.

Höhepunkt ist vielleicht die Treppenbesteigung der trunksüchtigen Mamy, die auf wundersame Weise aus ihrem Rollstuhl auferstanden ist: „Ich weiß, meine Lieder, die ändern nicht viel./ Ich bin nur ein Mädchen, das sagt, was es fühlt ...“ – Wie das ganz leise wohlbekannt-fremd anhebt, nach zwanzig Jahren deutscher Schlagergeschichte endlich zur Kenntlichkeit entstellt.

Es stimmt doch nicht, dass Ozon nur einen Schauplatz hatte. Es gab noch einen: Von draußen, durch tiefgefrorenen Winter näherte sich die Kamera dem einsamen Haus – Krimi!, signalisierten noch die Wärmelichter der Fenster in der Eiswelt. Am Renaissance-Theater dagegen ist das Schneien noch Handarbeit und dazu heult die Windmaschine an der Leistungsgrenze. Aber wen stört das? „Meine Nieren, mein Herz und jetzt noch der ganze Schnee!“, lautet der erste Satz von Haushälterin Madame Chanel (Seele der Dienstboten: Regina Lemnitz). Die Sinngrenze dieses Satzes wird der Abend niemals überschreiten, aber das auf höchstem (Boulevard-)Niveau.

Bis 1. Juni, täglich außer Montag.

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