Kultur : Frauen und Männer aus Ost und West, die Deutschland prägten

Hans Christof Wagner

"Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbst gewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen." Das Marxsche Diktum aus dem "18. Brumaire des Louis Bonaparte" mag auch für die in diesem Sammelband vorgestellten 33 Männer und Frauen gelten. Doch nicht nur die Politiker der Bundesrepublik werden porträtiert. Auch die wichtigsten Repräsentanten der DDR sind darin zu finden.

Was 1949 in Ost und West an neuen politischen Strukturen entstand, das wurde von Männern erdacht und ins Werk gesetzt, deren Herkunft und politische Sozialisation zum Teil bis weit ins Kaiserreich zurück reichte. Die erste Politikergeneration der Bundesrepublik und der DDR transportierte politische Milieus, Traditionen und Bindungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Während beispielsweise Konrad Adenauer und Theodor Heuss katholischen und bildungsbürgerlichen Elternhäusern entstammten, kamen Walter Ulbricht und Otto Grotewohl aus Arbeiterfamilien. Ihnen bot die Arbeiterbewegung, ob kommunistisch oder sozialdemokratisch, die Chance zum sozialen Aufstieg.

Kommunist, ein Leben lang

Viele der hier Porträtierten sind schon in sehr jungen Jahren politisch geprägt worden. Das trifft besonders auf Ulbricht und Erich Honecker zu, aber auch auf Jakob Kaiser, Fritz Erler, Willy Brandt und Herbert Wehner. Ein Großteil der Biografien zeichnet eine bemerkenswerte Kontinuität aus. Kommunist war man sein Leben lang. In die Sozialdemokratie wurde man "hinein geboren". Und auch die Männer, die wie Heuss und Thomas Dehler zu den wenigen Liberalen in der Weimarer Republik gehörten, blieben in der Bundesrepublik dem Liberalismus treu.

In anderen Lebensläufen sind die persönlichen und politischen Brüche augenfällig. Von entscheidender Bedeutung für die Politiker in Ost und West war die Zeit des Nationalsozialismus. Wie sie die zwölf Jahre der Diktatur verbrachten, ob unbehelligt, in Zuchthäusern und Konzentrationslagern oder in der Emigration, schlug sich sehr wohl im politischen Handeln in der Nachkriegsära konkret nieder.

Weimar prägte

Bonn ist nicht Weimar. Dennoch prägte die erste Demokratie auch das politische Handeln nach 1949. Die einen, wie Kurt Schuhmacher, knüpften unmittelbar an die Zeit vor 1933 an. Andere, wie sein Kontrahent Adenauer, konnten sich an die neuartigen politischen Strukturen der deutschen Teilung besser anpassen und der jungen Bundesrepublik ihren Stempel aufdrücken. Die alten Milieus zerbrachen, und die politischen Parteien mussten neue Konzepte entwickeln. Das von Fritz Erler und Carlo Schmid verfochtene Volksparteikonzept war eines von ihnen. Eines, das es schließlich auch der Sozialdemokratie ermöglichte, Wahlen zu gewinnen und so politischen Einfluss zu erlangen.

Die Porträtierten schlugen auch völlig konträre politische Wege ein. Manche von ihnen gehörten gewiss zu den großen Staatsmännern des 20. Jahrhunderts. Andere wiederum standen nicht in der ersten Reihe. Über Oppellands Auswahl kann man geteilter Meinung sein. Auch die Beschränkung auf die Jahre bis 1969 ist nicht unbedingt einsichtig. Willy Brandts und Helmut Schmidts eigentliches politisches Wirken begann ja erst nach 1969. Die beiden Bände vermitteln dennoch solides Wissen über die porträtierten Personen. Wer sie liest, wird über das Individuelle hinaus auch vieles über die Geschichte beider deutscher Staaten erfahren.Torsten Oppelland (Hrsg.): Deutsche Politiker 1949-1969. 33 biographische Skizzen aus Ost und West. (Zwei Bände) Primus Verlag, Darmstadt 1999. 208 und 197 Seiten. 49,80 DM.

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