Frauen und Männer : Ich will sterben dürfen

Der Vater vegetierte am Ende mehr, als dass er noch lebte. Unser Autor wünscht sich einen besseren Tod. Wer soll ihn daran hindern? Eine Streitschrift.

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Auch der Schriftstellter Martin Walser ist überzeugt, dass Sterbehilfe eines Tages zum Alltag gehört.
Auch der Schriftstellter Martin Walser ist überzeugt, dass Sterbehilfe eines Tages zum Alltag gehört.Foto: dpa

Neulich, auf einem Dreitausender in der Schweiz, überstieg ich das eher symbolisch gemeinte Holzgeländer und sah in die Tiefe, die mit wenigen Schritten und ohne weitere Umstände erreichbar war. Ich hätte springen können oder mich einfach fallen lassen. Erstaunt hat mich nicht die sportliche Art, mit der hier vor solchen Abgründen gewarnt wird, sondern die Tatsache, dass ich offenbar auf der Suche bin nach todsicheren Gelegenheiten. Ich war mir dessen nicht bewusst gewesen. Lebensmüde bin ich nicht, meine Tage sind noch prall gefüllt mit Arbeit und Familie. Und doch bin ich offenbar auf der Suche nach einer Chance, beizeiten aus dem Leben zu gehen, solange ich noch selbst darüber entscheiden kann. Als ich abstieg und darüber nachdachte, wurde mir bewusst, wie unwürdig diese heimliche, sogar vor mir selbst verborgene Suche ist.

Nachdem ich bei voller Berufstätigkeit in zwei Ehen acht Kinder großgezogen und zuletzt sogar noch ein Haus gebaut habe, werde ich, vielleicht in zehn Jahren, lebenssatt und bereit sein, mich zur verdienten Ruhe zu begeben. Und dann will ich sterben, anstatt mich totpflegen zu lassen auf die jämmerliche Weise, wie es meinem Vater geschah. Ich konnte das nicht verhindern, konnte sein langes Siechtum nicht abkürzen, doch für mich selbst suche ich rechtzeitig nach einer besseren Lösung. Wenn meine Zeit gekommen ist, will ich mich nicht in die Obhut einer Gesellschaft fallen lassen, die schon jetzt bei der Altenpflege an ihre finanziellen und moralischen Grenzen gelangt und parallel dazu immer neue lebensverlängernde Mittel ersinnt, einer Gesellschaft, die keine Antwort weiß auf meine Frage nach dem Guten Tod.

Neulich fuhr ich mit der Fähre nach Schweden, um das Sommerhaus meines Vaters zu verkaufen, meines Vaters, der keinen guten Tod hatte, der in seinem Heim zuletzt mehr vegetierte als lebte, und der sich vor seiner Demenz gewiss dafür entschieden hätte, sich und uns diese Lebensphase zu ersparen. Wenn wir aufs Sterben zu sprechen kamen, hatte er stets eine neue Patentlösung parat, zuletzt hatte er die Idee, sich mit gutem Whiskey im Blut bei einer winterlichen, nächtlichen Ostseeüberfahrt über die Reling kippen zu lassen. Es kam dann doch anders.

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