Frauen und Männer : Können Liebeslieder lügen?

Christiane Rösinger hält die Idee von der romantischen Zweierbeziehung für Mumpitz. Für uns knöpft sie sich acht bekannte Kuschelhits vor und kommt zu verblüffenden Erkenntnissen wie: Matthias Reim ist gut!

von und Protokoll
Christiane Rösinger.
Christiane Rösinger.Foto: Promo

Whitney Houston

I WILL ALWAYS LOVE YOU

Man muss sich das Lied gesungen vorstellen, dieser lange Bogen im Refrain, dieses „AAA -Iiiiii-Eii“ – da wird Liebe zu etwas Quasireligiösem, die ewig hält. Was natürlich Quatsch ist. In dem Lied geht es um die seltene Liebesform Agape – der kanadische Wissenschaftler John Lee hat 1973 sechs unterschiedliche Formen der Liebe beschrieben und Agape ist die selbstlose, göttliche Liebe. Benedikt XVI. spricht auch öfter davon. Die Liebeslüge, dass zwei Menschen füreinander geschaffen sind, geht wiederum auf Platon zurück, auf seine Idee des Kugelmenschen: Der Mensch hatte ursprünglich eine Kugelgestalt, die von Zeus auseinandergeschnitten wird – und seitdem sucht der Mensch verzweifelt nach seiner anderen Hälfte. In Whitneys Song geht es um so eine selbstlose Beziehung: Sie liebt ihn, opfert sich aber auf und verlässt ihn, weil es besser für ihn ist. Das gibt es eigentlich nicht. Wäre eine Liebe so einzigartig, würden beide Seiten nach einem Scheitern der Beziehung für Jahre daran zerbrechen. In der Realität kommt bald ein neuer Partner, der alte ist schnell vergessen. Das können viele erstaunlich gut. Die serielle Monogamie oder Ketten-Ehe ist zurzeit am weitesten verbreitet. Es gibt Menschen, Männer wie Frauen, die waren in den letzten 20 Jahren vielleicht vier Wochen allein. Die machen eben erst Schluss, wenn wieder eine neue Person vor der Tür steht.

Roxette
IT MUST HAVE BEEN LOVE

Ich finde ja, da kommt fast eine Fröhlichkeit durch, wenn sie singt: Jetzt ist es vorbei, Augen auf, jetzt kommt ein neuer Lebensabschnitt. Ich spüre eine leise Wehmut. Als ob ein Teller in der Küche herunterfällt: Ach schade, dass das jetzt zerbrochen ist. Es gibt Menschen, die nehmen eine Trennung schwer, die machen zwar selber Schluss, sind danach aber wahnsinnig traurig. Andere erfreuen sich sofort der Freiheit. Ich bin auch schwermütig. Wenn ich eine Beziehung beende, nehme ich mir das sehr zu Herzen. Obwohl ich mich einfach selten darin wohl gefühlt habe. Bei mir stellt sich das Grauen auch in harmonischen Beziehungen ein. Wenn die ersten Wochen der Verliebtheit vorbei sind, sich ein Alltag einschleicht, gefalle ich mir selber nicht mehr. Ich werde körperlich und geistig träge, bleibe zu Hause, obwohl ich sonst lieber ausgehe. Meine nichtrepräsentativen Recherchen im Bekanntenkreis haben ergeben, dass es bei vielen nach einer gewissen Zeit ähnlich ist. Bei einigen gibt es dann diese Einstellung: Wir sind ein Paar, wir haben viele gemeinsame Pärchenfreunde, und mit denen machen wir was gemeinsam. Das finde ich richtig ekelhaft. Ich habe trotzdem Pärchenfreunde, ich kann ja nicht mit allen brechen.

Scorpions
STILL LOVING YOU

Ich habe erst mal nur das Gewinsel von Klaus Meine im Ohr. Was mir auffällt: Es geht in dem Lied um Stolz. Diese Frau, die er besingt, hat ihn verlassen. Ihr Stolz ist nun zu stark, sie soll ihn überwinden, damit die beiden wieder zusammenkommen. Im Klartext: Es geht um einen Mann, der in seiner narzisstischen Wahrnehmung beleidigt wurde. Die Situation ist sehr typisch, weil Frauen oft Schluss machen, wenn die Männer noch denken: Wieso, war doch alles in Ordnung? Es gibt unterschiedliche Erwartungen an Beziehungen, das hat unter anderem die Soziologin Beck Gernsheim herausgefunden. Männern ist es wichtig, dass eine Beziehung gut läuft, dass der Alltag funktioniert. Frauen legen mehr Wert auf gegenseitiges Verständnis und wollen reden. Das ist Männern ein Graus. Und ziehen Frauen dann einen Schlussstrich, fallen sie aus allen Wolken. Das könnte man in dem Song ein bisschen lesen. Es muss ja was vorgefallen sein, sonst würde er nicht so jammern. Jüngere Männer sind zum Glück fähiger zu reflektieren und haben mehr Lust auf Gespräche. Die haben eine andere Beziehungskultur und blocken nicht sofort ab.

Sinead O’Connor
NOTHING COMPARES 2 U

Ein tolles Lied! Es beschreibt wahnsinnig gut die schlimmste Zeit des Liebeskummers, wenn eine Person gerade verlassen wurde. Von klein auf werden Frauen noch mehr als Männer darauf getrimmt, dass das Paar, die Liebe das Wichtigste im Leben ist. Schon als Teenager musst du einen Freund haben, jeder Popsong, jede Highschool-Komödie handelt davon. Als junger Mensch sucht man den Sinn des Lebens – und denkt: Das ist die romantische Zweierbeziehung oder RZB. Dabei ist diese eine Erfindung der romantischen Mode des 18. Jahrhunderts. Davor hat man sich zusammengetan, um vielleicht einen Hof gemeinsam zu bewirtschaften und Kinder zu bekommen. Die Idee war: Frau sucht tüchtigen Mann, Mann sucht hübsche Frau mit Mitgift, Gefühle stellen sich, wenn es gut läuft, während der Ehe ein. Früher fand ein Warenaustausch statt, wenn zwei Familien zusammenkamen. Das fällt heute weg, das junge Paar konsumiert nur noch zusammen, geht ins Kino, zum CandleLight-Dinner und kauft sich teure Geschenke. Die israelische Soziologin Eva Illouz nennt das „die Ökonomie der Romantik“. Sie hat für ihre Untersuchungen eine Reihe unterschiedlicher Menschen gebeten, romantische Situationen zu beschreiben. Bei fast allen kamen dieselben Bilder heraus: rote Rosen, Dinner mit Kerzen, am Strand entlanglaufen. Das taucht ja teilweise auch in dem Lied auf. Viele Menschen halten ihre Liebe für einzigartig, dabei ist sie ganz stereotyp – und hat meist mit Geldausgeben zu tun.


Bryan Ferry
LET’S STICK TOGETHER

Das ist interessant. In dem Lied will das Paar zusammenbleiben, weil es verheiratet ist und Kinder hat. John Lee, der kanadische Soziologe, würde das eindeutig der Liebesform Pragma zuordnen: Man kümmert sich umeinander. Ich finde, in den letzten Jahrhunderten hat das gut funktioniert. Die Liebesheirat ist fast nur im westlichen Kulturkreis verbreitet. In anderen Regionen, wo das Individuum nicht so eine Bedeutung hat, sondern die Familienharmonie zählt, gibt es nach wie vor arrangierte Heiraten. Vor 20 Jahren dachte ich: Wie schlimm! Heute glaube ich, diese Menschen haben auch keine schlechteren Chancen, glücklich oder unglücklich zu werden. Ich bin selber in einer Bauernfamilie im Badischen aufgewachsen. Meine Eltern haben auf dem Hof gearbeitet, ich weiß nicht, ob sie wahnsinnig glücklich miteinander waren, aber sie hatten ihr Projekt – die Kinder und der Hof. Was an Ferrys Lied komisch ist: Eigentlich hatten die 70er Jahre, in dem der Song geschrieben wurde, die große Errungenschaft, dass Menschen nicht zusammenbleiben müssen, wenn sie sich nicht mehr lieben. Auch Paare mit Kindern. Das empfinde ich als totalen Fortschritt. Ich habe meine Tochter allein großgezogen. Ihr Vater und ich haben uns getrennt, als sie zwei Jahre alt war. So schwierig ist das auch nicht, manchmal komme ich mir wie eine Trümmerfrau vor, wenn ich das erzähle und mich die anderen angucken, als würde ich mich mein Leben lang abrackern.

Mariah Carey
WE BELONG TOGETHER

Der Text ist die Selbsterniedrigung schlechthin. „I was stupid, I was lying to myself/When you left, I lost a part of me.“ Da ist er wieder, der Seelenvereinigungsmythos von Platon. Das Lied ist ein bisschen verräterisch, weil sie schon mal Schluss gemacht hat und ihren Schritt nun bereut. Vielleicht war ein anderer Mann in Aussicht, das hat nicht geklappt, jetzt will sie wieder zurück. In dem Zusammenhang erinnere ich mich an seltsame Dating-Ratschläge aus US-Frauenzeitschriften: Nach einem Jahr muss er einen Verlobungsring vorzeigen, der muss mindestens drei Monatsgehälter kosten – sollte das nicht der Fall sein, muss sie sofort die Beziehung beenden. Weil eine Beziehung eine Investition ist, die sich so nicht trägt. Oder stimmt bei einem Date eine Sache nicht, zum Beispiel er hat unterhaltspflichtige Kinder, verdient zu wenig oder ist gar arbeitslos, muss er in den Wind geschossen werden. Eva Illouz geht genauso pragmatisch vor. Sie sagt in ihrem Buch „Warum Liebe weh tut“: „Liebe ohne zurückgeliebt zu werden ist keine Liebe.“ Das ist doch in unserem Kulturkreis ganz anders. Ich fand dieses Goethe-Wort immer schön: „Und wenn ich dich liebte, was geht es dich an?“ Die schönsten Gedichte und Songs entstehen manchmal aus unerwiderter Liebe.

Münchner Freiheit
OHNE DICH

Das hat eindeutig eine erotische Botschaft, es geht um ein Begehren, nicht um eine Liebe. Das ist explizit, was ich gut finde, weil es im Schlager sonst nicht so zur Sache geht. „Ich will dir nichts erzählen, was dich eh nicht interessiert“, da fackelt einer nicht lange. Das ist eben nicht so ein langsamer Titel, in dem jemand singt, er könne heute nicht allein schlafen, weil er jemanden zum Festhalten bräuchte. Solche Menschen gibt es ja. Die müssen nachts unbedingt neben ihrem Partner schlafen. Das Schlafforschungsinstitut in Gelsenkirchen hat herausgefunden, Männer schlafen besser zu zweit, Frauen aber schlechter. Das führen die Wissenschaftler auf das Schlafverhalten des Urmenschen zurück. Die Frau hat beim jüngsten Kind geschlafen, bei jedem Geräusch wachte sie auf und war alarmiert. Der Mann schlief hingegen beruhigt neben der Partnerin am Feuer. Für moderne Frauen kommt hinzu, viele Männer schnarchen – und die Frauen halten das jahrzehntelang aus. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Männer das andersherum einfach hinnehmen würden. Trotzdem wird das Zusammenschlafen in einem Bett eisern verteidigt, weil das wie ein Gradmesser für die Beziehung ist. Ich kenne jüngere Männer, die das ganz schlimm finden, mal allein zu schlafen. Ehrlich, ich genieße das richtig. Der französische Soziologe Claude Kaufmann hat für eine Untersuchung Leserinnen der Zeitschrift „Elle“ aufgefordert, von ihrem Dasein als Single zu erzählen, und hat diese Briefe dann ausgewertet. Die Frauen haben darin erzählt, was sie an ihrer Lebenssituation am besten finden. Fast alle haben geantwortet: Das Bett für sich alleine zu haben.

Matthias Reim
VERDAMMT, ICH LIEB DICH

Das finde ich gut, weil Liebessongs nie ambivalent sein dürfen, aber der hier ist es. „Ich will dich, ich will dich nicht, ich brauch dich, ich brauch dich nicht.“ Und dann noch mit diesem Rhythmus, da ist sich einer überhaupt nicht sicher. Kann er monogam sein? Wenn wir mal zu den Säugetieren gucken, da haben nur drei Prozent aller Arten eine monogame Beziehung. Sie ist für viele Tiere nicht praktikabel. In fast allen Gesellschaften zu allen Zeiten neigten Männer eher zur Polygamie als zur Einehe. Nicht überraschend, weil die Kosten und Risiken einer Schwangerschaft biologisch bei der Frau liegen. Bei den Germanen und in Sparta gab es zwar Paare, aber da hatten die Männer auch geschlechtliche Beziehungen zu anderen Frauen. Dieses Modell einer treuen Partnerschaft für das Leben hat es bis vor 300 Jahren nicht gegeben. Die Anforderungen an so eine RZB sind völlig überzogen: ewig lange Liebe, jahrelang toller Sex, totale Erfüllung. Es gibt Menschen, die sind zur Treue veranlagt, andere nicht. Es ist schwierig, eine Paarbeziehung über Jahre aufregend zu halten. Übrigens, nirgendwo wird so viel gelogen wie bei Sexumfragen. Das ist empirisch nachweisbar, wenn Pärchen getrennt über die Sexfrequenz reden. Die Männer gaben an, viel mehr Sex zu haben als die Frauen – und nicht fremdzugehen. Mit wem schlafen die dann?

Christiane Rösingers Buch "Liebe wird oft überbewertet" ist gerade bei S. Fischer erschienen (208 Seiten, 13,99 Euro).

Autor

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben