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Frauenbewegung : Der Unsinn vom falschen Bewusstsein

05.01.2013 00:00 UhrVon Christina Bylow
Gebildet sind wir sowieso. Unsinkbare Badeanzüge tragen die amerikanische Frau 1925 in ein neues Zeitalter. Foto: akg-images Foto: akg-imagesBild vergrößern
Gebildet sind wir sowieso. Unsinkbare Badeanzüge tragen die amerikanische Frau 1925 in ein neues Zeitalter. Foto: akg-images - Foto: akg-images

Die weibliche Emanzipation hat heute viele Gesichter: Die Historikerin und Publizistin Miriam Gebhardt über einen Feminismus, der normierte Ideale aus den siebziger Jahren überdenken muss.

Frau Gebhardt, in Ihrem Buch „Alice im Niemandsland. Wie die deutsche Frauenbewegung die Frauen verlor“ (DVA) gehen Sie ins Gericht mit dem erzieherischen Feminismus der siebziger Jahre, den Sie in Alice Schwarzer verkörpert sehen. Der „Ändere Dich gefälligst-Feminismus“, wie Sie ihn nennen, forderte die Frauen auf, an sich selbst zu arbeiten, um sich zu emanzipieren. Was stört Sie an diesem „Gesinnungsfeminismus“?

Die Tatsache, einem Geschlecht zugeordnet zu werden, ist existenziell, da haben die Feministinnen nach wie vor Recht. Weil es einen ganzen Rattenschwanz von Konsequenzen nach sich zieht, bis hin zu den Renten, die am Ende ungleich sind.

Aber ich glaube, dass es heute nicht mehr angemessen ist, eine feministische Norm zu erheben. Etwa zu sagen, du bist nur dann eine emanzipierte Frau, wenn du wirtschaftlich autonom bist. Oder wenn du weißt, dass deine Liebe zum Kind eine soziale Konstruktion ist. Am deutschen Feminismus der siebziger Jahre hat mich gestört, dass er sagt: Was du da wünschst und empfindest, ist kein authentisches Bedürfnis.

Die Frau, die abhängig bleiben will, hat ein falsches Bewusstsein ?

Ja, das ist ein wichtiges Stichwort, das aus der linken Bewegung kommt.Das falsche Bewusstsein musste in Frauengruppen aberzogen werden, damit die Frauen erkennen, dass das, was sie fühlen und denken vom Patriarchat infiziert ist. Dieser Ansatz ist heutzutage nicht mehr möglich. Damit verprellt man mindestens die Hälfte der Frauen, und das halte ich für kontraproduktiv. Dieser eindimensionale Blick auf den Menschen, der sich angeblich nur rational verhalten soll und der angeblich nur immer das tun soll, was der Befreiung dient, unterschlägt die ambivalenten und widersprüchlichen Bedürfnisse, die man aber damit nicht aus der Welt schafft.

In Ihrem Buch schreiben Sie sinngemäß, der Feminismus müsse einer Frau auch das Recht zugestehen, sich nicht emanzipieren zu wollen. Die französische Feministin und Wissenschaftlerin Elisabeth Badinter warnt junge Frauen dagegen gerade in der Krise davor, das Ziel der wirtschaftlichen Unabhängigkeit aus den Augen zu verlieren. Sie sagt, es gibt keine Gleichberechtigung ohne ökonomische Autonomie.

Wir leben ja nun in einer Post-Arbeitswelt. Wir leben in einer Welt, in der allen klar ist, dass nicht genügend gut bezahlte oder menschenwürdige Arbeit da ist. Wir rücken das ja nur aus dem Blickfeld, indem wir es in Entwicklungsländer verschieben. Die Idee, für die Badinter noch steht – Autonomie durch Arbeit – ist ja erstens durch die realen Umstände überholt und zweitens historisch einzuordnen. Dieses Denken ist ein Produkt der Moderne und der Industrialisierung.

Da glaubte man, durch Arbeit die Nation voranzubringen. Aber es gibt ja längst andere Denkansätze. Die Konsequenz könnte ja auch sein, dass es ein Grundeinkommen gibt. Oder eine Rente für Pflegearbeiten. Zu sagen, alle müssen durch Erwerbsarbeit autonom sein, egal wie diese Erwerbstätigkeit aussieht, egal, wie sie bezahlt wird, entspricht einer Wohlstandsperspektive.

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