Kultur : Frauenfilmfestival: Selbst Kerle sind nicht mehr ausgeschlossen

Silvia Hallensleben

Herrlicher Altweibersommer im Rheinland. Doch die Weiber waren eisern - und die Kinos gut gefüllt bei der Feminale in Köln, dem größten Frauenfilmfestival der Welt, mittlerweile im zehnten Durchgang. So musste man sich am Eröffnungsabend mühsam durchs Kino-Foyer quetschen - und das nicht nur wegen des Andrangs Kölner Lesben, die sich schon seit Wochen verzweifelt um Tickets für einen Film schlugen, in dem Sharon Stone und Ellen Degeneres als Paar zu bestaunen sind. "If these walls could talk II", bei uns unter als "Women Love Women" vermarktet, ist das Sequel einer US-Fernsehproduktion, entsprechend sieht er auch aus.

Grenzüberschreitungen allerorten. Mit einer Retrospektive der Künstlerin Lynn Hershman Leeson, die sich im Grenzbereich zwischen Installation, Video, Fotografie und Film bewegt. Mit dem Film "I.K.U", einem japanischen Cyber-Porno der taiwanesisch-amerikanischen Medienkünstlerin Shu Lea Chang. Die Sektionen Girls Focus und Euro Pool waren schwerpunktmäßig dem Themenkomplex Migration und Globalisierung gewidmet, der sich auch sonst als roter Faden durch das Festival zog. Ein Anliegen der Feminale war es immer, Kontexte herzustellen, Formen der Kommunikation zu finden, die über das bloße Filmgucken hinausgehen.

Am produktivsten gelang das diesmal wohl in einer Diskussionsveranstaltung, die unter dem Thema "Europäische Migration und filmische Repräsentation" die Regisseurinnen Hatice Ayten und Marie Colonna mit den Filmwissenschaftlerinnen Marie-Helène Gutberlet (Frankfurt), Deniz Göktürk (Southampton) und Robin Curtis (Berlin) zusammenbrachte. Einig waren sich alle, dass die Problemfilme der 80er Jahre mit ihren Opferfiguren der falsche Ansatz sind, um hier etwas in Bewegung zu bringen. Es gilt, die Beflissenheit zu verabschieden, Migration neu zu denken und offen zu thematisieren. Ob, wie etwa in Großbritannien, Film-Komödien oder Sitcoms, die aus der Einwanderer-Perspektive den Clash der Kulturen komisch thematisieren, ein Schritt auf diesem Weg sein könnten, war umstritten. Wird hier nicht doch wieder nur Ethnizität ausgestellt? Wo hier die Frauen bleiben? Das Nachdenken über Differenzen und Herrschaftsmechanismen gilt genug, um dem feministischen Anspruch zu genügen.

Denn eigentlich ist die Feminale weniger ein Frauen- denn ein feministisches Filmfestival. Seit der Gründung 1986 verstanden die Macherinnen es vor allem als Begegnungsort feministischer Filmkultur, wobei "Feminismus" durchaus politisch gemeint ist, als Kampfbegriff für eine herrschaftsfreiere Welt. Mainstream ist hier nie gelaufen. Und mittlerweile, da Regisseurinnen auch im Kino keine Rarität mehr sind, ist frau gelassen genug, auch mal auf Filme von Männern zurückzugreifen, wenn Sujet (in diesem Falle Migration) und Qualität stimmen. Auschließungen gibt es nicht. Trotzdem widmete die Feminale auch dieses Jahr wieder eine Sektion ausschließlich den Debütspielfilmen junger Regisseurinnen: Erstaunlich hoch lag hier das Niveau, sei es bei der knallbunten schottisch-londoner Migrationsgeschichte und Bürosatire "Janet Beard, 45 W.P.M" oder "Swetlana" von Tamara Staudt, die vom Ankommen eines deutsch-russischen Aussiedlermädchens im Ruhrgebiet erzählt.

Kultverdächtig geradezu das stark autobiographisch angehauchte Schauspielerinnendramolett "Scarlet Diva" von Asia Argento, Tochter des italienischen Horrorregisseurs Dario Argento. Der neu eingeführte Preis für den besten Debütfilm ging an "Ratcatcher" von Lynne Ramsay, einen britischen Film, der sozialen Alltag thematisiert, ohne je sozialem Realismus zu verfallen. Zu hoffen ist, dass einige dieser Filme einen Kinoverleih finden. Einen immerhin, "Swetlana" gibt es zur Zeit in Berlin im fsk-Kino zu sehen.

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