• Frauengefängnis am Alexanderplatz: "Ich darf nicht vergessen, wie lange ich schon hier bin"

Frauengefängnis am Alexanderplatz : "Ich darf nicht vergessen, wie lange ich schon hier bin"

Im Frauengefängnis Barnimstraße am Alexanderplatz saß Rosa Luxemburg, später viele Widerstandskämpferinnen gegen Hitler. Das Gebäude wurde 1974 abgerissen. Eine Audiotour kämpft gegen das Vergessen.

Lisa-Maria Röhling
Das Gefängnis auf einer Fotografie von 1925. Heute befindet sich an dieser Stelle eine Verkehrsschule.
Das Gefängnis auf einer Fotografie von 1925. Heute befindet sich an dieser Stelle eine Verkehrsschule.Foto: picture-alliance / akg-images

Kindergeschrei ist zu hören, es herrscht wildes Treiben, laute Rufe und fröhliche Gesichter. Schüler sausen auf ihren Fahrrädern über den Verkehrsübungsplatz, vorbei an Straßenschildern und Zebrastreifen. „Gehen Sie bis zum Schild, dann bleiben Sie stehen. Sie stehen am Eingang einer Gefängniszelle“, sagte eine Stimme über Kopfhörer. Nichts zu sehen von der Zelle. Die Sonne scheint auf den Rücken, der Wind rauscht sanft durch die Bäume. „Die Dunkelzelle. Ich darf nicht einschlafen, sonst vergesse ich, wie lange ich schon hier bin“, sagt die Stimme im Ohr. Sie war einst hier, die Zelle: In der Barnimstraße 10, unweit vom Alexanderplatz. Ein verlorener Ort der Erinnerung, mitten in Berlin.

Das Frauengefängnis Barnimstraße existierte von 1864 bis 1974. Dann wurde das Gebäude abgerissen, heute befindet sich auf dem Gelände eine Verkehrsschule. Es ist ein Ort, der das Leben tausender Frauen geprägt hat. Im Kaiserreich saß hier die berühmte Sozialistin Rosa Luxemburg ein, während des Nationalsozialismus waren unzählige Frauen des Widerstandes inhaftiert. Für viele war es die letzte Station vor der Hinrichtung in Plötzensee. In der DDR war dies das Gefängnis für Frauen, die versucht hatten, aus der Republik zu fliehen. Heute erinnert eine kleine Gedenkplakette am Eingang der Verkehrsschule an diesen Ort, der eingezäunt ist von Pappeln. Nur diese Bäume markieren noch den Verlauf der alten Mauern des Gefängnisses. Mit einer Audiotour ist der vergessene Ort wieder neu erfahrbar, fühlbar und hörbar. Ausgerüstet mit iPod und Kopfhörern kann der Besucher das Gelände erforschen und in die Lebenswelt in der Barnimstraße eintauchen. Anhand der Straßenschilder der Verkehrsschule lotst die Aufnahme über das Gelände, während des Gehens wird die Geschichte der Insassinnen erzählt.

Frieden mit dem Ort - und der Vergangenheit

Denkt man an den deutschen Widerstand, fallen einem sofort Namen ein: Die Geschwister Scholl, die Gruppe um Claus Schenk Graf von Stauffenberg – dessen fehlgeschlagenes Attentat vom 20. Juli 1944 in der Wolfsschanze sich am heutigen Montag jährt. Doch im Widerstand gegen die Hitler-Diktatur waren über 10 000 Menschen aktiv, in unterschiedlichen Kreisen, mit verschiedenen sozialen und politischen Hintergründen. Auch Hilde Coppi, die im Frauengefängnis in der Barnimstraße 10 inhaftiert war. „Die Zeit meiner Mutter hier war glücklich und schwer zugleich“, sagt Hans Coppi.

Er sitzt in seinem Büro in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand und erzählt von seiner Mutter und seinem Geburtsort: dem Frauengefängnis Barnimstraße 10. Coppis Eltern gehörten der von der Gestapo so betitelten „Roten Kapelle“ an. Sie wurden im Herbst 1942 verhaftet, als Hilde Coppi hochschwanger war. Im Gefängnis geboren, verbrachte Hans Coppi als Säugling sieben Monate in der Barnimstraße, bevor seine Mutter nach Plötzensee verlegt wurde, wo sie mit zwölf anderen Frauen als Widerstandskämpferin hingerichtet wurde. Coppis Vater war zu diesem Zeitpunkt schon ein halbes Jahr tot. Als „stolz, beherrscht und lieb“ beschrieb sie eine Gefängnisbeamtin kurz vor ihrem Tod. Bereits vor der Verlegung seiner Mutter kam Hans Coppi zu den Großeltern, bei denen er aufwuchs. Rückblickend beschreibt er die Monate in der Barnimstraße als „meine sicherste und schönste Zeit“. Dabei hat er lange gebraucht, bevor er sich mit dem Frauengefängnis und dem Schicksal seiner Eltern beschäftigt hat. „Ich wollte es nicht so nah an mich heranlassen.“ Als Kind hat er mit den Großeltern das Grab der Mutter besucht, nie aber das Gefängnis. Erst als er alte Briefe wieder fand, die seine Mutter in der Haft verfasst hatte, schloss er Frieden mit dem Ort – und mit seiner eigenen Vergangenheit.

Hilde Coppi im Sommer 1939.
Hilde Coppi im Sommer 1939. Im Gefängnis brachte sie ihren Sohn Hans zur Welt.Foto: Privatbesitz Hans Coppi

Hans Coppi war überrascht, als für das Gedenken an das Gefängnis der Hörweg ausgewählt wurde. Eine gute Möglichkeit sei das, um alle historischen Zeitschienen angemessen zu öffnen, sagt er. Rosa Luxemburg, die kennt man noch. Während der DDR-Zeit war sogar ihre Zelle zur Gedenkzelle umgewidmet worden, selbst bei voller Belegung wurde sie nie für neue Gefangene freigegeben. Heute existiert auch diese Zelle nicht mehr. „Und die anderen Zeitschichten, NS-Diktatur, DDR, sind bei vielen gar nicht mehr präsent“, sagt Hans Coppi. Überhaupt sei der Widerstand im Nationalsozialismus kaum erforscht. Häftlinge wie die aus der Barnimstraße sind in der Öffentlichkeit wenig bekannt.

Individuelle Perspektiven und Wahrnehmungswelten

Der iPod als Erinnerungsinstrument war eine Idee von Christoph Mayer, künstlerischer Leiter der „Barnimstraße 10“. Er wollte kein rückwärtiges Gedenken, sondern ein eintauchendes Hineindenken ermöglichen. 86 Minuten dauert die Tour durch die 110-jährige Geschichte des Gefängnisses. Hinter den Figuren und Texten stehen intensive Recherchen und Zeitzeugengespräche, oft begleitet von einer Psychologin. Der Besucher macht einen Sprung in die Vergangenheit, erfährt die individuellen Perspektiven und Wahrnehmungswelten der einzelnen Charaktere.

Auch die von Frau Stürmer, die in Zeiten des geteilten Deutschland die DDR verlassen wollte und dafür inhaftiert wurde. Sie hat ihren Teil der Audiotour sogar selbst eingesprochen. Oder die einer jungen Frau, die im Kaiserreich hier inhaftiert war. „Der Referenzrahmen dieser Personen ist wichtig“, begründet Christoph Mayer den sehr persönlichen Zugang zum Gefängnis. Was wir heute als Unrecht oder unmöglich erachten, erschien in der damaligen Zeit als normal und selbstverständlich.

"Es kann keinen Schlussstrich geben"

Sie erzählen ihre eigene Geschichte, diese Frauen, die hier einst ihre Haft absaßen oder die letzten Monate ihres Lebens verbrachten. Sie lassen den Zuhörer hineinhorchen in ihre Zeit, in das, was sie bewegt hat, als sie hier inhaftiert waren. Hans Coppi wünscht sich, dass dieser Ort und seine Geschichte mehr Eingang in unsere Gedenkkultur finden, damit auch die nächsten Generationen ihn nicht vergessen: „Die Erinnerungslandschaft ist noch lange nicht so bestellt, dass man einen kompletten Überblick bekommt. Es bleibt noch viel zu tun.“ Immer wieder brandet die Diskussion auf, ob es nicht langsam genug sei mit dem Nationalsozialismus, ob es nicht Zeit sei für einen endgültigen Schlussstrich unter dieses dunkelste Kapitel der Weltgeschichte. „Es kann keinen Schlussstrich geben“, sagt Coppi. Mit der Audiotour in der Barnimstraße 10 kann zumindest die Erinnerung an diesen Ort lebendig gehalten werden. Alles was man mitbringen muss, ist Zeit.

www.barnimstrasse.de, Mo–Sa, 10–18 Uhr, Eintritt frei, Gelände der Jugendverkehrsschule, Eingang Weinstraße 2

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