Kultur : Frauensterben

Die Mörder sind unter uns: Die Bregenzer Festspiele eröffnen mit zwei Opern von Kurt Weill

Bernhard Doppler

Gerade erst hat das Orchester Fahrt aufgenommen, da winkt ein junger Mann schon wieder ab. Stotternd spricht er über eine Indisposition der Hauptdarstellerin und witzelt über den feuchten Keller des Festspielhauses: eine Kabarettnummer (Max Bunse) als Ouvertüre.

Kurt Weills „Der Protagonist“ aus dem Jahr 1926 macht das Theater zum Thema: Auf die breite Bühne sind zur Eröffnung der Bregenzer Festspiele vier lange, plüschige Kinositzreihen (Ausstattung: Raimund Bauer) ineinander gekeilt. Der Protagonist ist ein Theaterprinzipal, der mit seiner Truppe Eifersuchtsdramen einstudiert: Banalität und Ernst, Nonsens und Pathos wechseln sprunghaft, ebenso Realität und Spiel. Zur Truppe des Protagonisten zählt auch eine Frau, die er – fälschlicherweise? – als seine Schwester ausgibt. Doch als er bei ihr einen Liebhaber entdeckt, ermordet er sie mit übersteigerter Theatralik.

Weills Opernerstling ist beides: veristisch-packender Leoncavallo-Bajazzo und expressionistischer Alban-Berg-Wozzeck, der gleichsam fragt: Was ist das, was in uns Schauspielern mordet? Protagonisten sind in Bregenz dabei zuvörderst die Musiker: die Wiener Symphoniker unter Yakov Kreizberg, insbesondere eine betörendes Ensemble von acht Bläsern, die sich, als Lemuren kostümiert, unter die Schauspieltruppe mischen.

Der sensationelle Erfolg des Stücks, das den 26-jährigen Weill beim Publikum sofort auf eine Stufe mit dem „Sacre du Printemps“-Komponisten Strawinskij hob, lässt sich bei dieser Bregenzer Entdeckung vor allem bei den beiden effektvollen Pantominen nachvollziehen. Den Text Georg Kaisers auf Liebesgestammel reduzierend, kommen sie teils atonal, aber dennoch eingängig elegisch daher. Was geistreiches Amüsement und dessen Reflexion betrifft und ebenso die Verbindung von Populärem und Intellektuellem, ist das Musiktheater 90 Jahre später nicht viel weitergekommen.

Mit dem zweiten Teil der in Bregenz multimedialen Oper „Royal Palace“ wird nachträglich ein Wunsch Kurt Weills erfüllt: Er dachte darüber nach, beide Werke zu kombinieren. Dem Mord im „Protagonisten“ steht in „Royal Palace“ (1927) der Selbstmord der jungen Frau Dejanira im Nobelhotel gegenüber. Sie wird von keinem ihrer Liebhaber verstanden, auch vom verflossenen, gegenwärtigen und künftigen Ehemann nicht, so sehr diese um sie wetteifern. Weills Musik hat sich weiterentwickelt: In effektvollen, äußerst dynamischen sinfonischen Formen integriert sie moderne Unterhaltungsmusik; manches erinnert an Ernst Kreneks Jazz-Oper „Jonny spielt auf“.

Und doch bleibt „Royal Palace“ blass. Hatte beim „Protagonisten“ Regisseur Nicolas Brieger noch geistreich und voll witziger Spielfreude die Welt der Theatertruppe aktualisiert und quertreibende kabarettistische Blödeleien untergehoben, so scheint er in „Royal Palace“ das Feld den Videoartisten von „Videofett-Film“ überlassen zu haben. Während in der Erstlingsoper die Verdoppelung der Szenen in einem virtuellen Kino an Stummfilme der Zwanzigerjahre denken ließ – insbesondere das wahnverzerrt lachende Gesicht des Mörders (Gerhard Siegel) – , wird die Videokunst nun zum Selbstzweck.

Das macht Effekt, etwa wenn das Ballett der Hotelboys von virtuosen Videoprojektionen der servierten Speisen begleitet wird, ermüdet aber schnell. Bei den Alpen-, Wolken-, Auto- und Seenpanoramen schmerzt gar der modische Kitsch der Clip-Ästhetik. Die Einbeziehung des Films in die Oper erscheint hier wenig zukunftsweisend; das Thema der Selbstauflösung einer Frauenprojektion wird zusätzlich abstrakt. Auch wenn Catherine Naglestad ihren Part vorzüglich bewältigt, fehlt ihr die dämonische Ausstrahlung einer Lotte Lenya. Sie sollte seinerzeit wohl die Hauptattraktion von Yvan Golls surrealem Libretto verkörpern: Kurt Weill war gerade ihr Ehemann geworden und hatte ihr den „Protagonisten“ gewidmet..

Der Weill-Rezeption gibt die Bregenzer Eröffnungspremiere sicher einen kräftigen Impuls, auch wenn das Premierenpublikum teilweise abwartend – und auf die sexuelle Drastik im „Protagonisten“ .bisweilen brüskiert – reagierte. Nach dem Sexskandal um St. Pölten liegen die Nerven in Österreich offenbar blank.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben