Kultur : Frauenzimmer

Die Abgründe des Weiblichen in der Galerie Arndt & Partner

Knut Ebeling

So sehr sich mancher darüber freut, dass Berliner Galerien von Zeit zu Zeit museumsreife Ausstellungen realisieren, desto mehr kritisieren andere diese Entwicklung. Eines der hartnäckigsten Argumente besteht in der Befürchtung, die privaten Einrichtungen könnten das kulturelle Erbe nicht adäquat aufbereiten und das kulturelle Kapital verschleudern. Keine dickleibigen Kataloge – kein Anrecht auf kulturelles Kapital.

Den jüngsten Anlass zur Überprüfung dieser Befürchtung bietet die Gruppenausstellung „Silent Screams, Difficult Dreams“ in der Galerie Arndt & Partner. Schon auf den ersten Blick überzeugen Thema und Besetzung der Ausstellung: Weibliche Albträume sind schließlich seit der Psychoanalyse ein Dauerbrenner – man denke nur an eine kuratorische Großtat wie die Schau „MasculinFéminin“ im Pariser Musée Georges Pompidou 1996. Und mit Susan Turcot, Mathilde ter Heijne, Maria Marshall und Sophie Calle werden vier Künstlerinnen gezeigt, die allesamt bereits auf Museumsplattformen reüssiert haben – und die noch dazu bereits den weiblichen Bestand der Galerie ausmachen. Die besten Ausgrabungen macht man im eigenen Archiv – wenn man sie nur richtig zusammenstellt. Der Clou der Ausstellung aber liegt darin, dass sich die Zimmer der einzelnen Künstlerinnen ums Zentrum herum gruppieren: den Salon mit Werken von Louise Bourgeois. Ihre weltberühmten surrealistischen Verknotungen des weiblichen Subjekts können getrost als Paten für die anderen Arbeiten gelten. Während die nach innen gekehrten Neurosen ihrer Zeichnungen dem Berliner Publikum spätestens seit der großen Retrospektive in der Akademie der Künste in diesem Jahr bekannt sein dürften, zeigt die Galerie eine neue Skulptur, „Couple“, von 2002: Ein Puppenpaar klammert sich in blinder Umarmung aneinander, gehalten nur von einem seidenen Faden, an dem der Stoffknäuel von der Vitrinendecke baumelt (Preise ab 25 000 Dollar).

Auf dem Weg zum Weltruhm ist inzwischen auch ihre Pariser Kollegin Sophie Calle. Ebenso wie Bourgeois ist sie ein Profi im Geschäft der Inszenierung weiblicher Hysterien und wird von dieser Woche an mit ihrer bisher größten Werkschau im Centre Georges Pompidou gewürdigt, die im September 2004 auch nach Berlin kommen wird. Für die Berliner Preview bei Arndt & Partner steuerte sie eine eher schlichte Text-Bild-Montage aus dem Zyklus „Les Autobiographies“ bei, in der sich die Künstlerin in ihre Traumhochzeit hineinfantasiert: In Rot und auf einem Airport würde die Calle demnach gern heiraten (15 000 Euro).

Substanzieller und weniger verträumt dann die Arbeiten der darauffolgenden Generation von Künstlerinnen, ter Heijne, Marshall und Turcot. Der Dame im roten Hochzeitskleid stehen drei Puppen der fast zwanzig Jahre jüngeren ter Heijne gegenüber – Mischpersonen wie aus Freuds Traumdeutung, bestehend aus der Physiognomie der Künstlerin, die auf erfundene Künstlerinnen der Zwanziger-, Fünfziger- und Siebzigerjahre projiziert wird (45 000 Euro).

Mit einer handfesten Projektion hat man es auch in dem neuen Video der englischen Filmemacherin Maria Marshall zu tun: Ein fragwürdiges Frauenzimmer haucht in ihrem Trailer „Home“ dem Puppenbaby in ihrem Arm Leben ein (15 000 Euro). Weit weniger bunt dann die Arbeiten der Kanadierin Susan Turcot, deren seismografische Bleistift-Zeichnungen vermutlich die einzigen sind, die es an überspannter Intensität mit der Großantenne Bourgeois aufnehmen können (je 1200 Euro).

Wie würde nun eine Ausstellung wie diese in einem Museum aussehen? Leicht vorzustellen, wie jede Position von diversen Katalogbeiträgen überwölbt würde; die Konstruktionen und Dekonstruktionen von Weiblichkeit sind so anspielungsreich, dass man ganze Regale mit ihrer Kommentierung füllen könnte – in der Galerieausstellung kommt man glücklicherweise einmal ohne diesen Überbau aus.

Galerie Arndt & Partner, Zimmerstraße 90-91, bis 10. Januar; Dienstag bis Sonnabend 11 – 18 Uhr .

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben