Freaks & Fluxus : Volksbühne erinnert an Christoph Schlingensief

An der Volksbühne am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz haben Freunde und Weggefährten dem verstorbenen Regisseur und Aktionskünstler eine fulminante Feier ausgerichtet.

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Es war eine Messe eigener Art, sie trug den Titel „Hurra Jesus! Ein Hochkampf“. Gefeiert wurde sie 1995 in Graz und der Publizist Detlef Kuhlbrodt erinnert sich, dass Christoph Schlingensief, der Regisseur, damals eigens seine Eltern einfliegen ließ, weil er ihnen doch beweisen wollte, dass es Kunst ist, was er macht. Und wie die Eheleute Schlingensief dann nach der Vorstellung etwas betreten herumstanden und sich fragten, was wohl die Nachbarn dazu sagen würden.

Kuhlbrodt sitzt auf der Bühne des Roten Salons der Volksbühne, der für diesen Abend „Club 69“ heißt, so wie das Hinterhof-Kino, das der junge Schlingensief in den Achtzigern in Mühlheim betrieb, und gräbt gemeinsam mit dem Schauspieler Bernhard Schütz alte Filme aus. Irm Hermann steht ihnen zur Seite, auch Mario Garzaner, einer der sogenannten Behinderten, mit denen Schlingensief einige seiner besten Inszenierungen gemacht hat. Im „Club 69“ kommen wundervolle Memorabilien ans Licht, frühe Interviews, spätere Fernsehduelle, etwa zwischen ihm und der Familienministerin Angela Merkel. Es sind Konserven, aber sie verströmen eine greifbare Energie. Das Zentrum ist Schlingensief.

An der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz haben Freunde und Weggefährten dem Regisseur und Aktionskünstler, der am 21. August gestorben ist, eine fulminante Feier ausgerichtet. „Gedenken 3000“ heißt sie, in Anlehnung an Schlingensief-Arbeiten wie „Freakstars 3000“ oder „Talk 2000“. Keine Heiligenverklärung, kein Trauerkitsch, sondern eine lebenspralle Séance ganz in seinem Geiste. Das Haus, an dem der Theatermacher Schlingensief mit der Inszenierung „100 Jahre CDU“ 1993 seine Geburt erlebte, verwandelt sich in einen gigantischen Animatographen seines Gesamtkunstwerks, in jedem Winkel der Bühne, von der Kantine bis unters Dach, sind Leben und Arbeit präsent, er hat dazwischen ja nie einen Unterschied gemacht. Es ist ein Fluxus-Fest der großen Gleichzeitigkeit und Überforderung. Im großen Saal laufen seine Filme, im unteren Foyer wird seine Opernliebe zwischen Bayreuth und Festspielhaus Afrika zelebriert und auf gefühlten 500 Bildschirmen, noch im hintersten Treppenhaus, lacht, weint, streitet und verausgabt sich der Unermüdliche.

Ein überreiches Schaffen wird hier aufgefächert, von den künstlerischen Anfängen bis zum finalen Blog-Eintrag. An der Bar lesen Martin Wuttke, Sophie Rois und andere ein unverfilmtes Drehbuch des 18-Jährigen, „Der seltsame Gedanke des Ortes B.“. Zwei Stockwerke höher diskutiert Dramaturg Carl Hegemann mit dem Theologen Johannes Hoff über den Satz auf der Schlingensief-Homepage: „Erinnern heißt: Vergessen“. Was bleibt? An einer Tafel im Sternfoyer, die mit Brot, Wein und Schnaps gedeckt ist für ein großes Abendmahl, sitzt Kerstin Graßmann, eine aus dem „Freakstars“-Ensemble, und sagt ins Mikro: „Er hat vieles gemacht, was man wirklich in Erinnerung behalten sollte. Ist dann alles.“ Patrick Wildermann

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