Kultur : "Freedom of Choice": Bär und Kehl in der Berliner Galerie Deschler

Peter Herbstreuth

Manche Künstler suchen alle Bedeutungen in Beliebigkeit aufzulösen. Sie wollen den Beziehungsverknüpfungen entgehen, um mit ihrem Werk als unmittelbares Ereignis zu verblüffen. Zwar geht es meistens schief, wie jetzt die Schau in der Galerie Deschler, die kaum der Rede wert wäre, würde sie nicht von einem peinlichen Katalog begleitet. Aber wie es aussieht, lässt sich das Peinliche im Gegensatz zum Erhabenen als Fehlfunktion des Unterhaltungsbetriebs beschreiben. Und die Ausstellung der Künstler Kehl und Bär eignet sich dafür besonders, weil es sich hier um Peinlichkeit in reinster Form handelt: naiv, ungewollt, authentisch.

Die beiden Künstler haben letztes Jahr ihre Bilder in einem New Yorker Atelier gefertigt. Kehl malte Fragmente menschlicher Figuren oder körperbezogener Dinge in Hochglanzlack. Bär liess einen Malcomputer Handfeuerwaffen in Blautönen kopieren. Dann fügten sie die Bilder zusammen. Pistole neben Zahn, Pistole neben Damenrasierer, Pistole neben Mund und Zunge (zwischen 3000 und 12 000 Mark). Jedes Einzelbild kann sich mit allen anderen verbinden. Doch der Witz, durch zufällige Zusammentreffen zündende Kurzschlüsse zu erzeugen, erweist sich als Zitatfriedhof.

Offenbar haben die Macher gespürt, dass mit dieser Malerei allein wenig Aufmerksamkeit zu erzielen ist, und gesellten den Bilderleichen einen Katalog hinzu, der die Darstellung der Kooperation zur Peinlichkeit steigert. Rechts je eine Reproduktion der Doppelbilder, links eine Fülle von Schnappschüssen aus New York. Dazu wählen sie sehr schön den Irrtum, die Beliebigkeit der Einstellungen im Privaten öffentlich zu machen. Mit artig in die Kamera lächelnden Gesichtern unterbieten sie die Alltagsnorm privater Knipserei. Da die Künstler ihr Bemühen, gewinnend und sympathisch ins Bild zu kommen, wie einen Bauchladen vor sich hertragen , gehen alle Schüsse nach hinten los: So tief zu gehen, und so hoch zu greifen, lässt sich nicht als camp goutieren, weil es selbst im Ungeschick nicht ungelenk genug ist, um ins amüsant Missratene umzuschlagen. Es bliebe nur die Möglichkeit, dass das Peinliche als öffentliche Selbstdarstellung Kultstatus erlangt. Doch wenn alles egal ist und Beliebigkeit Norm wird, lässt sich die Blässe mit Peinlichkeit würzen.

Denn die Oberpeinlichkeit besteht darin, die Subversion des Peinlichen verkannt und den Katalog nicht als Hoax lanciert zu haben, der eine reale Ausstellung logischerweise verbietet. Hätten die Künstler den Katalog als New York-Reminiszenz produziert, ohne auf die Malerei in der Galerie zu verweisen, hätte man über die künstlerische Tätigkeit als Parodie des strategischen Trugs von Klischees nachdenken können. Nun aber scheint es, als wollten sie sagen: Wir machen zwar genauso beknackte Fotos wie die meisten Touristen, aber Malerei beherrschen wir. So kann man sich täuschen. Bärs Einfall, einen computergesteuerten Pinsel ein beliebiges Vorbild wiederholen zu lassen, lebt von der Idee maschineller Machbarkeit. Sie überholt Künstler mit Handschrift, ohne sie einzuholen. Kehls Zugriff auf die Comicwelt spielt mit Methoden der Kunstgeschichte, indem er Objekte freisetzt und zusammenhanglos als Besonderheit anbietet. In beiden Fällen liegen Komplexitätsreduktionen vor, die die Schau für alle, die das Schöne lieben, entbehrlich machen.

Gleichwohl ist das Peinliche nicht ohne Kick. Es geht mit heftigem Widerwillen einher, und man vergisst es leider nicht so schnell, wie man es gerne täte. Sein Potenzial prägte Dadaisten wie Fluxuskünstler und grundiert als "Anti-Kunst" auch die Performances von Neulingen. Sie suchen einen Gegensinn zum reibungslosen Betrieb. Doch wenn der Widerwille nicht gleichzeitig Anziehung erzeugt, ist es zum Davonlaufen und die letzte Station der Entzauberung der Welt. Würde dieser Zustand "Kult", läge in der ironischen Distanz des Publikums die Kunst, die Unmittelbarkeit des Peinlichen zu entschärfen. Der Unterhaltungsbetrieb hätte dann eine seiner letzten Provokationen - aggressive Geschmacklosigkeit - verloren.Galerie Deschler, Auguststraße 61; bis 25. März; Dienstag bis Freitag 14-19 Uhr, Sonnabend 13-17 Uhr. Katalog 12 Mark.

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