Kultur : Frei werden für Phantasie

HEINZ UNGUREIT

Nein, er kann nicht siebzig sein, er will es nicht, er nahm schon die 60er-Hürde vor zehn Jahren nur ächzend.Mit den Jungen im Filmland, den Neuerern von heute, fühlt er sich eins wie eh und je; meist will er weitergehen, als die zu folgen bereit sind.Nur kalendarisch steht am 23.Oktober für Günter Rohrbach unleugbar eine runde Zahl an, die zu würdigen unerläßlich ist, auch wenn er durch Ausweichen in ferne Gefilde davor abtauchen möchte.Bloß keine nachrufreifen Lobsprüche in der Vergangenheitsform!

Gegenwärtig ist ohnehin, was er seit vierzig Jahren bewegt in diesem Film-Fernseh-Land, ob als Fernsehspiel-Chef des WDR, als Bavaria-Studiochef, als langjähriger Vorsitzender des Fernseh-Produzentenverbandes, als Professor an der Münchener Hochschule für Fernsehen und Film, als Produzent, als Redner, Debattierer und Juror.Nur die Vorlaufzeit als Filmkritiker (etwa in der Zeitschrift "Filmkritik") sieht er heute im mild-ironischen Licht früher Unschuld, die ablegen muß, wer Großproduktionen wie "Rote Erde" (unter Tage) von Klaus Emmerich, "Berlin-Alexanderplatz" (ebenerdig) von Rainer Werner Fassbinder oder "Das Boot" (unter Wasser) von Wolfgang Petersen strategisch exakt, risikoreich, durchsetzungswillig gegen alle Fährnisse stemmen will.

Früh in den sechziger Jahren sucht er das Fernsehspiel aus dem Bildungstheater-Ghetto zu befreien und mit dem Medium Fernsehen in Einklang zu bringen: "Zeittheater" will er jetzt, das die gesellschaftlichen Veränderungen wahrnimmt."Rote Fahne sieht man besser", "Der aufrechte Gang", "Liebe Mutter, mir geht es gut", "Acht Stunden sind kein Tag" entstehen, Arbeiterfilme in der Nähe Duisburgs und der Ruhr.Als man damit spielerisch zu wenig frei umgeht, etliche dieser Filme bedenklich nahe an die Tagesschau-Ästhetik heranrückt, fordert er 1978: "Frei werden für Phantasie!" Die Fiktion im Fernsehen soll erkennbar werden als Phantasieprodukt, das mit filmischen Formen auf eigene Weise umgeht, ohne Realitätsansprüchen abzuschwören.Wolfgang Menges "Millionenspiel" oder "Ein Herz und eine Seele" bewegen die Nation.Bernhard Sinkels "Lina Braake" kommt als erstes Fernsehspiel vor Ausstahlung ins Kino und hat Erfolg.

Als er später den "amphibischen Film" proklamiert, so durchschlagend und plausibel wie immer, verstehen das viele als programmatisch, als zwangsweise gefordertes Zusammenspiel zwischen Kino und Fernsehen, wo er frühzeitig die Möglichkeit der Kofinanzierung und Doppelauswertung bestimmter Filme in beiden Medien wittert.Ein großer tragfähiger Kinofilm, lehrt ihn der Blick über den Teich oder nach Frankreich, braucht ein tragfähiges Budget, das man sich - mit festem Blick auf die große Leinwand - zusammenklaubt, wo es nur geht.Der erfolgreiche Kinofilm ist, weiß er aus Erfahrung, prinzipiell auch erfolgreich im Fernsehen.Und der Kinofilm hat es ihm immer vorrangig angetan, so sehr er mit seinem Einsatz den Boom eigenständiger, inhalts- wie formreicher TV-Filme, TV-Movies, TV-Serien fördert, erfolgreich genug, daß immer mehr Geld der Fernsehanstalten in eigene deutsche Produktionen statt in Importe fließt.Wo er Beschränkungen wittert, wie eben aus Brüssel, protestiert er beredt.

Am liebsten überrascht er sich und andere mit Filmen, denen alles kluge Managen, Reden und Überreden gilt.Seine Freunde sind die Autoren, Regisseure, Schauspieler, Kameraleute, denen er geradezu abverlangt, sich kreativ querzulegen zu eigenen klugen Theorien.Wo Rohrbach den Ton angibt, wissen alle, geht es ums Ganze, sind Erfolge und Preise ganz nahe."Das Boot" von Wolfgang Petersen hat er zum Welterfolg gebracht - gegen alle Skeptiker einschließlich des Ur-Autors und Gern-Motzers Lothar-Günther Buchheim, fast zum "Oscar", mochten die zwei U-Boote, ein echtes und ein künstliches, sich noch so widerborstig und wenig tauchtauglich zeigen.

In solchen Situationen kann man den souveränen, innerlich und äußerlich gefestigten Günter Rohrbach regelrecht vibrieren sehen, ohne daß er sonst erkennbar den Glauben an den Erfolg seines gewagten Unternehmens je aufgäbe.Wer will dann zweifeln, daß es einer werde, gleichviel ob er mit Fassbinder ("Berlin Alexanderplatz"), mit Zadek ("Die wilden Fünfziger"), mit Bernhard Sinkel ("Väter und Söhne"), mit Dominik Graf ("Die Katze"), mit Helmut Dietl ("Schtonk"), mit Vicco von Bülow ("Ödipussi"), mit Joseph Vilsmaier ("Stalingrad") oder mit Rainer Kaufmann ("Die Apothekerin") sich ans Werk macht.Er weiß auch, was Stars oder doch Schauspielerinnen und Schauspieler mit Aura für einen Film wert sind.Viele in diesem Land verdanken Günter Rohrbach, dem ingeniösen Anreger und Durchsetzer, ganz viel bei Film und Fernsehen.Und das wird und muß sich fortsetzen in alle Zukunft.Glückauf, lieber Günter von der Saar! Deine Boote bleiben flott, ob über oder unter Wasser; deine Filme strahlen, ob über oder unter Tage.

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