Kultur : Freiberufler

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SOTTO VOCE

Jörg Königsdorf lauscht die

Zukunft vergangenen Instrumenten ab

Wenn Sie von dem Überlebenskampf der Berliner Symphoniker hören, zucken die Kulturschaffenden der Alte-Musik-Szene wahrscheinlich bloß mit den Schultern: Denn den Strukturwandel, den die deutsche Orchesterlandschaft in den nächsten Jahrzehnten langsam, aber sicher durchmachen wird, haben sie längst hinter sich. Anders gesagt, während sich die regulären Orchestermusiker (aus menschlich nur allzu verständlichen Gründen) an ihre Stellen klammern, ist bei der Alten Musik von dauerhaft abgesicherten Beschäftigungsverhältnissen und institutionalisiertem Musikmachen sowieso keine Rede. Mit allen Licht- und Schattenseiten, die dieses oft selbst gewählte Dasein hat: Nämlich meist weniger Geld, dafür aber einer größeren Identifikation mit der Arbeit.

Paradebeispiel in Berlin ist da die Akademie für Alte Musik , deren Mitglieder teilweise früher bei Berliner Sinfonieorchestern spielten, aber diese Jobs ihren Originalinstrumenten zu Liebe aufgaben. Derzeit sitzt das Orchester bei Monteverdis „L’Orfeo“ , der Hauptproduktion der Cadenza-Barocktage, unterm und jenseits des Staatsopern-Grabens (23., 25., 27. u. 28.1.), bevor es gleich anschließend nach Nantes an die Atlantikküste düst, um dort mit dem RIAS-Kammerchor das Neujahrskonzert mit Mendelssohns „Paulus“ zu wiederholen.

Aufgrund solcher flexiblen Beschäftigungsmodelle mit hohem Motivationsgrad wird die Alte Musik ja immer wieder als die Zukunftsbranche der Klassik gepriesen – was fehlt, sind jedoch bislang die gerechten Rahmenbedingungen. Denn obwohl diese Ensembles eigentlich nicht teuer sind, ist die Konkurrenz mit total subventionierten konventionellen Klangkörpern natürlich hoffnungslos. Zumindest solange die Opernhäuser ihre Orchester behalten und nicht auf die (immerhin zusehends stärker diskutierte) Variante des Orchester-Outsourcing umsteigen, was hieße, je nach Stück das bestgeeignetste Ensemble anzuheuern.

Dass das im Fall der Alten Musik immer die Akademie wäre, ist übrigens nicht gesagt. Bei der letzten Cadenza-Produktion, Händels „Rinaldo“, saß das virtuose Freiburger Barockorchester im Graben, das zur härtesten Konkurrenz der Berliner gehört. Diesmal haben die Freiburger den Kürzeren gezogen, präsentieren sich aber am Montag im Rahmen ihres erfolgreichen Berliner-Abo-Zyklus im Kammermusiksaa l mit einem raritätenreichen Haydn-Mozart-Programm und dem blitzgescheiten Andreas Staier am Hammerflügel.

Beide Ensembles gehören wie selbstverständlich zur Alte-Musik-Elite. Die Sorgen, die die Basis drücken, sind weit elementarer: Die Friedenauer Kammerkonzerte etwa sind sozusagen chronisch bestandsbedroht und müssen immer noch bangen, die Miete für ihren kleinen Konzertsaal in der Isoldestraße zusammenzubekommen. Obwohl die auf dem Spendenkonto (Nr. 73 000 81 85 bei der Berliner Sparkasse, BLZ 100 500 00) aufgelaufene Summe gezeigt hat, dass nicht nur die Musiker, sondern auch ein Teil des Publikums sich so weit mit „seiner“ Musik identifiziert, dass es für sie auch Opfer bringt. Das nächste Konzert am Samstag mit den Lokalmatadoren Christine Schornsheim und Christoph Huntgeburth (auf dem Programm steht Musik der Bach-Familie) wird aber vielleicht die nötige Überzeugungskraft entfalten, um den Rest des für’s Überleben notwendigen Geldes auch noch locker zu machen.

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