Kultur : Freie Fahrt für freie Burger

McDonald’s in Bagdad? Wie die Bessermenschen den Irak befreien und den Wohlstandspazifisten die Leviten lesen

Norbert Thomma

Nun hat auch noch der Stabstrompeter Wolf Biermann zur Attacke geblasen. Er zertrümmert im „Spiegel“ die Feste des Saddam Hussein mit ein paar romantischen Endreimen und jeder Menge „dummschlauem Verdacht“ (W.B.). Ruckzuck ist der orientalische Despot unterm fliegenden Bombenteppich erstickt. Und schon wendet sich Biermann dem inneren Feinde zu: den „Hurra-Pazifisten“. Alles naive Friedensengel, die sich um die wahren und realpolitischen Fragen dieser Welt herumdrücken. Mit diesem Pinsel haben schon Kuno Kruse im „Stern“ („Nationalpazifismus“) und Thomas Schmid in der „FAZ“ („Wohlstandspazifismus“) die wahren Teufel an die Wand gemalt. Nachdem sie also jeden, der gegen diesen Krieg im Irak seine Stimme hebt, zum trotteligen Gutmenschen machen, erhöhen sie sich selbst zu Bessermenschen, denen durch diesen Status weiteres Argumentieren erlassen werden kann.

Da wundert es einen nicht, dass sich die Bessermenschen um drei Fragen drücken (und damit natürlich auch die Antworten schuldig bleiben): Warum der Irak? Warum jetzt? Was kommt danach?

Der pauschale Pazifismusvorwurf bedient sich in Wahrheit genau jener Naivität, die er anderen vorwirft; Differenzierung wäre eine lästige Störung. Es irritiert die Wohlstandsbellizisten keine Sekunde, wer sich in der Koalition der Bedenkenträger versammelt: Da ist General Norman Schwarzkopf, US-Befehlshaber im letzten Golfkrieg; da ist der israelische Schriftsteller einstige Panzeroffizier Amos Oz, der sich vor den Folgen eines Krieges für die Region offenbar mehr fürchtet als vor irakischen Waffen; da ist die Bundesregierung Schröder & Fischer, die im Kosovo und in Afghanistan erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg wieder deutsche Soldaten ins Ausland schickte und dafür als kriegslüstern gescholten wurde uswusf.. Alles Weicheier, lila Radikalpazifisten?

Gern verweisen die Bessermenschen auf die Gefühlsrohheit derer, die den Sinn dieses Krieges in Zweifel ziehen. Die 500000 in Berlin demonstrierten mit „Herzen ohne Mitleid“ (Biermann), denen die „Opfer von Diktaturen schlicht gleichgültig“ (Schmid) sind, die „nichts auf der Welt ändern“ (Kruse) wollen. Es ist zum Lachen, wenn auch ernst gemeint. Es demonstrierten ja auch viele Leute aus Menschenrechtsorganisationen, kirchlichen Dritte-Welt-Gruppen, Entschuldungsinitiativen, Leute also, die seit Jahren etwas gegen das Elend dieser Welt tun, anstatt gegen Entgelt neuerdings Kommentare darüber zu verfassen.

Für den „Stern“-Autor ist die Alternative simpel: „Besser in Bagdad McDonald`s essen, als im Kerker sitzen.“ Könnte es vielleicht sein, dass die Geknechteten ihrem Schicksal auch einen Döner oder ein Falafel vorzögen? Immerhin ist damit die kulinarische Erweiterung von Bushs neuer Doktrin des atomaren Präventivschlags gelungen: Freie Fahrt für freie Burger. Wer so argumentiert, für den löst sich auch das Problem kurdischer Flüchtlinge im Kriegsfall von alleine (oder durch die kompetente Türkei); der muss sich auch nicht fragen, warum 1991 die irakische Bevölkerung nicht von ihrem Diktator befreit wurde. So drückt man sich um die unschöne Einsicht, dass den Humanisten von heute die Perspektive eines Folterers mit stumpfen Waffen damals ganz angenehm schien. (Ja, sagen die Bessermenschen, daraus hat der US-Präsident gelernt. Das Dumme ist nur, dass der das gar nicht weiß. Bush hat nie ein Wort darüber verloren.)

Das Leid der Erde im Zielfernrohr

Interessant ist vielmehr, wo die Bessermenschen das Leid auf dieser Erde entdecken: Wenn sie durch das Zielfernrohr von George W. Bush blicken. Dann sehen sie afghanische Frauen mit Schleiern und rufen erschüttert: Rettet sie! Dann sehen sie erschrocken im Fadenkreuz unterdrückte Iraker und bitten bebend: Helft ihnen! Es geht ja nicht ums Öl, sagen sie, das wäre ihnen zu wenig Altruismus; es geht um Demokratie und deren Strahlkraft in der islamischen Region (sagt seit drei Tagen auch Präsident Bush). Stumm allerdings bleibt der Bessermensch bei der Frage, warum die Demokratie nicht erst mal dort eingeführt wird, wo schon westliche Soldaten in Massen sitzen: in Saudi-Arabien (dem emsigsten Al-QaidaUnterstützer), Katar, Kuweit; man könnte mal ganz vorsichtig mit dem Frauen-Wahlrecht anfangen und der Zulassung von Parteien und nichtislamischen Religionen.

Das historische Gedächtnis der Bessermenschen reicht nicht weit zurück. Darf man sie kurz daran erinnern, warum in Afghanistan Krieg geführt wurde? Die Ziele waren a) Bin Laden zu fangen und b) die Bevölkerung von den Taliban und Stammesfürsten zu befreien; eine burkhafreie Zone sollte entstehen. Nun haben nach einer „Spiegel“-Meldung die USA gerade die Suche nach Bin Laden eingestellt; für den Schutz der Frauen vor religiösen Eiferern stehen gut 2000 deutsche Soldaten zur Verfügung in einem Land, doppelt so groß wie Deutschland; die finanzielle Unterstützung der Befreier für die Regierung Karsai ist so umfangreich, dass höchste Staatsbeamte ausländische Journalisten um Bakschisch bitten. Aber das ficht die Wohlstandsbellizisten nicht an. Ihnen genügt zum inneren Glück das AP-Photo mit einer Afghanin, die ihre Burkha hebt, und das Wissen, dass US-Flugzeuge außer Bomben auch gelbe Päckchen mit Erdnussbutter und Kaffeelöffeln abgeworfen haben.

Aufklärung – ein militärischer Begriff

Es gäbe viel zu tun in dem am dichtesten verminten Land der Welt. Doch die flaue Unterstützung muss einen nicht wundern. Der Watergate-Enthüller Bob Woodward zitiert in seinem neuen Buch den US-Präsidenten während einer Kabinettssitzung im Herbst 2001: „Ich will nicht, dass unsere Soldaten etwas mit dem Wiederaufbau des Staates zu tun haben.“ Weil die Liste der zu befreienden Schurkenstaaten 60 Länder umfasst, wie der stellvertretende Verteidigungsminister Paul Wolfowitz erzählt? Weil sich das Peace Corps bei soviel humaner Arbeit mit Kleinigkeiten nicht länger aufhalten kann?

Ein besonders hübsches Beispiel infamer Dialektik gibt der Barde Biermann. In einer Art geistigem Flagellantentum bezichtigt er sich früherer Irrtümer ( „die DDR auf Dauer, braucht weder Knast noch Mauer“), um daraus die Legitimation für seine um so kreischendere Rechthaberei zu ziehen. Inspektoren? UN-Resolutionen? Was soll der Quatsch? Es „wissen absolut alle“, schreibt er, über die ungeheure Waffenkammer des Saddam Hussein Bescheid. Was die Geheimdienste aller Länder bisher nicht herbeigeschafft haben, was frühere US-Waffeninspektoren bezweifeln – das Satellitenauge B. weiß es nicht nur, er weiß es wie immer „absolut“ und auch, wo genau die tödliche Ware versteckt ist. Vielleicht ist das zwangsläufige Folge des Wechsels vom Stabreim zur Stabstrompete: Für so jemanden ist Aufklärung nur noch ein militärischer Begriff.

(György Konrad übrigens, der Präsident der Akademie der Künste, lieferte in der „FAZ“ gerade eine sehr eigene Begründung für einen sofortigen Krieg. Er war energisch gegen die militärischen Schläge im Kosovo und in Afghanistan gewesen und fordert jetzt quasi Gleichbehandlung der Despoten.)

Natürlich fehlt bei keinem der Bessermenschen der Verweis auf die Befreiung der Deutschen durch die USA. Die Gegner dieses Krieges, so wird unterstellt, verübelten den Vereinigten Staaten bis heute ihr Trauma des Wir-haben-Hitler-nicht-alleine-erledigt. Welcher psychische Defekt treibt dann Demonstranten der Siegermacht England auf die Straßen von London? Und welche transatlantische Neurose führt in Spanien zu einer Ablehnung eines Angriffskrieges von 90 Prozent der Bevölkerung, in einem Land, das nicht befreit wurde, sondern noch lange unter den eigenen Faschisten zu leiden hatte?

Es ist paradox. Normalerweise werden die so genannten Gutmenschen der Gefühlsduselei geziehen. Heute argumentiert niemand unhistorischer und unpolitischer als die Bessermenschen – bis hin zur Hysterie. Letztendlich hilft ihnen nur noch der läppische Vorwurf des Antiamerikanismus. Damit ersparen sie sich die eigene Bewertung von Bushs frühzeitiger Ankündigung, auch im Alleingang, ohne die UNO – völkerrechtswidrig – den Irak mit Bomben und Panzern zu attackieren; eine absolut formulierte Ankündigung, die anderen Ländern nur die Wahl von Unterwerfung oder Opposition lässt.

Wenn es denn diese quasi in den Genen sitzenden deutschen Ressentiments gegen Amerika wirklich gäbe – warum, zum Teufel, erinnert sich niemand an wüste Krawalle bei den Besuchen von Bill Clinton in Berlin? Auf die Idee, die Distanz zur Bush-Regierung könnte etwas mit deren Politik zu tun haben, kommt das Trio Biermann/Kruse/Schmid nicht. Aber bitte, die Gedanken sind frei, und jede Behauptung von Wohlstandsbellizisten darf frei sein von Gedanken.

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