Kultur : Freie Liebe

Sex in der Großstadt: John C. Mitchells „Shortbus“

Sebastian Handke

Ungewöhnlich ist „Shortbus“ eigentlich nicht. Wieder einer dieser Filme, in dem junge New Yorker unablässig über Sex und Kunst reden samt den urbanen Befindlichkeiten von Paaren beim Paaren, in der Zeit zwischen 9/11 und dem großen Stromausfall in Manhattan. Aber die liebenswerten Städter belassen es diesmal nicht beim Reden. Hätte Woody Allen hätte es je darauf angelegt, die goldene Venus zu gewinnen – er hätte einen ähnlichen Film abgeliefert: Hier wird gevögelt, dass sich die Balken biegen.

Da sind Jamie (PJ DeBoy), der kein Kinderstar mehr ist, und James (Paul Dawson), der sich nicht recht hingeben kann – ein schwules Paar, dessen Beziehung in eine Sackgasse geraten ist. Sie konsultieren die Sextherapeutin Sofia (sehr komisch: Sook-Yin Lee), die noch nie einen Orgasmus hatte. James, Jamie, Sofia (und ihr Ehemann, der arme Kerl) versuchen ihr Glück im Shortbus, einem Club, in dem freie Liebe praktiziert wird, „wie in den Sechzigern, nur ohne Hoffnung“. Ein libertärer Salon für Musik, Konversation und polymorphen Sex unter der sanften Regentschaft von Justin Bond, einer sich selbst spielenden Drag Queen. Hier treffen die vier auf den Schönen (Justin Hagan) und die Dominatrix (Lindsay Beamish) – und wenn am Ende überall das Licht ausgeht, wird jeder von ihnen auf je verschiedene Weise die Leerstelle eines anderen gefüllt haben (und das ist ausnahmsweise nicht sexuell gemeint).

Dazwischen herrlich verspielte Körperertüchtigung: Power-Kamasutra, Autofellatio, ferngesteuerte Lusteier und die Vervollkommnung eines Pollock-Gemäldes mit milchigen Körpersäften. „Shortbus“ ist wie ein fröhliches Nummernmusical – nur ohne Tanz und Gesang. John Cameron Mitchell, der mit seinen Debüt, dem unerschrockenen Rockmusical „Hedwig and the Angry Inch“, 2001 den Publikumspreis beim Sundance Film Festival gewann, hat die Einzelschicksale in zweijähriger Arbeit mit furchtlosen Darstellern in unzähligen Improvisationen und Drehbuchsitzungen gemeinsam erarbeitet. Gemeinsam ist ihnen ein leichtfüßig zwischen Drama und Komödie tänzelnder Film gelungen. Kein schmieriges Sexfilmchen, kein Arthouse-Porno, sondern eine humane, tragisch-kluge Geschichte – weil sie Sex nicht als Trieb abbildet, sondern als das unauslöschliche Bedürfnis nach Intimität.

– In 8 Berliner Kinos. OmU Babylon Mitte, Hackesche Höfe, OV Cinestar Sonycenter

0 Kommentare

Neuester Kommentar