Kultur : Freier Flug ins Nichts

Abonniert auf Skandale: London stellt die Kandidaten für den Turner-Preis vor

Matthias Thibaut

Mit seiner charakteristischen Mischung aus Kulturkampf, prätentiöser Selbstdarstellung und Showbusiness ist der Turner-Preis im Dezember ein fester Termin im Londoner Kulturkalender. Im vergangenen Jahr stahl Madonna den Kunstkandidaten die Show. Kontroverse ist Pflicht bei der Verleihung des mit 20000 Pfund dotierten Kunstpreises. Regelmäßig wie Weihnachten entzündet der Kultur-Oskar die von den Briten mit unermüdlicher Begeisterung geführte Debatte zwischen dem gesunden Menschenverstand und den konzeptuellen Ansprüchen der, wie die britischen Zeitungen es gerne nennen, „cutting-edge art“. Im letzten Jahr war es Preisträger Martin Creed, der die Gemüter mit einem leeren Galerieraum erhitzte, in dem das Licht aus- und angeknipst wurde.

Im Vergleich mit solcher Kargheit geht es diesmal bunt und munter zu. Stephen Deuchar, Direktor der Tate Britain, freut sich bei der Vorstellung der Kandidaten über die „visuell aufregendste und überzeugendste Schau seit langem.“ Was die vier Künstler zeigen, ist in der Tat so unterhaltsam, dass man sogar den Protest dagegen vergisst, dass wieder einmal kein Maler dabei ist – obwohl Londons Galerien derzeit von einer neuen Welle der Malerei erfasst werden.

Aber der Turner-Preis folgt seiner eigenen Bahn. Die diesjährigen Kandidaten Liam Gillick, Fiona Banner, Catherine Yass und Keith Tyson, die bis zur Preisvergabe am 8. Dezember ihre Arbeiten zeigen dürfen, sind allesamt in Deutschland nicht unbekannt. Kein europäisches Land arbeitet so begeistert an der Rezeption und Vermarktung der britischen Konzeptualisten mit, die sich der Turner-Preis zur edlen Aufgabe gemacht hat. Die farbenfrohe Perspexdecke von Gillick etwa war in einer anderen Version schon 1999 in Frankfurt zu sehen. Dazu hat der farbenfrohe Minimalist in London jetzt noch eine museale Vitrine gestellt, in der er seine Arbeit als Designer, Architekt, Ausstellungsorganisator und Kunstphilosoph dokumentiert. Wobei alles zusammen nur den Eindruck verstärkt, dass man bei diesem Raumkünstler nie so recht weiß, wo die Kunst aufhört und das Feng Shui beginnt.

Fiona Banner, zuletzt in Aachen gesehen, ist besessen von Sprache, besteht aber darauf, dass sie keine Schriftstellerin ist. Das hinderte sie nicht, auf 1000 Druckseiten Vietnamfilme Einstellung nach Einstellung zu verbalisieren und so den Widerspruch von Faszination und Horror abzuarbeiten. Aus den gleichen edlen Motiven hat sie sich nun an Pornofilme gemacht und den Film „Arsewoman in Wonderland“ in Wortbeschreibungen umgesetzt und die entstandenen Wortströme visualisiert. Spätestens, wenn man beim Lesen des großen, mit rosaroten Buchstaben bedeckten Wandbilds einen Krampf im Hals kriegt, merkt man, dass es Kunst und nicht Literatur ist. Banner ist die beste Kandidatin für den obligatorischen Bürgerprotest – in Wahrheit kommen konzeptueller Anspruch und visuelle Prägnanz bei ihr am wenigsten überzeugend zur Deckung.

Preiswürdiger scheint da Keith Tyson, ein quirliger Denker, der eher in der Tradition sympathischer englischer Exzentriker als trockener Grübler auf der Metaebene steht. Seine „Studio Wall Drawings“ sind eine bunte Wandzeitung für Neuigkeiten über die Mysterien des Universums, mit denen sich der Hobby-Philosoph und Erfinder einer Kunstmaschine befasst. Wie bei aller guten Kunst werden die Mysterien im Verlauf ihrer Aufklärung ständig erneuert und überhöht – so dass der Stoff nie ausgeht. „Alles, was von meiner Kunst bleibt, ist das endlose Verarbeiten meiner Ideen“, sagt Tyson. Der Querkopf stellte einen „Galactic Central Pointer“ auf, der immer aufs Zentrum der Milchstraße zeigt und unterminiert dabei die Kunst erhabener Kollegen. Sein „Denker“ ist ein schwarzer Monolith, in dem es leise brummt. Der Katalog besteht darauf, dass in seinem Inneren teure Computer ihr eigenes künstliches Denkuniversum generieren. Aber wir wissen ja auch nicht, was in Rodins Denker vorging, dessen prätentiöse Pose das Tysonwerk entlarvt.

Die größten Chancen werden von den Wettbüros Catherine Yass eingeräumt. Das macht Sinn, schon weil sie als einzige Kunst produziert, bei der es nichts zu lesen gibt. Yass fotografiert und filmt und öffnet durch Manipulationen der fotografischen Prozesse neue Aussichten. Eine bewährte Kunstmethode. Was sieht eine von einem Hochhaus fallende Kamera? Eine Welt, die zu abstrakten, huschenden Farbstreifen wird. Für das Video „Flight“ hat sie die Kamera an einen ferngesteuerten Modellhubschrauber montiert und über das Londoner BBC-Gebäude fliegen lassen. Vogelfreiheit und die Angst vorm Fliegen verbinden sich zu einer neuen Wirklichkeitswahrnehmung. Einfach und schön – und Hinsehen genügt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar