Freies Schreiben : Ein Rezept für Peking-Ente

Schreiben lernen mit Ilija Trojanow: Wie ein Student das Berliner Seminar des Schriftsstellers an der Freien Universität erlebte.

Jean-Michel Berg
Ilija Trojanow
Ilija Trojanow: Beim Schreiben ist alles erlaubt - wenn es funktioniert. -Foto: dpa

BerlinDass man seine Schüler dort abholen muss, wo sie stehen, ist leicht gesagt. Aber wenn man wie Ilija Trojanow zuletzt in Südafrika gelebt hat und eine Werkstatt für junge Autoren in Berlin leitet, kann der Weg ein weiter sein. Nach Herta Müller und Durs Grünbein hatte Trojanow in diesem Sommer als dritter Autor die Heiner-Müller-Gastprofessur an der FU-Berlin inne. Erneut eine namhafte Besetzung: Sein Roman „Der Weltensammler“ gewann im letzten Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse, Außenminister Steinmeier schätzt ihn als Autor der interkulturellen Verständigung. Trojanow ist, ähnlich wie sein Romanheld Burton, in vielen Welten zuhause: geboren in Bulgarien, aufgewachsen in Deutschland und Kenia, lebte er in Indien und Südafrika. Aber so weit er auch herumgekommen ist: die Welt der Universitäten kennt Trojanow nur unzureichend – weder ihre Verwaltung, noch ihre Studenten.

Nein, es beginnt nicht gut. Die Universität weist seinem Seminar zunächst einen winzigen Raum zu, in dem kaum die Hälfte der 20 Teilnehmer Platz findet. Dann weigert sich Trojanow, literarische Leistungen zu benoten. Und schließlich zeigen einige Studenten schon in der ersten Sitzung deutlich, dass es ihnen mehr darum geht, einen Schein zu erwerben, als literarisches Schreiben zu lernen.

Ohnehin: Wer von Trojanow eine Anleitung zum Schreiben guter Literatur erwartet hat, wird enttäuscht. Was darf der Erzähler? Was kann er wissen? Darf er erläutern und kommentieren? Wie kann man fremde Sprachen in deutschsprachige Texte einweben? So vielfältig die Fragen, so gleichmütig die Antworten. Ein Achselzucken, ein müdes Lächeln: Alles ist erlaubt – wenn es funktioniert. Trojanow will keine Einzelheiten klären, sondern eine Grundkompetenz vermitteln: den kritischen Umgang mit dem eigenen Text. „Wir lernen hier, Fragezeichen zu setzen,“ sagt er am Anfang.

Schnell zeigt sich aber, dass auch Kommas an die richtigen Stellen gesetzt werden wollen. So wird erst einmal an der Sprache gearbeitet: die Flut ausmalender Adjektive und Füllwörter zurückdrängen, Schwankungen in Sprachniveau und Tonfall ausgleichen, ein Gefühl dafür entwickeln, was geht und was nicht.

Nur bei Fragen der Dramaturgie gibt es klare Anweisungen. Trojanow schätzt die doppelte Optik von Romanen wie „Das Parfum“ oder „Die Entdeckung der Langsamkeit“, die an der Oberfläche unterhaltsam sind und trotzdem eine Tiefenschicht haben. Wie man mit geringen Mitteln Aufmerksamkeit erzeugt, das lehre am besten der Kriminalroman, so Trojanow. Er zieht Chandler oder auch Elmore Leonards „Zehn Gebote an einen Autor“ zu Rate: „Try to leave out the part that readers tend to skip.“ Und er gibt die üblichen dramatischen Bonmots zum Besten, von Tschechows Gewehr an der Wand, das auch schießen muss, bis zu Hitchcocks Erdbeben, mit dem ein Film anzufangen habe, um sich langsam zu steigern. Aber auch hier geht es weniger um starre Regeln als um ungefähre Leitlinien. Man soll sie beherrschen, aber beim Schreiben wieder vergessen, so wie ein Musiker die Noten.

In seiner Antrittsvorlesung „Die Recherche als poetologisches Prinzip“ hat Trojanow den Leitfaden seiner Werkstatt formuliert: Nie über etwas schreiben, was man nicht kennt. Jede Literatur gründe in der „Autorität der Fakten“, selbst fantastische Literatur verarbeitet Bausteine der Wirklichkeit. „Schreibend darf man die Wirklichkeit abschaffen, das Universum erweitern, aber man darf keineswegs ein falsches Rezept für Peking Ente geben“. Dahinter steckt mehr als Faktentreue. „Ich kann mir keinen langweiligeren Stoff vorstellen als das eigene Empfinden“, heißt es im Gegensatz zu Handke und anderen Auskundschaftern von Innenwelten.

Darum ist es die erste Aufgabe von uns Teilnehmern, „Egoliteratur“ zu vermeiden und über etwas zu schreiben, das uns völlig fremd ist. Weit kommen wir nicht: Friseur, Kneipe, Club – einer findet die Fremde gar in einem Buchladen. Am meisten verdrießt Trojanow allerdings, dass niemand recherchiert, Fragen stellt und letztlich nur die eigenen Klischees reproduziert werden. Schwer zu verstehen für einen Schriftsteller, der monatelang zu Fuß auf den Spuren seines Romanhelden Burton durch Indien und Tansania gelaufen ist.

Bekanntes ist langweilig

In einer zweiten Übung schreiben wir Textanfänge zu einer Erzählung fort, um Spannungsverläufe und Charakterisierungen zu üben. Aber schon das schlichte Beschreiben hat es in sich. Trojanow rekonstruiert Räume und Zeitabläufe an der Tafel. Und er versucht, seinen Körper in eine Stellung zu bringen, die der Protagonist einer Erzählung angeblich eingenommen hat – ohne Erfolg. Beweisziel: Was der Autor sich nicht richtig überlegt hat, wird der Leser sich nicht vorstellen können. Meist zu gewöhnlich findet Trojanow, was bloß technisch in Ordnung ist: „Ich habe mit jedem Satz ein Problem, der mir nicht irgendetwas Neuartiges, Befremdliches vermittelt.“

Mitanzusehen, wie der eigene Text auseinander genommen wird, ist schmerzhaft. Es bedeutet ja auch, selbst in Frage gestellt zu werden. Manchmal geht schon das erste Wort nicht durch, selten übersteht ein ganzer Satz diesen Text-TÜV unversehrt. Bei so viel Strenge dauerte es seine Zeit, bis Teilnehmer und Lehrer zueinander finden. Als Trojanow verkündet: „Jedes überflüssige Wort muss raus“, erntet er entgeisterte Blicke – und unzählige Wörterrettungsversuche. Jemand schlägt eine Unschuldsvermutung vor: Der Autor setzt die Worte und überlässt es dem Leser, einen Sinn zu finden. Wenn er nichts findet, ist es seine eigene Schuld. Andere halten Rechtschreibung und Grammatik für einen Eingriff in natürliche Autorenrechte. Immerhin kann man eine alternative Schreibweise auch als Neologismus betrachten, als Ausdruck schöpferischer Kraft. Trojanow diskutiert, so lange es geht. In schweren Fällen sagt er: „Sie haben in den letzten Wochen bewiesen, dass Sie nichts davon verstehen.“

Den Widerstand brechen, aber nicht die Autoren, und so die Lust am Schreiben erhalten – damit hat Ilija Trojanow in seiner Werkstatt immerhin ein Minimalziel erreicht. Auch wenn seine Kritik oft hart ist: Niemand nimmt es persönlich, die Stimmung bleibt gut. Und im Laufe der Zeit sieht jeder ein: Wenn zehn Minuten über die Bedeutung eines Satzes gerätselt wird und es dazu zahlreiche Meinungen gibt, stimmt etwas nicht, nämlich der Satz.

In der letzten Sitzung will ein Teilnehmer wissen, wie Ilija Trojanow unsere Chancen im Literaturbetrieb einschätzt. Ermutigend ist seine Antwort nicht, aber seine Absage ist schön verpackt. Nur, wer nichts Besseres mit dem eigenen Leben anzufangen wisse, meint der Schriftsteller, sollte schreiben. Er beschwört die Schwierigkeiten des Autorendaseins, die verkümmerten Randexistenzen, die vom Betrieb gerade so am Leben gehalten werden, die Balanceakte auch, die man schreibend vollbringen müsse, all die Enttäuschungen und die Einsamkeit vor dem Bildschirm. „It’s a tough job,“ schließt er fröhlich-polyglott, „but somebody has to do it.“

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