Kultur : Freigestellt Villa-Romana-Preisträger in der Deutschen Guggenheim

Jens Hinrichsen

Die Architekten klingen zunächst müde. Es sind die Stimmen von Ludwig Mies van der Rohe oder Philip Johnson, archiviert auf Fünfzigerjahre-Schallplatten. Der Künstler Dani Gal lässt sie im Ausstellungsraum der Deutschen Guggenheim laufen. Ein Bewegungsmelder registriert das Publikum vor den beiden Soundstationen. Was zuvor vor sich hinleierte, gewinnt mit zunehmendem Andrang an Tempo und Energie. Gal, geboren in Israel, ist ein Stimmen-, Geräusche- und Sätzesammler. Mit seinen Installationen und Performances reaktiviert er Archive, „befreit“ sie regelrecht, wenn er den (historischen) Sound vor den Inhalten rangieren lässt.

Für eine zwangsläufig heterogene Gruppenausstellung ist der Titel clever gewählt: „Freisteller“ bezeichnet im Grafikdesign ein vom Hintergrund gelöstes Bildmotiv, das in neue Kontexte gestellt werden kann. Das trifft auf vielerlei Gegenwartskunst zu, insbesondere jene vier zwischen 1974 und 1977 geborenen Künstler, die seit Februar in Florenz in der Villa Romana wohnen und arbeiten. Der seit 1905 verliehene Villa-Romana-Preis für Stipendiaten ist der älteste Kunstpreis Deutschlands. Nun präsentiert erstmals das Deutsche Guggenheim die Preisträger. Entsprechend der „Freisteller“-Idee zeigt sich der Ort ungewohnt offen. Durch die Fensterfront ist freie Sicht gegeben, während die Künstler innen eine Art Zwischenstation zelebrieren – schließlich dauert ihr Florenz-Aufenthalt noch bis November.

Die Videoinstallation „Faulty“ von Asli Sungu ist noch in Berlin entstanden. Auf vier Monitoren ist die türkische Künstlerin bei Haushaltsarbeit unter Anleitung von Profis zu sehen. Militärisch weist eine weibliche Off-Stimme die „Auszubildende“ beim Fensterputzen zurecht. Daneben zeigt Sungu eine signalorange Mauer aus gestapelter Ölfarbe, während die Leipzigerin Julia Schmidt auf MDF-Platten malt. Ansonsten erinnert hier nichts an das Klischee einer „Leipziger Schule“. Schmidt malt „freigestellte“ Medienbilder im Anschnitt. Bei allem Realismus sind sie schwer zu entziffern. Alltag kann so seltsam sein.

Bewusst ins Abseits eines rückwärtigen Kinoraums wurde Clemens von Wedemeyers Videoerzählung „Die Probe“ gerückt. Die widersprüchliche Filmhandlung spielt sich ebenfalls „backstage“ ab. Ein Politiker probt eine Abdankungsrede, dann verschwindet er in Richtung Tribüne. Frenetischer Applaus, kurz darauf wird der Volksvertreter – offenbar doch als Präsident gewählt – auf der Hinterbühne gefeiert und repetiert sein Manuskript. Die Anschlussstelle des 12-Minuten-Loops bleibt unsichtbar. Machtrausch und weise Umkehr sind endlos verschränkt. Absurd? Utopisch? Das Urteil bleibt – selbstredend – dem Betrachter freigestellt. Jens Hinrichsen

Deutsche Guggenheim, Unter den Linden 13/15, bis 22. Juni.

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