Kultur : Freiheit der Kunst

Der Streit um die Flick-Collection: ein Gespräch mit Kurator Eugen Blume

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Im Tagesspiegel vom 19./20. Mai war folgende Äußerung von Eugen Blume, dem Leiter des Hamburger Bahnhofs und Kurator der geplanten Berliner Präsentation der FlickCollection, in indirekter Rede zu lesen: Kunst schaffe stets eigene geistige Räume und setze sich über episodenhafte Ereignisse der Geschichte hinweg. Die bedauerlicherweise missverständlich zusammengefasste Interviewpassage hat heftige Reaktionen ausgelöst. So forderte Michael Fürst, Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Niedersachsen, Eugen Blumes Absetzung. Zur Klarstellung geben wir das Gespräch hier vollständig wieder (d.Red.).

Was ist Ihr Standpunkt in der Auseinandersetzung um die Sammlung Flick?

Ich denke, dass der Eintritt von Herrn Flick in das Kunstsammeln sehr spät in unserem Jahrhundert liegt, im späten 20. Jahrhundert beginnt, es ist noch nicht lange her. Er hat, was immer seine Motivation ist, wichtige Werke aus der zeitgenössischen Produktion zu einer Sammlung vereint. Ich denke, dass diese Werke jetzt nicht durch irgendetwas außerhalb der Kunst berührt werden sollen. Ich würde das trennen. Ich würde die Werke, die durch dieses Engagement in der Sammlung sind, freisetzen wollen. Das machen wir ja auch hier im Hamburger Bahnhof. Das ist auch der Sinn, warum privates Engagement sich mit öffentlichem verbündet. Wir setzen die Werke sozusagen frei. Wir geben sie unter den Schirm der Institution, die andere Aufträge hat als ein Privatsammler, was ganz natürlich ist.

Und dann gibt es die andere Seite. Die Seite der Geschichte der Flick-Familie, der von Friedrich Christian Flick. Seine Art in der Gesellschaft zu sein: Das ist noch einmal ein anderes Thema. In der Sammlung befinden sich ja Werke von Luc Tuymans, der ein Künstler ist, der in gewisser Weise eine neue Art der Historien-Malerei erfunden hat. Tuymans ist weitergegangen als Gerhard Richter, der sich auch zu dem Thema Geschichte bekannt hat. Mit Tuymans habe ich ja selber eine Ausstellung zum Thema Wannsee-Konferenz gemacht, also zum Thema der industriemäßigen Vernichtung der Juden in ganz Europa. Tuymans ist jemand, der ganz dicht an dem Thema arbeitet. Ich weiß von Tuymans, dass er genau beobachtet, in welcher Sammlung er ist und in welchem Kontext seine Bilder stehen.

Also das ist Ihr Credo: diese Dinge voneinander getrennt zu halten und zu erkennen, dass es hier eine Möglichkeit gibt, Kunst zu zeigen und zugänglich zu machen, die nicht in Haftung genommen werden sollte für das Familiäre, Politische?

Kunst betritt einen viel größeren Raum als dieses spezielle Thema. Das wissen wir ja, und wir haben mit unseren Beständen die Erfahrung, dass Kunst diese Räume immer wieder aktualisiert, über Jahrhunderte hinweg. Kunst fällt niemals zurück auf diese ganz konkreten episodenhaften – ich will das nicht herunterreden, überhaupt nicht – episodenhaften Ereignisse in der Geschichte. Auch Kunst des 16. Jahrhunderts steht in einem unglaublichen Gewaltzusammenhang und erhebt sich darüber, auch wenn sie Gewalt thematisiert. Es geht immer in den Geist des Raums.

Im Umgang mit Herrn Flick habe ich erfahren, dass sich hier nicht jemand spekulativ sozusagen entschuldet mit einer Richtung von Kunst, die im weitesten Sinne politisch zu nennen ist. Auch Bruce Nauman ist ja nicht jemand, der in die Tagespolitik eingreift, aber der durchaus politisch interessiert ist und dieses Politische in seinem Werk hat.

Das finde ich gut an der Persönlichkeit von Flick: dass er im Bewusstsein dieser Wunde in der Familie auch als Sammler handelt. Also besonders sensibilisiert ist für Künstler, die solche Prozesse aufnehmen und die sie dann erweitern in ihrem Kunstwerk. Ich finde, man darf jetzt nicht einige Felder so vermischen, wie es jetzt geschieht. Da muss man schon getrennt und differenziert sprechen, auch über die Erträge, die wir haben werden, wenn wir die Sammlung veröffentlichen.

Wenn man den Ertrag der Präsentation mal abwägen würde – was natürlich eine unsinnige Konstruktion ist –, dann geben wir ja etwas in die Öffentlichkeit. Wir geben einen geistigen Raum frei, der letztendlich auch dazu beiträgt, wenn ich das pathetisch sagen kann, dass solche Dinge wie in der Familie Flick, dieser gnadenlose Kapitalismus des Großvaters, der sich skrupellos mit den Nationalsozialisten verbunden hat, infrage gestellt werden. Sie stehen eben nicht im Schatten dieser Kunst, es verhält sich gerade umgekehrt. All diese Dinge geraten damit noch mehr ans Licht.

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