Kultur : Freiheit für die Elbe!

Das Sommerfestival in Hamburgs Kampnagelfabrik, zum letzten Mal unter Matthias von Hartz.

Katrin Ullmann

Muss wirklich immer alles wachsen? 12 384 Schuhkartons oder 30 000 Flachbildschirme passen in einen Container, 5000 bis circa 10 000 Container auf ein Schiff. Bis 2015 wird sich der Containerumschlag im Hamburger Hafen verdoppeln – das prognostiziert der Senat. Also muss die Köhlbrandbrücke abgerissen werden; mit ihren 54 Metern ist sie zu niedrig ist für die ganz großen Schiffe. Und auch die geplante, noch umstrittene Elbvertiefung „wird kommen“, konstatiert Matthias von Hartz.

Zum Thema „Grenzen des Wachstums“ hat von Hartz, der in London Ökonomie studierte, dieses Jahr in die Hamburger Kampnagelfabrik eingeladen. Es ist sein fünftes und letztes Sommerfestival, „das größte aller Zeiten“, sagt er – und fügt ironisch hinzu: „Das ist ja das Schöne am Wachstum: Jedes Jahr wird alles größer“. Ab 2013 wird der künstlerische Leiter das Festival „Foreign Affairs“ der Berliner Festspiele verantworten.

Zur Eröffnung lud von Hartz zu einer „Hafenkonzertrundfahrt über die Wachstumsgrenzen“. Schorsch Kamerun und Fabian Hinrichs bestreiten diese einstündige Rundfahrt mit recht armseliger Jungslyrik über Berlin, MTV und das Kinderkriegen. Ein paar Moritaten später weiß man wieder, wie Container aus der Nähe aussehen und wie Fischbrötchen schmecken. Die anschließende Choreografie von Boris Charmatz / Musée de la danse hingegen hat Gehalt. Zwei Dutzend Tänzer führen in „Enfant“ die immer gleiche Bewegungen aus und erzeugen enervierende Rastlosigkeit. Die Gruppe arrangiert sich dabei immer neu, ist Individuum und Masse, ist koordiniertes Chaos und wabernde Menge. Der französische Ausnahmechoreograf zeigt in seiner Großproduktion die konzentrierte Mechanik des Alltags voll zwanghaftem Bewegungsdrang.

Neben Charmatz werden die Kampnagelhallen bespielt von der New Yorker Theatergruppe „Nature Theater of Oklahoma“ mit ihrer Produktion „Life & Times – Episodes 3 & 4“und der belgischen Theaterkompanie Rosas mit ihrer radikalen Produktion „Elena’s Aria“ von 1984, in der Anne Teresa de Keersmaekers selbst mittanzt. Auch die argentinische Performerin Lola Arias mit ihrem neuem Stück „Melancholie und Protest“, in der sie die Depressionen ihrer Mutter recht kunstarm bebildert, gehört mittlerweile zu den regelmäßig geladenen Gästen.

Zwischen den Aufführungen konnte man beobachten, wie der spanische Künstler Santiago Serra eine aus Keksteig gebackene griechische Halbinsel Bioschweinen zum Fraß vorwarf; oder man konnte in Tino Sehgals Mitmach-Installation „This is Exchange“ seine eigene Meinung zur Marktwirtschaft verkaufen.

Der Theaterabend „Prometheus in Athen“ von Rimini Protokoll, der Statistik in menschliche Schicksale verwandelt, zählte zu den Höhepunkten des Festivals. Genauso wie die faszinierende Arbeit von Lundahl & Seitl. In ihrer Performance „Symphony of a Missing Room“, die an die Audiowalks von Janet Cardiff erinnert, entführt das schwedisch-englische Künstlerduo den Teilnehmer auf eine gemeinschaftliche und doch sehr persönliche Reise durch die Ausstellungsräume der Hamburger Kunsthalle. Mit Kopfhörern und einer speziellen Brille ausgestattet, von einer beschwörenden Stimme und einer fremden Hand geführt, durchwandert er (blind) die Museumsräume und zugleich die imaginierten Räume aus der Tonspur. Es ist ein Spiel mit den Sinnen, mit Illusionen und Realitäten, eine sensorische Verwirrung in Raum und Zeit – voller mentaler Bilderwelten.

Dem Themenschwerpunkt widmet von Hartz außerdem einen „Marathon mit elf Perspektiven“. Mit Vorträgen, Lectures Performances, Musik und Positionsbestimmungen wird auf Kampnagel eine ganze Nacht lang das Thema Wachstum bespielt. Da trifft der Politologe Ulrich Brand auf die Performancegruppe Ligna, der Autorin Kathrin Röggla auf den Musiker Peter Licht. Parallel dazu ruft das aktivistische Künstlerkollektiv Schwabinggrad Ballett mit Blick auf die Hamburger „Cruise Days“ zur Mitternachtsversammlung auf und sucht nach „Alternativen zu Ausplünderung, Verarmung und Entmündigung“.

An diesem Wochenende geht das  Sommerfestival mit dem legendär gewordenen Orchesterkaraoke zu Ende. Manchmal ist Wachstum doch gut: Innerhalb von fünf Jahren hat sich das Sommerfestival auf Kampnagel unter Matthias von Hartz zu einem großartigen Kulturereignis ausgewachsen. Und zwar stets mit gesellschaftspolitischen Fragestellungen, sei es zu Wasserknappheit und Klimawandel, Konsum und Gemeingütern - oder eben zum immer effizienteren Ausbau der Elbe. Katrin Ullmann

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