Kultur : Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit

Andrei S. Markovits

Ökonomische Chancen wurden genutzt - doch es fehlt an ToleranzAndrei S. Markovits

Jubiläen sind etwas Künstliches und haben nur symbolischen Wert. Das gilt für die unzähligen Rückblicke anlässlich der Jahrtausendwende genauso wie für den zehnten Jahrestag des Mauerfalls. Trotzdem bietet auch dieses Jubiläum Gelegenheit, Bilanz zu ziehen. Und da dies eine sinnvolle Tätigkeit ist, die kaum Schaden anrichtet, kann man nur sagen: Je mehr, desto besser.

Ich hatte mir die deutsche Wiedervereinigung als ungebremste Erfolgsgeschichte vorgestellt, deren langfristiges Ergebnis mir Sorgen bereiten würde. Sowohl die reale Entwicklung als auch meine eigenen Reaktionen darauf habe ich allerdings nur teilweise richtig eingeschätzt. Nach wie vor halte ich die Vereinigung für einen bedeutenden Erfolg: und zwar auf der Ebene der politischen Institutionen, die das System definieren. Entscheidend ist, dass die liberale demokratische Ordnung Westdeutschlands zum erfolgreichen Funktionsmodell des gesamten Landes geworden ist. Das klingt trivial, ist es aber angesichts der Greuel deutscher Geschichte im dahinschwindenden Jahrhundert nicht. Erwartet hatte ich auch, dass die wirtschaftliche Vereinigung weit schwieriger würde als die institutionelle, wenn auch keineswegs unmöglich.

Was dagegen völlig überrascht hat: Die kulturellen Unterschiede zwischen Ost und West sind nicht nur viel tiefer, als ich es mir je hätte vorstellen können - sie wachsen von Tag zu Tag. Das überrumpelt mich in meiner eigenen intellektuellen, ja sogar emotionalen Identität. Als Liberaler habe ich der Freiheit immer höchsten Wert zugeschrieben und erwartet, dass sie, einmal gewonnen, eine starke Bindung und Zuneigung des Ostens zum Westen hervorrufen würde. Als Sympathisant eines moderaten reformerischen Marxismus hatte ich geglaubt, 40 Jahre sozialistischer Herrschaft hätten eine Art von Internationalismus jenseits der Parteitagsparolen hervorgebracht.

Ich habe mich geirrt. Langzeituntersuchungen zeigen, dass eine große Zahl der Ostdeutschen die Freiheit im besten Fall als Last, im schlimmeren Fall als Trick oder Spielerei betrachten, die zur Verbesserung der alltäglichen Lebensverhältnisse der meisten Menschen nur wenig beiträgt. Im Gegenteil, sie scheint manchmal ihr Elend noch zu begünstigen. Dieses Gefühl manifestieren die Ergebnisse der vergangenen Landtagswahlen. Viel schlimmer noch ist die Bedrohung durch potentielle Gewalt in den Städten und Dörfern Ostdeutschlands. Beides zeigt, dass eine bestimmte fremdenfeindliche Kultur in Teilen der ostdeutschen Bevölkerung akzeptabel, vielleicht sogar vorherrschend geworden ist. Diese Stimmung geht über die harten Wählerzahlen weit hinaus. Sie ist aber mindestens so aussagekräftig - und weitaus gefährlicher, weil sie ständig latent vorhanden ist und sich schubweise entlädt. Wenn, wie in den jüngsten Landtagswahlen in den neuen Bundesländern, mehr junge Männer zwischen 18 und 28 Jahren ihre Stimmen einer Ansammlung neofaschistischer Parteien geben als der SPD, hat man ein Problem. Darüberhinaus verdeckt die auffällige Präsenz der PDS noch einmal eine Menge potentieller Wähler des rechten Flügels, was das Gesamtbild noch trostloser erscheinen lässt.

Neben diesen erschreckenden Zeichen hat sich aber offensichtlich eine klare ostdeutsche Identität herausgebildet, die sehr wenige, wenn überhaupt jemand unter uns Sozialwissenschaftlern vor, während und kurz nach der Wiedervereinigung erwartet hätten. Diese Kultur hat nichts mit der so genannten "Ostalgie" zu tun. Viel eher würde ich sie als "Trotzkultur" bezeichnen, eine Selbstdefinition in Abgrenzung gegen den Westen. Diese Trotzkultur ruft oft weichzeichnend die DDR-Vergangenheit in Erinnerung - man höre sich nur die Sprechchöre der rasenden "Eisbären"-Fans im ehemaligen "Dynamo"-Stadion in Hohenschönhausen an. Weit komplexer als einfach ein Loblied auf die DDR, bildet sie inzwischen einen integralen Bestandteil der deutschen Politik und führt zu einer bizarren Entwicklung: Nicht die DDR ist im Schwinden begriffen, sondern die Bundesrepublik.

Die Bundesrepublik forderte für sich ein, das einzig legitime Deutschland zu sein. Darüberhinaus gab es eine Makrokultur, in der Deutschland immer, die Bundesrepublik aber nie dargestellt wurde: Niemand hat jemals "Bundesrepublik" geschrien, um deutsche Sportler anzufeuern. Im Gegensatz zur nominellen Realität wird die kulturelle Wirklichkeit der Bunderepublik im neuen Deutschland überflüssig. Nicht aber die Realität der DDR. Sie wird als regionale Besonderheit in der Berliner Republik fortleben.

Meine anfängliche Skepsis, was das Ergebnis der Wiedervereinigung betrifft, konzentrierte sich fast ausschließlich darauf, dass Deutschland auf Kosten seiner Nachbarn und anderer Staaten in der internationalen Arena dramatisch an politischer Macht hinzugewinnen würde. Zugegeben: Zehn Jahre sind eine kurze Zeit. Dennoch liegen meine Bedenken heute nicht mehr in diesem Bereich. Heute fürchte ich viel mehr, dass die deutsche Gesellschaft immer noch einen weiten Weg vor sich hat, um sich vom Bodensatz eines unverhohlenen Rassismus und Antisemitismus zu befreien. Wenn Besucher eines Harald-Juhnke-Konzerts in Berlin eine schwarze Jazzsängerin mit den Rufen "Weg mit der Negerschlampe" beschimpfen, ist das aus einem einfachen Grund wirklich furchterregend: Ganz abgesehen von der für mich unbegreiflich beleidigenden Wortwahl, ist es sehr wahrscheinlich, dass diese Leute nicht aus der rechtsradikalen Szene kommen, keine Asylantenheime anstecken würden, kurz: gute und rechtschaffene deutsche Bürger sind. In ihrem Wunsch, ihren Helden zu hören, verloren sie für einen kurzen Moment die Kontrolle und offenbarten ihre wahren Gefühle. Juhnke brach die Show ab, was ihm sehr zur Ehre gereicht. Aber im Anschluss an das grauenhafte Ereignis lautete der Tenor der Reaktionen vorrangig: Was wird "das Ausland" dazu sagen? Das Inland, welches eigentlich das einzig wirklich Wichtige sein sollte, scheint weniger zu interessieren. Man fühlt: Der Deckel, der deutschen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit unter Kontrolle hält, stammt nicht aus innerer Überzeugung. Man hört sie nur nicht so oft, weil "das Ausland" vermeintlich den Deutschen in einer Art political correctness aufzwingt, was sie sagen, denken und fühlen sollen. In keinem anderen europäischen Land, außer vielleicht Österreich, empfinde ich so wie in Deutschland eine Kluft zwischen dem, was Menschen mir ins Gesicht sagen, und dem, was sie in Wahrheit denken.

Hinzu kamen Vorfälle wie der im Frühjahr, als ein mit dem Namen "Bubis" bemaltes Schwein über den Berliner Alexanderplatz getrieben wurde. Oder die ständige Entweihung jüdischer Friedhöfe bis hin zu der jüngsten pogromähnlichen Massenzerstörung jüdischer Grabsteine in Berlin-Weißensee. Solche Ereignisse haben ein Ausmaß angenommen, das selbst die späten Jahre der Weimarer Republik übertrifft. Im Übrigen zeigt sich die Unfähigkeit oder Unwilligkeit der Behörden, solche Ausschreitungen mit uneingeschränkter Härte und mit Weitblick zu betrafen. Das alles hat zu einer Atmosphäre der Desensibilisierung geführt, in der über viele derartige Vorkommnisse nicht einmal mehr berichtet wird. Sie wurden zum deutschen Alltag.

Auch hätte ich mir nie träumen lassen, dass eine Regierung aus Sozialdemokraten und Grünen sich zu einem so erbärmlichen Schachern wie im Falle der "Entschädigung" der noch wenigen überlebenden Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter hergeben würde. Anstelle von Großzügigkeit gegenüber den Opfern einer der größten Monstrositäten dieses Jahrtausends lässt sich die Regierung auf banalste Feilscherei ein. Wenn man dann noch den "Amicus Curiae"-Brief an den US-amerikanischen Gerichtshof bedenkt, in dem die deutsche Regierung Degussa als Opfer des Nazi-Regimes statt als seinen willigen Helfer darzustellen versucht, dann wird mir die schmerzhafte Seite der deutschen Erfolgsgeschichte bewusst.

Selbstverständlich gefährdet nichts von alledem Deutschlands stabile Demokratie. Genauso wenig stellt es die stark präsenten Gegenkräfte gegen rassistische Tendenzen in Frage. Es bedeutet einfach, dass ich, während ich meine Einschätzung der deutschen Entwicklungen Revue passieren lasse, Revisionen vornehmen muss. Vor zehn Jahren lag ich nicht völlig falsch. Ich war höchstens ein wenig zu positiv. Vielleicht werden sich meine Korrekturen im Jahr 2010 als zutreffender erweisen. Der Sozialwissenschaftler in mir wünscht es. Der Optimist in mir aber erhofft es ganz sicher nicht.

Andrei S. Markovits (51) lehrt Politik und Soziologie an der University of Michigan, Ann Arbor. Er war Fellow am Berliner Wissenschaftskolleg und veröffentlichte im Alexander Fest Verlag "Das deutsche Dilemma. Die Berliner Republik zwischen Macht und Machtverzicht". Aus dem Amerikanischen von Sonja Bonin.

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